Efraim Halevy, 84, war von 1998 bis 2002 Chef des israelischen Geheimdienstes Mossad.
Foto: laif/Jonas Opperskalski  

Tel AvivEin Wohnhaus im Norden Tel Avivs, eine Haustür, ein Klingelschild, viele Namen, darunter Efraim Halevy. Als wäre er ein ganz normaler Tel Aviver und nicht der ehemalige Chef des israelischen Geheimdienstes Mossad. Einer, der Terroristen jagte, Staatskrisen löste und mit Ex-Premierminister Yitzhak Rabin Friedensverträge aushandelte. Von allen Mossad-Chefs in der Geschichte Israels gilt Halevy als der besonnenste und diplomatischste. „Good morning“, sagt er, macht Tee für sich und Kaffee für den Gast, setzt sich aufs Sofa und redet über sein Leben, sein Land und seine Sorgen. Er ist fast 85 und hellwach.

Vor ein paar Tagen hat der israelische Geheimdienst in Gaza einen Führer des Islamischen Dschihad ermorden lassen. Was bringen solche Aktionen?

Es geht immer darum, Leben zu retten. Im konkreten Fall haben wir es mit Baha Abu al-Ata zu tun, einem Mann, der den Norden von Gaza kommandierte und Raketenangriffe auf Israel befohlen hat. Seine Angriffe hatten kein konkretes Ziel. Durch sie sollten unschuldige Menschen ermordet werden, egal welchen Alters, auch Kinder, alte Leute. Er war eine Bedrohung für Israel.

Hatten Sie vorher schon von ihm gehört?

Ich wusste seit langem von ihm.

In Israel wird darüber gerätselt, warum dieser Mann ausgerechnet jetzt an der Reihe war, ob es mit den politischen Schwierigkeiten des noch amtierenden Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu zu tun hat. Eine Zeitung schrieb: Sein Name, den vorher niemand gehört hatte, wurde in den letzten Wochen so oft vom israelischen Militär benutzt, dass ein palästinensischer Fernsehkommentator prophezeite: Die Israelis bringen ihn demnächst um.

Davon weiß ich nichts. Aber auf jeden Fall gibt es einen persönlichen Bezug zu unserem Premierminister: Vor ein paar Wochen musste Netanjahu im Wahlkampf die Bühne verlassen, weil der Islamische Dschihad eine Rakete aus Gaza nach Aschdod abgeschossen hatte.

Netanjahu hat später viel Spott für diesen Auftritt geerntet.

Ja, er musste seine Rede in der Mitte unterbrechen und in einem Bunker Schutz suchen. Das war kein besonders vorteilhafter Auftritt, nicht das Bild, das deine Wähler von dir sehen wollen.

Und deswegen hat er al-Ata umbringen lassen?

Das war sicher nicht der Hauptgrund für die Operation, aber vielleicht der Auslöser. Bereits in der Vergangenheit wurde mehrfach darüber diskutiert, sich seiner zu entledigen. Grundsätzlich ist meine Haltung zu solchen Operationen: Ja, manchmal sind sie notwendig, um zu zeigen, es bringt nichts, uns anzugreifen. Aber nur auf Abschreckung zu setzen, ist keine langfristige Politik. Es gibt in Gaza eine Arbeitslosenrate von 60 bis 70 Prozent. Die Menschen leben unter schlechten Bedingungen, haben nur ein paar Stunden am Tag Elektrizität, Wasser ist ein großes Problem. Ich denke, auf lange Sicht müssen wir den Dialog mit der Hamas suchen.

Die Hamas hat sich an den Angriffen auf Israel diesmal nicht beteiligt. Ist das bereits eine Art von Dialog?

Ja und nein. Wir reden nicht direkt mit ihnen, sondern über die Ägypter. Das Problem ist aber, wenn du über Vermittler verhandelst, erreichst du weniger, als wenn du es direkt tust. Denn dann siehst du die andere Seite, verstehst sie vielleicht, und die andere Seite versteht dich, es entwickelt sich eine gewisse Art von Vertrauen. Nur dann kann es wirklich zu einem Durchbruch kommen.

Und warum wird es nicht so gemacht?

Weil es immer heißt: Mit Terroristen redet man nicht. Es kommt mir fast wie ein religiöser Glaube vor, dieser Vorsatz. Aber Terrorismus ist kein losgelöstes Problem, es ist Teil eines größeren Zusammenhangs.

Efraim Halevy.
Foto: laif/Jonas Opperskalski
Zur Person

Efraim Halevy wurde 1934 in London geboren, kam 1948 nach Israel, besuchte eine religiöse Schule und studierte Jura an der Hebräischen Universität in Jerusalem.
Zum Mossad kam er 1961, weil er wegen eines Herzfehlers nicht im Militär dienen konnte. Von 1990 bis 1995 war er Stellvertreter, von 1998 bis 2002 Leiter des Mossad, der einzige zivile Chef des Geheimdienstes. Von 1996 bis 1998 vertrat er Israel als Botschafter bei der EU in Brüssel. An der Seite von Yitzhak Rabin handelte er 1995 den Friedensvertrag mit Jordanien aus. 1998 gelang es ihm im Fall Maschal, durch sein Verhandlungsgeschick und seine guten Beziehungen zu König Hussein eine Staatskrise zu verhindern. Nach seinem Ausscheiden aus dem Mossad war Halevy Chef des Nationalen Sicherheitsrates in Israel. Efraim Halevy lebt mit seiner Frau in Tel Aviv. Er hat zwei Kinder und sechs Enkelkinder.

Warum hat Israel früher mit Leuten verhandelt, die als Terroristen galten, Yasser Arafat zum Beispiel, und jetzt nicht mehr?

Es stimmt, es wurde damals verhandelt, aber man darf nicht vergessen, dass das Osloer Friedensabkommen in der israelischen Gesellschaft von Anfang an sehr umstritten war und letztlich zur Ermordung von Premierminister Yitzhak Rabin geführt hat.

Sein Killer war ein fanatischer Religiöser, der die Rechtfertigung für den Mord in der Tora gesucht hat.

Er war ein Einzeltäter, aber er steht für viele. Ich erinnere mich sehr gut an die Zeit, sehr, sehr gut.

Sie kannten Rabin gut?

Ja, ich war stellvertretender Chef des Mossad, als er Premierminister war. Vier Tage bevor er umgebracht wurde, bin ich aus dem Mossad ausgeschieden. Rabin wollte zu meiner Abschiedsfeier kommen, als Ehrengast, am 8. November 1995. Die Party wurde abgesagt wegen seines Todes. Meine Abschiedsfeier fand nie statt.

Wie haben Sie Rabin kennengelernt?

In Washington Ende der 60er. Er war israelischer Botschafter, ich war der Mossad-Vertreter. Alle Nachrichten zwischen der israelischen Premierministerin Golda Meir und ihm gingen über mein Büro. Das bedeutete: Ich wusste alles, was er wusste. Und wir verstanden uns wirklich gut, haben uns vertraut und auch später, als er Premierminister wurde, eng zusammengearbeitet.

Sie haben zusammen Friedensverträge ausgehandelt, zum Beispiel den zwischen Israel und Jordanien, der nun, 25 Jahre später, in Gefahr ist. Die Beziehungen haben sich in den letzten Wochen dramatisch verschlechtert. Sind Sie enttäuscht über die Entwicklungen?

Ja, ich bin sehr traurig und sehr verstört, was heute von unserem Vertrag übrig geblieben ist. Der Frieden mit Jordanien wurde damals von mehr als hundert Knesset-Mitgliedern verabschiedet. Es gibt keinen anderen Vertrag, der so eine große Mehrheit hatte, und heute will niemand mehr davon etwas wissen.

Haben Sie noch Kontakte zu Jordaniern, mit denen Sie damals den Friedensvertrag verhandelten?

Ja, ich habe gerade in Jordanien an einem Treffen mit unseren früheren Verhandlungspartnern teilgenommen. Keiner hat mich darum gebeten, noch einmal zu vermitteln, keiner hat mich gefragt. Ich habe das auch nicht erwartet. Es zeigt, dass die Verhandlungen gescheitert sind, es zeigt Israels Versagen. Wir hatten 25 Jahre Zeit. Wir hätten sie nutzen können.

Was ist passiert in diesen 25 Jahren?

Man darf nicht vergessen, dass in Jordanien viele Palästinenser leben, die nach 1948 und 1967 dorthin geflohen sind. Die Frau des Königs Abdullah zum Beispiel ist aus Nablus. Die Krisen häufen sich, die Distanz zwischen dem König und dem israelischen Premierminister wird immer größer. Auch zu den USA. In den letzten drei Jahren hatten die USA keinen Botschafter in Jordanien. Ein jordanischer Diplomat erzählte mir, er habe einen US-Kollegen gefragt: Warum schickt ihr keinen? Die Antwort war: Es ist nicht notwendig. Auch wirtschaftlich geht es Jordanien nicht gut. Als ich vor zwei Wochen dort war, habe ich auch ein Flüchtlingslager besucht. Sie haben eine Million Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen, die in Zelten leben und nach Arbeit suchen, billige Arbeitskräfte, die anderen ihre Arbeit wegnehmen. Das sorgt für viel Unmut.

Haben Sie auch König Abdullah getroffen?

Nein, diesmal nicht. Ich kenne ihn seit langem, schon als er noch ein Teenager war. Als der alte König starb, war ich Mossad-Chef. Wir hatten ein sehr gutes Verhältnis und ich habe auch nach dem Abschluss des Friedensvertrages noch oft zwischen beiden Ländern vermittelt. Sie haben vielleicht von der Maschal-Affäre gehört.

Ja, Chalid Maschal war ein Hamas-Führer, der 1997 von einem Mossad-Kommando vergiftet werden sollte. Aber die Aktion ging schief.

Folgendes war passiert: Vor dem Mossad-Komplott hatte die Hamas in Jerusalem auf dem Yehuda-Markt einen Terroranschlag verübt. Israelis wurden ermordet. Es gab einen Aufruhr in der Bevölkerung. Der Premierminister …

Das war damals Benjamin Netanjahu in seiner ersten Amtszeit?

Ja, er sagte: Wir müssen reagieren, zeigen, dass wir so etwas nicht tolerieren. Der Mossad hat ein Ziel gesucht, und das war Maschal, kein besonders hochrangiges Hamas-Mitglied. Austragungsort war Amman.

Hatte Maschal etwas mit dem Terroranschlag in Jerusalem zu tun?

Nein, er gehörte zum politischen Flügel der Hamas. Es ging Israel um Vergeltung. Ich sage Ihnen ganz ehrlich: Als ich damit beauftragt wurde, habe ich gedacht, das kann eine große Krise auslösen zwischen Israel und Jordanien. Sechs israelische Geheimagenten waren an der Operation beteiligt gewesen. Zwei waren von den Jordaniern verhaftet worden, vier hatten sich in die israelische Botschaft geflüchtet. Das jordanische Militär hatte die Botschaft umstellt und war bereit zuzuschlagen.

Dann sind Sie ins Spiel gekommen, obwohl Sie gar nicht mehr beim Mossad waren, sondern israelischer Botschafter in Brüssel.

Ja, an einem Freitagmorgen, kurz vor Sabbatbeginn. Die Presse hatte noch nichts mitbekommen und sollte auch nichts erfahren. Mir war klar, dass wir den Fall bis Sonntag lösen müssen, um einen Aufruhr im Land zu verhindern. Der König wollte aber keinen Israeli sprechen. Er ließ mir ausrichten: Sie mischen sich da nicht ein!

Sie haben es trotzdem gemacht?

Die Angebote Israels gingen nicht weit genug, waren nicht ernst gemeint. Ich sagte zu unseren Leuten: Ihr müsst eins verstehen: Maschal ist Jordanier, der König ist unter Druck. Ich schlug vor, den Chef der Hamas freizulassen, der in israelischer Haft saß, und ihn nach Jordanien auszuliefern. Alle waren geschockt. Der Premierminister sagte zu mir: Niemals! Denken Sie sich was anderes aus! In der Nacht zu Sonnabend bat König Hussein Präsident Clinton um Hilfe und kündigte eine internationale Pressekonferenz an. Er sagte nicht, was er verkünden wollte, aber ich war sicher, er würde den Friedensvertrag suspendieren. Sonnabendmorgen rief mich Netanjahu an und sagte: Machen Sie!

Der Hamas-Chef wurde freigelassen, die Israelis auch. Sie haben eine Staatskrise verhindert, und als Dank machte Netanjahu Sie zum Mossad-Chef und versprach Ihnen lebenslange Freundschaft, habe ich gelesen.

Nein, nein, nein. Das hat er nicht versprochen. Er hat in diesen Tagen überhaupt nur zweimal kurz mit mir gesprochen. Er hat sich auch nie mit mir zusammengesetzt, um die Lage zu besprechen. Ich habe auch nie Berichte über die Verhandlungen geschrieben und wurde nie aufgefordert, es zu tun. Es gibt innerhalb des Mossad keinen einzigen Bericht darüber. Auch nicht über mein Gespräch mit dem König. Niemand hat mich jemals danach gefragt.

Warum nicht?

Was denken Sie? Es war keine besonders angenehme Sache für die israelische Regierung, oder?

Stehen Sie in Kontakt mit Netanjahu?

Nein.

Fragt er Sie nie nach Ihrer Meinung?

Nein. Mit Staatsangelegenheiten habe ich nichts mehr zu tun. Ich bin ein freier Bürger Israels, ich sage meine Meinung offen. Ich sage, dass wir mit der Hamas verhandeln sollten. Ich sage, dass wir mit den Iranern verhandeln sollten. Bis zur Islamischen Revolution 1979 hatten wir gute Beziehungen zu ihnen. Nicht nur zum Schah, auch zu den Menschen dort. Wenn man mit dem Feind nicht spricht, zahlt man einen hohen Preis, in jeder Hinsicht.

Was zeichnet einen guten Mossad-Agenten aus?

Er sollte gut mit Menschen umgehen können, ein gutes Urteilsvermögen besitzen und moralische Prinzipien. Ein Freund von mir sagte einmal: Manchmal musst du die schmutzigsten Dinge tun, aber saubere Hände haben. Ich finde, das ist eine gute Formel.