BerlinJetzt hat auch Freyung-Grafenau seine 15 Minuten Ruhm im Corona-Chaos-Jahr. Das mit den 15 Minuten stammt von dem amerikanischen Künstler Andy Warhol. Er meinte damit, dass die von den Medien geprägte Aufmerksamkeit und Aufgeregtheit schnell von einem Objekt zum nächsten springt. An diesem Wochenanfang also geht der Blick in den östlichsten Landkreis Bayerns, der am Wochenende über einen Inzidenzwert von 400 gesprungen ist.

Das heißt, dort haben sich in den vergangenen sieben Tagen mehr als 400 Menschen pro 100.000 Einwohner mit dem Coronavirus infiziert. Nirgendwo in Deutschland ist dieser sogenannte Inzidenzwert höher. Und bevor Sie es selbst googeln: Der ganze Landkreis hat keine 80.000 Einwohner, es handelt sich also um einen statistischen Durchschnittswert. Man kann auch sagen: Auf einer Landkarte, die die Coronakreise mit roter Warnfarbe zeigt, ist Freyung-Grafenau dunkelrot. Der röteste Landkreis im politisch tiefschwarzen Bayern.

Das bemerkenswerte daran ist aber nicht die Farbgebung, sondern die Ratlosigkeit. Der Landrat der Gemeinde erklärte am Sonntag in einer Pressekonferenz sehr ehrlich, dass man nicht genau wisse, woher die hohen Infektionszahlen kommen. Das Infektionsgeschehen verlaufe „rapide, flächendeckend und diffus.“ Man könnte sagen, wir alle sind Freyung-Grafenauer.

Die Zahlen in den anderen Landkreisen der Republik sind nicht ganz so hoch, aber in den meisten Fällen ist ebenso wenig ein Muster erkennbar wie in Ostbayern. Wir können es uns nicht erklären, wer jetzt gerade wirklich schuld ist an den hohen Infektionszahlen.

Das ist die Situation, in der die Ministerpräsidenten mit der Bundeskanzlerin einmal mehr zusammenkommen, um eine erste Zwischenbilanz zum Teil-Lockdown zu ziehen, der ja leider nicht so erfolgreich ist, wie man sich das vorgestellt hatte. Die Zahlen der Neuinfektionen stiegen womöglich nicht mehr, so ganz weiß man das jetzt auch noch nicht, aber sie sind immer noch hoch. Es ist schwierig, in einer solchen diffusen Lage Entscheidungen zu treffen. Vermutlich ist es sogar unmöglich, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Während die, die es können, im Homeoffice arbeiten, sterben Kinos und Restaurants, Bars und kleine Privattheater einen stillen Tod. Die Hilfsgelder für November werden, wenn sie denn kommen, daran für viele nichts ändern.

In der Zwischenzeit füllen sich die Geschäfte wieder. Ist ja sonst nichts los, und bald ist Weihnachten, da schaut man halt mal ein bisschen herum. Wir sollten das nicht tun, sagt die Kanzlerin. Andererseits: Ohne Umsatz wäre als nächstes der Einzelhandel fällig. Man kann in diesen Tagen, egal ob Politikerin oder Privatmensch, vermutlich nur die falschen Entscheidungen treffen.

Das wird nirgendwo so deutlich wie in der Schule. Nach Empfehlungen des Robert Koch-Institutes müssten die Klassen längst geteilt werden. Weil die Behörden mit dieser Organisation überfordert sind, werden die Empfehlungen ignoriert. Die Politik tut stattdessen so, als erfülle sie damit ein Versprechen: Wir schließen die Schulen und Kitas nicht mehr, ihr könnt Euch darauf verlassen, soll das heißen. Mit „ihr“ sind die Eltern gemeint. Lehrer und Erzieher müssen sich sagen lassen: Augen auf bei der Berufswahl. Die Jugendlichen wiederum dürfen jetzt lernen, wie man fette Widersprüche definiert: Morgens ohne Abstand und Maske im Unterricht mit allen denen eng auf eng sitzen, mit denen man sich nachmittags auf keinen Fall verabreden darf. Wahre Helden sitzen allein mit Chips zuhause vor dem Fernseher – ganz so wie das die Bundesregierung in ihren furchtbar lustigen neuen Spots vermitteln will.

Noch schlimmer aber ist die Situation in den Kliniken. Von dort gibt es Hilferufe, wie man sie im Frühling nicht gehört hat. Die Intensivbetten und vor allem das Personal dafür werden wirklich knapp. Jetzt wird schon ernsthaft erwogen, positiv getestetes Personal weiterarbeiten zu lassen. Vielleicht setzt man sie auf Stationen ein, auf denen früher oder später die sogenannten Querdenker liegen werden, die ohne Maske Polonaisen durch die Innenstädte tanzten?

Noch ein paar Tage, dann beginnt offiziell die Vorweihnachtszeit. Aber sie wird uns mit diesem verkorksten Jahr auch nicht mehr versöhnen. Wir sollten Adventskalender basteln, die bis zum 31. Dezember reichen. Dann ist dieses Jahr endlich vorbei. 2021 kann nur besser werden – egal, was die Ministerpräsidenten heute oder nächste Woche entscheiden. Und Freyung-Grafenau ist dann auch irgendwann wieder ein ganz normaler Landkreis in Bayern.