In meiner Jugend glaubten wir (jedenfalls einige von uns), dass die CIA Beruhigungsdrogen ins Trinkwasser einspeiste, um Bürger zu unkritischen Konsumenten zu versklaven. Sonnenklar, dass das Pyramiden-Auge auf dem Dollarzeichen auf eine Bilderberger-Verschwörung hinwies. Und natürlich waren ewig leuchtende Glühbirnen und wirksame Krebsmittel längst erfunden – nur hielt der Schweinekapitalismus diese Errungenschaften aus Profitgründen zurück.

Im Vergleich zu dem, was uns der Feuilletonchef einer seriösen Zeitung, Frank Schirrmacher, in seinem neuen Buch „Ego“ kredenzt, war das allerdings eher kalter Kaffee. Finstere Spieltheoretiker aus dem Pentagon, so die Kurzinhaltsangabe, tüftelten in den 60er-Jahren teuflische Methoden aus, die Menschheit zu unterjochen. Diese Methoden wurden von der Wall Street übernommen und gipfeln heute in einem Kapitalgefängnis, gegen das die „Schöne neue Welt “ von Aldous Huxley geradezu ein antiautoritärer Kindergarten ist.

Spieltheorie ist heute ein wichtiger Bestandteil der neuen Zukunftswissenschaften und beschäftigt sich mit der Frage, wie und unter welchen Umständen Menschen kooperieren, wann Systeme instabil werden, wo die sogenannten Tipping Points liegen. Spieltheorie handelt von der Verzahnung von Eigen- und Gruppeninteressen. Sie lässt sich zur Prognose von internationalen Spannungen einsetzen und kann unbedachte Handlungen, die zu Kriegen führen, verhindern.

Klar verteilte Alarmismus-Rollen

Der Film „13 Tage“ mit Kevin Costner zeigt das anhand der Kubakrise. In der politischen Prognostik kann man sie nutzen, um Bildungs-, Gesundheits-, Sozial- oder auch Steuersysteme zu verbessern. Von all dem findet sich in Schirrmachers Buch kein einziger Clou. Es ist so, als würde er den Bäckern die Schuld an der gigantischen Kohlenhydratverseuchung der Welt geben. Das ist auch – irgendwie – logisch.

Bislang waren die Alarmismus-Rollen klar verteilt. Die Linke war für die Verschwörungstheorien des bösen Geldes zuständig. Siehe neomarxistische Pamphlete wie „Empört Euch“ von Stéphane Hessel oder „Das Imperium der Schande“ von Jean Ziegler.

Im rechts-konservativen Bereich sorgte man sich um die Freiheit, das Individuum, die Bindungen. Jetzt verbindet Schirrmacher beides zu einer postideologischen Paranoia-Philosophie. Die Klage über den „überbordenden Egoismus“, so alt wie die Menschheit selbst, fusioniert mit der Vorstellung einer imperialen Kapitalmacht, die „den Menschen“ gleichsam umprogrammiert. Innere Zersetzung plus äußere Verschwörung – das ist der Stoff, aus dem Scientology-Weltbilder geformt sind. Dort wimmelt es, wie in Schirrmachers Prosa, ebenfalls von Monstern, Blutsaugern, Aliens und geheimen Unterdrückungsagenturen.

Man soll sich nichts vormachen: Der Bedarf nach solchen eindeutigen Weltbildern ist riesengroß. Doch auf Dauer werden alle Übertreibungen irgendwann relativiert. Alle Trends erleben eine Korrektur. Das verschwörungsaffine Publikum liebt seine eitlen Propheten, aber genauso schnell lässt es sie wieder fallen. Heute Talkshow, morgen Mehrzweckhalle. Das lässt uns die Hoffnung darauf, dass wir eines Tages wieder einen aufklärerischen Diskurs über die Zukunft führen können.

Matthias Horx ist Trend- und Zukunftsforscher