Der letzte Staatsratsvorsitzende der DDR, Egon Krenz.
Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

BerlinAm 8. November, kurz vor dem 30. Jahrestag des Mauerfalls, hat Egon Krenz etwas erhalten, worauf er dreißig Jahre lang verzichten musste: öffentlichen Dank für sein Handeln drei Jahrzehnte zuvor. Dank dafür, dass er als Staatsratsvorsitzender „Größe“ gezeigt habe, sein Ansehen und seinen sozialen Stand aufs Spiel gesetzt, indem er keinen Befehl zur Anwendung von Gewalt ausgab, als sich in der DDR die friedlichen Massen erhoben.

Den Dank ausgesprochen haben Silke und Holger Friedrich, die neuen Verleger der Berliner Zeitung, die sich den Lesern in ihrer „Berliner Botschaft“ vorgestellt haben. „Krenz hat mit dieser persönlichen Entscheidung Millionen Menschen selbstbestimmte, positive Lebenswege ermöglicht, die uns unter anderem diesen Text in dieser Zeitung veröffentlichen lassen“, schrieben sie.

Dankbarkeit ist eine höchst persönliche Regung, eigentlich verbietet sich Kritik. Aber öffentlich ausgesprochener Dank an eine Person der Zeitgeschichte kann sich ihr nicht entziehen. Darum dieser Einspruch.

Dreißig Jahre sind eine lange Zeit, eine ganze Generation ist seit dem Mauerfall erwachsen geworden. Der Abstand hilft, manche Dinge zu vergessen und andere klarer zu sehen. Aber er ändert nichts an der Verantwortung, die Egon Krenz in der DDR getragen hat. Eine Verantwortung, für die er sich selbst entschieden hat – denn Egon Krenz gehörte zu jenen, die in der DDR selbst über ihren Lebensweg entscheiden konnten. Seiner führte ihn an die Spitze eines Landes, dessen Führung zwar um die Unterstützung der Bevölkerung warb – die aber ohne dokumentierte Skrupel jene einschüchterte, die sie ihr versagten und jene erschoss, die sich ihr ganz entziehen wollten.

Egon Krenz
Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak
Egon Krenz

…wird 1937 in Kolberg, Pommern, geboren. 1944 flüchtet seine Mutter mit ihm nach Damgarten. Von 1963 bis 1967 studiert er an der Parteihochschule der KPdSU in Moskau.
…steigt schnell in der Partei auf, war lange Erster Genneralsekretär des Zentralrates der FDJ, seit 1983 Mitglied des Politbüros, dann Stellvertreter des Staatsratsvorsitzenden. Nach dem Sturz von Erich Honecker am 17./18. Oktober 1989 wird Krenz SED-Generalsekretär.
…steht in den neunziger Jahren in den Mauerschützenprozessen vor Gericht. Im Januar 2000 tritt er eine sechsjährige Haftstrafe an. Nach vier Jahren wird er entlassen.

Krenz selbst sendete ein deutliches Signal an die Bürgerrechtsbewegung, als er sich 1989 vom Staatsbesuch in Peking zu Wort meldete. Drei Monate nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens mit 2600 Toten sagte Krenz in der chinesischen Hauptstadt: „Die Tugend an sich ist die, dass man in dieser Welt von heute alles, aber auch alles lassen muss, was Destabilisierung fördert.“

Zum Wunder der Friedlichen Revolution gehört, dass diese Worte ihre Wirkung verfehlten. Krenz hatte schon keine Macht mehr, als er sie von Honecker übernahm. Anerkennung kann man ihm dafür zollen, dass er seine Position in seinen wenigen Wochen im Amt zumindest nicht missbrauchte. Aber danken? Danken sollte man ihm vielleicht dafür, dass er als Verantwortlicher für die gefälschten Kommunalwahlen im Mai 1989 der Revolution einen wesentlichen Impuls gegeben hat. Aber diesen Dank wird er wohl ausschlagen.

Krenz zu danken ist auch deshalb so schwierig, weil er selbst so wenig Dankbarkeit zeigt. Hat er sich je bedankt bei den Revolutionären, dass sie friedlich geblieben sind? Dass sie sein kaputtes Regime mit Worten zu Fall gebracht haben und indem sie sich unter Lebensgefahr in die Öffentlichkeit gewagt haben? Hat er sich bedankt dafür, dass er seinen Lebensabend ganz friedlich und offenbar ohne die seelischen Qualen verbringen kann, die viele Opfer des SED-Regimes bis heute plagen? Im ausführlichen Interview, das die Berliner Zeitung am vorigen Freitag veröffentlichte, hat er das jedenfalls nicht getan.

Schließlich sollte, wer Krenz würdigt, nicht jene ohne Dank lassen, die die Friedliche Revolution zustande gebracht haben: die Friedlichen. Es waren eben nicht die Starken, die Kämpferischen, die Brüller, die das Regime 1989 herausgefordert haben. Es waren die Leisen, jene, die sonst nicht in der ersten Reihe standen. Sie hatten die Größe, alles zu riskieren. Sie haben gezeigt, dass aus Verzweiflung Macht erwachsen kann.  Wir haben jeden Tag die Chance, ihnen zuzuhören statt den Mächtigen und den Brüllern. Das sollte die Inspiration und die Lehre sein, die wir aus dem Jahr 1989 mitnehmen. Krenz braucht unseren Dank nicht. Sie schon.