Der letzte Staatsratsvorsitzende der DDR, Egon Krenz.
Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

BerlinBei der Demonstration am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz war das Konterfei von Egon Krenz eines der meistkarikierten. Blöd fand ich schon damals, ihn wegen seiner imposanten Schneidezähne zu verspotten. Aber einer der Hauptverantwortlichen für die miserablen Zustände in der DDR – das war er auch für mich. Neben Honecker, Mielke, Hager und Co. Diese Männer sind inzwischen tot, aber Krenz lebt und er ist offenbar klaren Verstandes.

Wenn man ihn lässt, kann er viel erzählen, über die Führung der DDR in diesem historischen Herbst. Über getroffene Entscheidungen und unterlassene. Der Herbst 1989, der für meine und weitere Generationen zwischen Suhl und Warnemünde das wohl einschneidendste politische Ereignis in ihrem Leben brachte. Plötzlich schien alles möglich, von dem zuvor nur geträumt werden konnte.

Die ergreifenden Bilder der Nacht des Mauerfalls rühren viele bis heute. Was damals hinter den Kulissen geschah, ist noch nicht vollständig geklärt. Das darüber Geschriebene und Gesagte hängt oft von der subjektiven Sicht des Einzelnen auf die entscheidenden Stunden ab.

Einer meiner Lieblingsfilme über die stürmischen Herbsttage 1989 ist die Tragikomödie „Bornholmer Straße“. Sie erzählt davon, wie ein Häuflein Stasi-Leute die Nacht des 9. November im Inneren der inzwischen berühmten Grenzanlage erlebt hat. Zentrales Motiv: Es gibt keinen Befehl. Niemand sagt den Männern, die sich bislang immer auf die Ansagen von oben verlassen konnten, was sie tun sollen: Die Grenze mit allen Mitteln verteidigen (ein Maschinengewehr steht im Wandschrank bereit) oder die vor dem Schlagbaum stehenden erwartungsvollen Menschen schlicht passieren lassen. Eine Entscheidung von shakespearischer Dimension, die Oberstleutnant Harald Jäger (der echte Diensthabende in dieser Nacht an der Bornholmer) treffen muss.

Egon Krenz und sein Apparat halfen dem Mann dabei nicht. In unserem Interview in der Sonderausgabe sagt Krenz, er habe Wichtigeres zu tun gehabt, als zur Bornholmer Straße zu kommen. Das nennt er heute einen Fehler. Das kann man glauben oder nicht, aber interessant ist allemal, wie Krenz sich an diese Nacht erinnert.

Weil er damals an den Schalthebeln der DDR-Macht saß, würde ich ihm gern noch viele weitere Fragen stellen. Warum die DDR-Führung nicht merkte, dass in den 80ern selbst die ihnen Wohlgesonnensten große Zweifel an ihrem Land hatten. Warum die Führung ernsthaft annahm, die Leute glaubten, was in der Zeitung stand. Warum sie meinte, allein darüber bestimmen zu können, was richtig und was falsch ist. Oder warum niemand an der DDR-Spitze merkte, wie sehr der Sänger Dirk Michaelis mit seinem Lied „Als ich fortging“ die Seelenlage vieler traf. Antworten auf solche Fragen könnten heute helfen, gesellschaftliche Phänomene besser zu verstehen. Und die Debatte vielschichtiger machen.

Egon Krenz
Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak
Egon Krenz

…wird 1937 in Kolberg, Pommern, geboren. 1944 flüchtet seine Mutter mit ihm nach Damgarten. Von 1963 bis 1967 studiert er an der Parteihochschule der KPdSU in Moskau.
…steigt schnell in der Partei auf, war lange Erster Genneralsekretär des Zentralrates der FDJ, seit 1983 Mitglied des Politbüros, dann Stellvertreter des Staatsratsvorsitzenden. Nach dem Sturz von Erich Honecker am 17./18. Oktober 1989 wird Krenz SED-Generalsekretär.
…steht in den neunziger Jahren in den Mauerschützenprozessen vor Gericht. Im Januar 2000 tritt er eine sechsjährige Haftstrafe an. Nach vier Jahren wird er entlassen.

Vor 30 Jahren hatte Krenz als Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates der DDR die Kommandogewalt über alle „bewaffneten Organe“ des Landes, insbesondere Volksarmee und Volkspolizei. Dass die „November-Revolution“ friedlich verlief, wird der Friedfertigkeit der Demonstranten zugeschrieben. Nur selten wird erwähnt, dass den „bewaffneten Organen“ befohlen worden war, keine Schusswaffen gegen die Demonstranten einzusetzen.

Dabei spielte Krenz als Oberbefehlshaber eine entscheidende Rolle. Das könnte man als historische Tatsache anerkennen. Ungeachtet dessen, dass Krenz bis 1989 eine geradlinige Funktionärslaufbahn bis an die Spitze der DDR zurücklegte. Am aus heutiger Sicht wichtigsten Punkt seines Lebens traf er eine Entscheidung, die möglicherweise Menschenleben rettete, im Konflikt zwischen Demonstranten und DDR-Führung aber zumindest deeskalierend wirkte. Es war eine Entscheidung, die bis heute nachwirkt.