BerlinIm Juni 1986 kam der mosambikanische DDR-Vertragsarbeiter Manuel Diogo ums Leben. Die DDR-Behörden stellten fest, dass es ein Unfall war. Der Historiker Harry Waibel und der MDR behaupten heute, Diogo sei von einer Bande Neonazis ermordet worden, und die Staatssicherheit hätte das vertuscht. Als die Staatsanwaltschaft Potsdam im Juni dieses Jahres ankündigte, den Fall neu aufzurollen, begann die Berliner Zeitung mit eigenen Recherchen, die unter dem Titel „Wie aus einem tragischen Unfall ein brutaler Neonazi-Mord wurde“ veröffentlicht wurden. Am Rande dieser Recherchen tauchte immer wieder die Frage auf: Wie antifaschistisch war die DDR? Hätte die Staatssicherheit einen Neonazi-Mord verheimlichen können? Und wenn ja, warum? Darüber sprachen wir mit Egon Krenz, damals Stellvertreter Erich Honeckers im Staatsrat und im Politbüro der SED.

Herr Krenz, kennen Sie den Fall Diogo?

Ich habe erst später durch die Medien davon erfahren. Damals nicht. Ein Mord, noch dazu ein rassistischer, wäre in der DDR ein besonderes Vorkommnis gewesen. Ich wäre auf jeden Fall informiert worden und hätte es mir auch bis heute gemerkt.

Warum wären Sie informiert worden?

Ich war Honeckers Stellvertreter. Sie können ganz sicher sein, von einem Mord durch Neonazis hätte ich sogar nachts erfahren. Für besondere Vorkommnisse, und dies wäre eines gewesen, gab es eine Meldepflicht bis zum Partei- und Staatschef der DDR. In diesem konkreten Fall hätten die Ministerien des Inneren und für Staatssicherheit, die zuständige SED-Bezirksleitung und der Rat des Bezirkes, die Deutsche Reichsbahn und schließlich die Staatsanwaltschaft davon erfahren und nach oben gemeldet. Undenkbar, dass Erich Honecker, der unter den Nazis zehn Jahre im Gefängnis saß, mich nicht beauftragt hätte, so einen Vorfall auszuwerten. Undenkbar auch, dass Hermann Axen, der im Politbüro für Außenpolitik zuständig war, dem die SS einst die Häftlingsnummer 58787 eingebrannt hatte, eine Vertuschung mitgetragen hätte.

Sie erinnern sich heute noch an die Nummer?

Ja, Axen war in den Konzentrationslagern Auschwitz und Buchenwald. An warmen Sommertagen trug er auf Sitzungen des Politbüros gerne kurzärmlige Polohemden. Da war die Nummer zu sehen, ich habe sie nicht vergessen.

Könnte ein Mord nicht aber genau deswegen verschwiegen worden sein: Weil es eben in der DDR keine Neonazi-Banden geben durfte?

Das ist eine Nachwende-Deutung, die ich nicht teile.  Die Unterstellung, dass nicht sein kann, was nicht sein darf, trifft hier nicht zu. Warum hätten wir einen rassistischen Mord unter den Teppich kehren sollen! Bekundungen von Glaubens-, Rassen- und Völkerhass wurden in der DDR als Verbrechen geahndet. Das war Verfassungsgrundsatz.

Ich kann mir absolut nicht vorstellen, wie es einer DDR-Behörde hätte gelingen können, so ein besonderes Vorkommnis zu vertuschen.

Egon Krenz

Hätte die Stasi den Mord in den Akten verschweigen können?

Ich kann mir absolut nicht vorstellen, wie es einer DDR-Behörde hätte gelingen können, so ein besonderes Vorkommnis zu vertuschen. Wenn das aufgeflogen wäre – das hätte bis zur Ablösung des verantwortlichen Ministers führen können.

Der MDR zitiert einen ehemaligen Botschafter Mosambiks mit der Aussage, die DDR-Behörden hätten damals die mosambikanische Vertretung darüber informiert, dass Skinheads Manuel Diogo getötet hätten. Was sagen Sie dazu?

Unsere Beziehungen zu Mosambik waren sehr vertrauensvoll. Der dortige Präsident hatte persönliche Kontakte zu Honecker. Auch ich hatte sie. Wäre es tatsächlich ein Mord gewesen, hätte Honecker den Botschafter zum Gespräch gebeten und die Zusammenhänge erläutert. Dies wäre nicht beiläufig, sondern mit einer staatlichen Note geschehen.

Manuel Diogo (l.) mit seinen Kollegen Francisco Nhabongo und Bento Nhamuave aus Mosambik. Er arbeitete im Sägewerk Jeber-Bergfrieden, bis er 1986 ums Leben kam.
Foto: Lucas Nzango

Die Staatsanwaltschaft Potsdam überprüft die Ermittlungen  zum Fall Diogo von damals. Offensichtlich gibt es in der Justiz Zweifel, ob alles richtig lief. Oder wie sehen Sie das?

Ich glaube eher, dass es Zweifel an der Darstellung gibt, es habe sich um einen rassistischen Mord gehandelt, der von den DDR-Organen vertuscht worden sei. Das ist ja die seit Jahren umlaufende, nahezu offizielle Darstellung. Und der schenken offenkundig auch die Ermittlungsbehörden keinen Glauben, wie überhaupt viele Behauptungen über die DDR sich sukzessive als Lügen erwiesen haben. Gewiss gab es Erscheinungen von Neonazismus und Antisemitismus. Die wurden aber sehr ernst genommen und gründlich ausgewertet.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Im Oktober 1987 hatten Skinheads – deren Rädelsführer aus West-Berlin kamen - auf Teilnehmer eines Rockkonzerts in der Berliner Zionskirche eingeschlagen, Parolen gebrüllt wie: „Juden raus aus deutschen Kirchen“, „Sieg Heil!“ und „Rot Front, verrecke!“, und das „Horst-Wessel-Lied“ gesungen. Westliche Medien machten daraus eine „Protestaktion der Jugend gegen die DDR“. Tatsächlich war es eine antisemitische und neofaschistische Provokation.

Als Honecker von dem Vorfall um die Zionskirche erfuhr, berief er eine Staatsratssitzung ein und stellte klar, dass Antisemitismus kein Jugendstreich sei, sondern ein Verbrechen.

Egon Krenz

Wir  haben von dem Fall gehört. Die Täter wurden damals als „Rowdys“ bezeichnet, nicht als Neonazis, und zu milden Ordnungsstrafen verurteilt. 

Die Strafen wurden aber korrigiert. Als Honecker von dem Vorfall um die Zionskirche erfuhr, berief er eine Staatsratssitzung ein und stellte klar, dass Antisemitismus kein Jugendstreich sei, sondern ein Verbrechen. Wir protestierten gegen das Urteil, es gab eine neue Gerichtsverhandlung und entsprechend höhere Urteile. Außerdem bat der Generalstaatsanwalt der DDR das Kammergericht in West-Berlin um Rechtshilfe und übermittelte ein Strafverfolgungsersuchen, um auch die dort Beteiligten zur Rechenschaft ziehen zu können. 

Und wie hat West-Berlin reagiert?

Damals gar nicht. 1994 wurde eine inzwischen gebildete Sonderstaatsanwaltschaft aktiv. Sie ermittelte im Zusammenhang mit diesem 1987er Prozess gegen den Generalstaatsanwalt der DDR, den Präsidenten des Obersten Gerichts der DDR, den stellvertretenden Justizminister und gegen mich – wegen Anstiftung zur Rechtsbeugung und Freiheitsberaubung.

Weil Sie sich über ein Gerichtsurteil hinweggesetzt und härtere Strafen für Neonazis durchgesetzt haben, wurde gegen Sie ermittelt?

So war es. Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Berlin, Manfred Stolpe und Stephan Hermlin, die die Zusammenhänge gut kannten, intervenierten und dann musste dieses absurde Ermittlungsverfahren eingestellt werden. Also es ist doppelzüngig, was hier passiert. Einerseits werden wir moralisch an den Pranger gestellt und sollten sogar juristisch verurteilt werden, weil wir gegen Neonazis vorgegangen sind, andererseits sollen wir so etwas verschwiegen haben.

Sie sprachen vorhin von „Erscheinungen von Neonazismus“.  Es gibt aber Berichte darüber, dass es mehr als „Erscheinungen“ waren, vor allem in den Achtzigern : Seit 1983  soll sich die Zahl rechtsextremer Gewalttaten in der DDR verfünffacht haben. Zwischen Oktober 1987 und Januar 1988  sollen 40 Ermittlungsverfahren gegen 108 Skinheads eingeleitet worden sein.

Diese Zahlen stützen doch die These, dass wir konsequent handelten und jede Form von Neofaschismus verfolgten. 

Bernd Wagner, ein Kriminalist, war 1988 Leiter einer „Arbeitsgruppe Skinhead“ in der DDR. Diese Gruppe soll 15.000 Neonazis und 200 organisierte faschistische Gruppen identifiziert haben. Wagner schreibt, der Schock sei für die Staatsführung so groß gewesen, dass die Akten direkt unter Verschluss kamen und die Arbeitsgruppe aufgelöst wurde. Stimmt das?

Wie dieser Mann, den damals niemand von uns kannte, wissen will, dass die Staatsführung unter Schock die Akten unter Verschluss nahm, kann ich mir nicht erklären. 

Wer ist „uns“?

Von den noch Lebenden ein Stellvertreter des Innenministers, der Leiter der Abteilung für Sicherheitsfragen im ZK der SED und ich. Die Auflösung  einer so wichtigen Arbeitsgruppe wäre über meinen Tisch gegangen, zumindest, wenn es bis Anfang Dezember 1989 passierte. Was danach war, kann ich nicht beurteilen. 15.000 Neonazis halte ich aber für übertrieben. Das wäre fast die Hälfte des „rechtsextremistischen Personenpotenzials“, das der Verfassungsschutz zur Zeit für die fünfmal größere Bevölkerung der Bundesrepublik angibt. Noch einmal: Ich bestreite nicht, dass es in der DDR Menschen mit rechter Gesinnung gab, aber wir hatten keinen strukturellen Rechtsextremismus und schon gar keinen organisierten.

Wäre es trotzdem vorstellbar, dass man bestimmte Dinge nicht sehen und zeigen wollte?

Ich kann nur für mich sprechen, und ich habe solche Dinge angefordert und eingereicht ins Politbüro. Wie wichtig uns antifaschistische Arbeit mit der Jugend war, sehen Sie auch an der Zeitung „Junge Welt“. Sie hat das „Tagebuch der Anne Frank“ abgedruckt, mit einer Auflage von mehr als 1,5 Millionen Exemplaren täglich. Und es gab wohl keine Jugendweiheklasse, die nicht eines der faschistischen Konzentrationslager besucht hat. Das, was heute die Bundesbildungsministerin Karliczek fordert, gehörte in der DDR zum  Bildungsprogramm.

Es muss gelingen, das SED-System zu delegitimieren, das bis zum bitteren Ende seine Rechtfertigung aus antifaschistischer Gesinnung (...) hergeleitet hat.“

Ex-Justizminister Klaus Kinkel 1991

Hat die Losung „Wir haben aus der Geschichte gelernt. So etwas darf es bei uns nicht geben“ nicht aber auch zu der Haltung geführt: Wir haben damit nichts zu tun, wir sind für Rassismus nicht anfällig?

Dass etwas nicht sein konnte, weil es nicht sein durfte, war nie meine Denkweise. Auch das ist eine Nachwende-Beurteilung. Edgar Bronfman, der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, hat bei seinem Besuch 1988 in der DDR gesagt: „Dieses Land hat es auf sich genommen, seine Verantwortung für die Vergangenheit zu tragen.“ Das trifft den Kern. Dass es auch anderes gab, ist nicht vom Tisch zu wischen, aber ich wende mich dagegen, dass man allein dieses Andere heranzieht, um nachträglich den antifaschistischen Charakter der DDR in Frage zu stellen. Es wundert mich aber nicht. 1991 schon forderte der damalige Bundesjustizminister Klaus Kinkel, es müsse gelingen, die DDR zu delegitimieren und den Mythos zu zerschlagen, sie sei ein antifaschistischer Staat gewesen. 

Egon Krenz

wurde 1937 in Kolberg, Pommern,  geboren. Von 1971 bis 1990 war er Abgeordneter der Volkskammer der DDR. Von 1981 bis 1984 Mitglied des Staatsrates der DDR. 1984 wurde er Stellvertreter des Vorsitzenden des Staatsrates und damit der zweite Mann hinter Erich Honecker. Krenz führte den Begriff der „Wende“ in die DDR-Politik ein, der von ehemaligen Bürgerrechtlern deshalb abgelehnt wird. In den Mauerschützenprozessen im Jahre 1997 wurde Krenz wegen Totschlags zu sechseinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.