Das bundesweit populäre Klassikradio kündigte gestern an: Am Freitag werde der Bundestag über die „gleichgeschlechtliche Ehe“ abstimmen. Hallo, aufgewacht, Klassiker! Bundestagspräsident Norbert Lammert hat am Freitag fast sekundengenau um neun Uhr genau das Gegenteil verkündet, kein neues Sonderrecht für irgendwen, sondern die Abschaffung eines Sonderrechts, der „Eingetragenen Partnerschaft“ nämlich.

Und wenn alles so läuft, wie es zu hoffen ist, dann wird an die Stelle dieses juristischen und sprachlichen Ungetüms in einigen Wochen, wenn der Bundespräsident das Gesetz unterschrieben hat und es im Bundesgesetzblatt veröffentlicht wurde, schlicht die „Ehe für Alle“ treten.

Genauer, die Ehe für fast alle: Verboten bleiben weiterhin die Geschwisterheirat, die Ehe mit adoptierten Kindern und die Heirat mit mehreren Menschen. Dennoch war der gestrige Tag ein Feiertag und überfällig. Seit Jahren liegt der Gesetzestext vor, hat seit langem die Unterstützung von mindestens drei Vierteln der bundesdeutschen Bevölkerung. Das haben die Abgeordneten gesehen: Es gab auch ablehnende Stimmen bei der SPD, aber 75 Abgeordnete von CDU und CSU haben beim „Ja“ ihre Hand gehoben.

Vielleicht gehörten auch sie zu den Glücklichen, die der Eintragung von „Lebenspartnerschaften“ im Standesamt beiwohnen durften und dort von den meist überaus freundlichen, toleranten, dem realen Leben und seinen Vielfältigkeiten zugewandten Beamten erfuhren: Da gibt es ein Gesetz, das muss ich jetzt leider erfüllen. Dies Gesetz gewährt den beiden Menschen, die hier vor mir stehen, zwar die meisten Rechte und vor allem alle finanziellen Pflichten von Eheleuten. Aber das Gesetz verwehrt ihnen die Adoption von Kindern und vor allem, Eheleute genannt zu werden. Wollen also nun Sie, Herr/Frau ….

Egal, wie nett sie waren: Jedes Mal teilten die Beamten im Auftrag des Staates, also von uns allen, den künftigen Lebenspartnern mit: Sie sind eben doch keine vollgültigen deutschen Bürger und Bürgerinnen. In Bayern musste die Zeremonie zeitweilig auf KFZ-Ämtern beschworen werden! Viele haben sie trotzdem akzeptiert und gejubelt, als die so erzkatholischen Iren am 23. Mai 2015 in einer Volksabstimmung allen ihren Schwestern und Brüdern gleiche Familienrechte zugestanden. Die Hoffnung stieg, dass es auch in Deutschland einmal etwas zu jubeln gäbe.

Diskriminierung bleibt Diskriminierung

Genau das geschah nun. Endlich. Es sei noch einmal erinnert: Erst 1968 wurde der 1872 reichsweit eingeführte fürchterliche Paragraph 175 in der DDR aus dem Strafgesetzbuch gestrichen – ohne dass die soziale Diskriminierung verschwand. In der alten Bundesrepublik wurden bis 1969 Männer, die Männer lieben, ins Gefängnis geworfen. Erst 1994 wurde er endgültig abgeschafft, auf eine Entschädigung für ihre Stigmatisierung als Gesellschaftsfeinde, Kinderschänder, Widernatürliche mussten die überlebenden Opfer bis 2016 warten.

Sicher hätten die mütterlich-liberale Gerda Hasselfeld, der konservative Volker Kauder, die taktische Angela Merkel niemals das Eheverbot von Verschwägerten verteidigt, das es bis 1998 gab, oder das bis 1976 in der alten Bundesrepublik gültige Eheverbot zwischen Geschiedenen. Auch Beamten, Schwarzen und Weißen, Juden und Christen hätten sie die freie Wahl der Ehepartner sofort erlaubt. Ihnen allen war wenigstens zeitweilig die Ehe auch in Deutschland verboten, und zwar aus angeblichen Gründen der Natur, des bedrohten Fortbestands der Gesellschaft und des Gewissens. Also genau so, wie auch an diesem Freitag das „Nein“ zur Ehe für Alle begründet wurde. Aber Diskriminierung, da hatte der Grüne Volker Beck, der jahrzehntelang für die „Ehe für Alle“ focht, Recht, bleibt Diskriminierung, auch wenn sie mit dem Gewissen oder als „Differenzierung“ unterschiedlicher Lebensformen begründet wird.

Homo- und Transphobie wird nun nicht einfach verschwinden, nicht-heterosexuelle Kinder werden auch weiterhin und oft hart lernen müssen, dass sie einer Minderheit angehören. Aber jetzt wurde ihnen erstmals vollumfänglich von der Vertretung aller Bürger versichert: Ihr alle gehört zu uns. Darauf kann nun der Kampf für die Rechte der Minderheiten bauen. Und letztlich war es der Abgeordnete Johannes Kars aus Hamburg, der mir aus dem Herzen sprach: „Dieses ganze Verschwurbeln steht mir bis hier – wir haben die Gleichstellung verdient“.

Am Freitag um neun Uhr fühlte ich mich nicht nur als vollgültiger Bürger dieser Republik. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich es vor Gesetz und Staat auch wirklich.