Markus Ulrich ist Sprecher des Lesben- und Schwulenverbandes (LSVD). Hier äußert er sich zum Start der Ehe für alle.

Herr Ulrich, die Ehe für alle ist jetzt endlich Realität in Deutschland. Ist damit das Thema Diskriminierung jetzt abgehakt?

Nein. Was mit der Ehe für alle zu Ende ist, ist die rechtliche Benachteiligung von gleichgeschlechtlichen Paaren gegenüber heterosexuellen Paaren. Dieses Kapitel ist jetzt auf der gesetzlichen Ebene abgeschlossen. Das ist ein guter Erfolg, aber es geht von nun an darum, eine gesellschaftliche Akzeptanz zu schaffen. 

Wie meinen Sie das?

Auch wenn es eine breite gesellschaftliche Mehrheit für die Eheöffnung gibt, gibt es auch immer noch viele Gegner. Deren Argumente sind oft fadenscheinig und massiv abwertend, weil sie sich auf traditionelle Konzepte von Ehe oder von menschlichem Zusammenleben stützen. Gerade sehr religiöse Menschen haben oft große Vorbehalte. Da tauchen Begriffe wie „unnatürlich“, „Sünde“ oder „Krankheit“ auf. Das muss viel mehr öffentlich diskutiert werden. Außerdem dreht sich die Ehe für alle um Paare. Es gibt neben dieser Beziehungsebene viel Diskriminierung im Alltag. 

Können Sie ein paar Beispiele nennen?

Es gibt noch kein Familienrecht, das die jetzige Realität von vielen verschiedenen Familienformen anerkennt und auch absichert. Das geht vor allem zu Lasten der Kinder. Das prominenteste Beispiel ist sicherlich das Abstammungsrecht. Denn wenn zwei verheiratete Frauen eine Familie gründen, dann muss die nicht-leibliche Mutter, die sogenannte Ko-Mutter, das gemeinsame Kind nach der Geburt adoptieren und hat nicht von Anfang an das Sorgerecht. Das ist ein Problem.

Es müssten also auch Gesetze geändert werden.

Ja. Es muss ein Abstammungs- und Familiengesetz auf die Beine gestellt werden, bei dem mehrere Familienformen auch rechtlich abgesichert werden. Das Recht hängt der gelebten Familienvielfalt leider sehr hinter.

Betrifft das nur diese Gesetze?

Nein. Wir haben in Deutschland zwar ein Antidiskriminierungsgesetz, dass die Benachteiligung aufgrund der sexuellen Identität bei den meisten Arbeitsgebern verbietet. Aber auch da gibt es leider Ausnahmen. Außerdem fehlt der entsprechende Schutz durch das Grundgesetz: In Artikel 3 steht, dass niemand aufgrund seiner Herkunft, seines Glaubens oder seiner politischen Anschauungen benachteiligt werden darf. Die sexuelle Orientierung und die geschlechtliche Identität fehlen allerdings. Dabei müssten sie besonders im Grundgesetz, das die Grundlage unseres Zusammenlebens ist, verankert sein.

In Ländern wie Argentinien oder Malta funktioniert das Leben der LGBTI-Community bereits ganz gut. Wie sieht es in Deutschland aus: Wo gibt es noch konkreten Handlungsbedarf?

Die Frage der Akzeptanzförderung, zu der auch die Erziehung in Schulen und im Kindergarten gehört, ist für viele immer noch ein rotes Tuch. Außerdem gibt es für Trans- und Intermenschen immer noch keine rechtliche Anerkennung ihrer Geschlechtsidentität ohne demütigende Verfahren und Anträge. Intergeschlechtliche Menschen werden nach wie vor in Deutschland nach der Geburt vereindeutigt. Das heißt, an den Genitalien werden unnötige kosmetische Operationen vorgenommen, ohne dass die Eltern aufgeklärt werden. Geschweige denn, dass man wartet, bis die Kinder solche Entscheidungen selbst treffen können. Das sind tiefgreifende Einschnitte für ihr Leben und ihren Alltag.

Wird das Thema Diskriminierung in unserer Gesellschaft offen genug behandelt?

Die Deutschen sind bei Umfragen meist klar dafür, dass Schwule und Lesben nicht benachteiligt werden sollten. Aber je näher es in ihre eigene Lebenswelt vorrückt, desto mehr sind Ressentiments oder Abwehr zu spüren. Da gibt es einen klaren Unterschied zwischen dem rationalen Umgang mit Gleichberechtigung und dem persönlichen Umgang. Vierzig Prozent der Menschen finden es zum Beispiel ekelhaft, wenn zwei Männer oder zwei Frauen sich küssen. Und viele Schwulen und Lesben müssen sich immer noch genau überlegen, wo sie in der Öffentlichkeit Händchen halten oder ob sie sich überhaupt outen können.

Was ist also noch zu tun?

Lesben und Schwule sind keine homogene Gruppe. Sie werden oft wegen ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert. Aber sie sind nicht nur von Homophobie, sondern auch von Rassismus und Behindertenfeindlichkeit betroffen. Diskriminierung hat ganz viele Formen. Uns geht es jetzt um ein gleichberechtigtes, respektvolles Zusammenleben auf der Grundlage gleicher Menschenwürde. Und das ist für ganz viele Leute in Deutschland immer noch nicht Realität.