Ehe für alle: SPD-Politiker Johannes Kahrs will bald heiraten

Am Abend danach gab es Regenbogentorte. Und Johannes Kahrs griff zu, obwohl der SPD-Bundestagsabgeordnete im Moment Kohlenhydrate meidet. Zu groß war die Freude darüber, dass die Ehe nun auch für Homosexuelle möglich wird, dass dieser Kampf um Gleichberechtigung gewonnen ist. An diesem Abend fasste Kahrs nicht nur bei der Torte zu, sondern auch einen Entschluss: Nun heirate ich meinen Freund Christoph.

Wutrede im Bundestag

Am Freitag vor einer Woche hat der Bundestag die Ehe für alle beschlossen, am Freitag dieser Woche stimmte auch der Bundesrat zu. Im Parlament hatte Kahrs eine Wutrede gehalten: Der 53-Jährige warf der Union vor, die Abstimmung über Jahre verhindert zu haben. Er griff auch die Bundeskanzlerin an: Sie rede „verschwurbelt“, sie sei erbärmlich und peinlich. Bis heute ist Kahrs Empörung nicht ganz abgeklungen.

„Mit Frau Merkel bin ich durch“, sagt er über die Bundeskanzlerin, die im Bundestag gegen die Ehe für alle gestimmt hat. Sie habe rein taktisch gehandelt mit ihrem Nein zur Ehe für alle und damit fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung stumpf ausgeschlossen. Homosexuelle wie er, die endlich nicht mehr diskriminiert werden wollten. Wütend ist er auch wegen der bereits angedrohten Klagen vor dem Bundesverfassungsgericht. Und enttäuscht über die schwarz-gelbe Landesregierung von Nordrhein-Westfalen, die sich am Freitag im Bundesrat enthielt.

Der gebürtige Bremer, der heute in Hamburg lebt, gehört seit 1998 dem Bundestag an. Er ist Sprecher des konservativen Kreises, ein bekannter Strippenzieher und Netzwerker. Und er vertritt die Schwulen und Lesben in der SPD.

Dass er homosexuell ist, das hat Kahrs publik gemacht, als er in den Bundestag einzog. Die Entscheidung, ob er sich outen sollte oder nicht, fiel ihm schwer. Sie habe ihn „mehrere schlaflose Nächte“ gekostet, erinnert sich der Politiker. Schließlich stand seine Geschichte im Magazin Stern – und das Heft drückte er jedem, der es bislang nicht wusste, in die Hand.

Seit er dem Bundestag angehört, seit fast 20 Jahren also, kämpft Kahrs auch für die Ehe für alle. Nicht zuletzt für sich und seinen Partner, sagt er. „Wir sind die letzten Spießer der Republik, wir kämpfen für die Ehe, wer tut das heute noch?“, fragte er – vielleicht auch mit Blick auf die konservativen Unions-Abgeordneten, die im Bundestag gegen die Ehe für alle gestimmt haben. Er begrüße das Gesetz, weil damit klar sei, dass die Ehepartner nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten hätten.

Als der Bundesrat am Freitag der Neuregelung zustimmte, war Kahrs nicht dabei. Er hat eine Besuchergruppe aus Hamburg zu Gast, die er durch den Bundestag führte. Er verpasste eine lebhafte Debatte. Über den Auftritt von Bayerns Justizminister Winfried Bausback hätte er sich vermutlich geärgert. Der CSU-Politiker sagte: „Das Institut der Ehe hätte mehr Respekt verdient.“ Für ihn bleibe die Ehe „eine Lebensgemeinschaft zwischen Mann und Frau“. Er lehne die „historische Neukonzeption der Ehe“ ab.

Klaus Lederer: „Wir Lesben und Schwule wollen keine Sondergesetze mehr“

Bausback beklagte zudem das angebliche „Hauruckverfahren“, da für die Debatte im Bundestag nur 38 Minuten zur Verfügung gestanden hätten. Die Rede des Berliner Kultursenators Klaus Lederer dürfte Kahrs aus dem Herzen gesprochen haben: „Wir Lesben und Schwule wollen keine Sondergesetze mehr“, sagte Lederer im Bundesrat und dankte allen, die ihr Schwulsein in den vergangenen Jahrzehnten nicht versteckt und dafür Diskriminierungen in Kauf genommen hätten.

Kahrs spürte als Jugendlicher, dass er homosexuell ist. Aber er konnte es sich anfangs nicht eingestehen. „Mein Hauptproblem beim Outing war ich selber.“ Er ging zu den Pfadfindern, leistete seinen Wehrdienst bei der Bundeswehr und sprach über eine Zukunft mit Frau und Kindern. „Ich kann mich heute bei meinen Freundinnen eigentlich nur entschuldigen, dass ich nicht wusste, was ich tat“, sagt er über diese Zeit.

Viele Patenkinder

Aber irgendwann sei ihm doch klar geworden, dass er schwul sei und das auch leben wolle. Als er das seiner Mutter beichtete, habe diese nur gelächelt, erinnert sich Kahrs. Seine Mutter sei damals weiter gewesen als er selbst. Inzwischen ist der SPD-Politiker seit langer Zeit mit seinem Partner Christoph zusammen. „Wir wollen heiraten, wenn wir im kommenden Jahr 25 Jahre zusammen sind. Dann trauen wir uns.“ Kinder sind für die beiden kein Thema, auch wenn der Weg zur Adoption nun frei ist. „Wir haben viele Patenkinder.“ (mit mdc.)