Potsdam - Sind Sie eigentlich stur, Herr Platzeck? Matthias Platzeck lehnt sich ein wenig zurück in seinem Stuhl. Es ist die letzte Frage eines langen Gesprächs über sein Verhältnis zu Russland und seinen Vorschlag, die Annexion der Krim völkerrechtlich anzuerkennen. Er sagt „Nö“, lächelt kokett, und dann erzählt er eine Geschichte von seinen Großvätern.

Der eine war Pfarrer, der andere bekennender Sozialdemokrat, beide lebten in der DDR. Als der Sozialdemokrat 75 wurde, im Jahr 1970, saß die Familie zusammen. Es klingelte. Eine kleine Delegation stand vor der Tür, Genossen der SED-Kreisleitung, mit Präsentkorb und warmen Worten für den verdienten Arbeiterfunktionär.

Platzecks Großvater schickte sie fort. „Ulbrichts Leute kommen mir nicht über die Schwelle“, sagte er. Matthias Platzeck, damals 17, war beeindruckt. Seine Mutter habe Angst gehabt, „dass daraus sonst was werden könnte“, sagt er. Er aber sei einfach nur stolz gewesen auf seinen Großvater. „Der war stur. So etwas prägt. Und als Pfarrer in der DDR musste mein anderer Großvater auch ein bisschen stur sein.“

Somit wäre also zumindest geklärt, woher eine Charaktereigenschaft des Mannes rührt, der derzeit im Zentrum der Debatte um den richtigen Umgang mit Russland und dessen Präsidenten Wladimir Putin steht. Und den manche in dieser Frage eben für unangemessen stur halten. Für einen Putin-Freund und -Versteher. Für einen, der die deutsche Außenpolitik immer wieder konterkariert mit Forderungen, mehr Verständnis für die russische Seite aufzubringen und jüngst sogar, die Annexion der Ukraine doch besser erst einmal zu akzeptieren.

Wenn man mit Platzeck in seinem Büro im Potsdamer Landtag sitzt, einem bescheidenen Raum, den die SPD-Fraktion dem einstigen Brandenburger Ministerpräsidenten zur Verfügung stellt, spürt man schnell, wie nah ihm diese Debatte geht. Manche Antwort klingt ärgerlich, genervt. Auch ein sturer Mensch kann dünnhäutig sein. Und eigentlich gilt Matthias Platzeck als harmoniesüchtig. Da ist es anstrengend, über Monate in einer Konfliktsituation zu stecken.

Vor einem Jahr hatte das alles noch viel einfacher ausgesehen. Da übernahm sein Freund Frank-Walter Steinmeier, der schon in der ersten großen Koalition eine neue Öffnung gegenüber Russland konzipiert hatte, wieder das Auswärtige Amt. Zum Koordinator der Zusammenarbeit mit Russland berief er seinen damaligen Staatsminister Gernot Erler, der seit Hans-Jochen Vogels Zeiten die Beziehungen der SPD zu den Russen pflegt. Und als neuer Chef des Deutsch-Russischen Forums trat Matthias Platzeck an.

Nur kurze Zeit später aber brach mit dem Umschwung in der Ukraine ein in dieser Schärfe völlig ungeahnter Konflikt mit dem Land Wladimir Putins auf, und Platzeck, der eigentlich kürzer treten wollte, nachdem er sein Amt als Ministerpräsident niedergelegt hatte, spielt politisch auf einmal wieder eine große Rolle. Russlandpolitisch.

Die Gegenseite im Blick

„Das hatten wir uns schöner vorgestellt“, sagt er. Sein Blick fällt auf ein Foto von Willy Brandt an der Wand seines Büros. Es zeigt den Kniefall von Warschau. Brandt habe seine Ostpolitik 1968 in den Monaten nach dem Einmarsch der Sowjets in die Tschechoslowakei entwickelt, sagt Platzeck. „Das war damals auch antizyklisch, schien paradox, wurde scharf kritisiert – und war am Ende doch sinnvoll und richtig.“

Auf Willy Brandt berufen sich beide Seiten in diesem sehr deutschen Konflikt über den richtigen Umgang mit Putins Russland. Die Russlandkritiker sagen, der entscheidende Unterschied sei, dass es damals darum ging, die Grenzen in Europa unantastbar zu machen und Putin heute das ganze Gegenteil betreibe. Platzeck sagt, Brandt sei so erfolgreich gewesen, weil er stets die Position der Gegenseite mitgedacht habe. Und das fordert er nun auch von den handelnden Politikern.

Auch von seinem Freund, Frank- Walter Steinmeier? Der habe eine fast monströs zu nennende Aufgabe, sagt Platzeck. Er müsse versuchen, die Sichtweisen und Interessen von 27 anderen EU-Staaten mit den deutschen auf einen Nenner zu bringen und gegenüber den Russen zu vertreten. „Ich bewundere die Geduld und die Klugheit, mit der er zu Werke geht.“ Steinmeier könnte und dürfte die Dinge gar nicht so angehen, wie er, Platzeck, das tue. Steinmeier sei eng eingebunden in die Pflichten seines Amtes, seiner Koalition. „Ich bin ein freier Mensch auf freiem Grund.“ Fast trotzig klingt das jetzt, wie eine Parole aus der DDR-Bürgerrechtsbewegung, in der Platzeck einst seine politische Karriere begonnen hat und die ihn bis heute prägt.

Seine Sympathien für Russland aber sind noch älter. In der DDR stationierte Russen zählten zu seinen Nachbarn, als er mit seinen Eltern in Potsdam wohnte. Platzecks Familie kaufte in russischen Läden ein, und seine Russischlehrerin begeisterte ihn mit Büchern und Filmen aus dem Land des großen Bruders.

Ein einschneidendes Erlebnis hatte er im Frühjahr 1989, als Potsdamer Bürgerinitiativen, darunter Platzecks „Arbeitsgemeinschaft für Umweltschutz und Stadtgestaltung“ ein alternatives Kulturfest organisieren wollten. Die Behörden versuchten es mit immer neuen Auflagen zu verhindern. Schließlich wurde eine Versorgung mit heißem Wasser auf dem Festgelände verlangt, aus hygienischen Gründen. „Da waren wir wirklich am Ende, das konnten wir nicht organisieren“, erzählt Platzeck. „Wir sind dann zum sowjetischen Stadtkommandanten gegangen, der hat sich das angehört und gesagt: Ich schicke euch Soldaten mit einer Gulaschkanone. Da waren die Offiziellen hier platt. Die haben die Welt nicht mehr verstanden. Im Stasi-Protokoll, das wir dann später lesen konnten, stand: Es war leider ein Erfolg. Statt fünfhundert sind dreitausend Leute gekommen, und die Russen haben Tee gekocht.“

Russenkitsch und schwierige Spitzenmeldungen

In der Zeit des Abzugs der sowjetischen Truppen nach 1990, den er als Umweltminister begleitete, freundete er sich mit dem letzten Kommandanten an. Diese Erfahrungen sind die Folie, vor deren Hintergrund Matthias Platzeck heute handelt. Er ist ein alter Freund der Russen, der jetzt versucht zu retten, was zu retten ist an den deutsch-russischen Beziehungen. „Es gibt nur eines, was schlimmer ist als einen schwierigen Dialog zu führen“, sagt er. „Keinen Dialog mehr zu führen.“

Der Dialog ist Platzeck heilig. Bevor er abbricht oder auch nur zu Verstummen droht, führt er ihn lieber als Monolog weiter. Tut er es in Russland, erreichen seine Äußerungen das deutsche Publikum in der Regel nicht, sonst hätte man schon im Herbst hören können, worüber einen Monat später heftig gestritten wurde, dass nämlich Matthias Platzeck erklärte, die Situation nach der russischen Annexion der Krim müsse nun völkerrechtlich geregelt werden, irgendwie, so dass alle Seiten damit leben können.

Es war in Moskau, an einem Oktobertag, auf Platzecks erster Reise als Vorsitzender des Deutsch-Russischen Forums. Er saß in der Bibliothek für ausländische Literatur zwischen Ekaterina Genieva, der Bibliotheksdirektorin, und Georg Birgelen, dem deutschen Gesandten, an einem schmalen Tisch, vor sich ein Deutschland- und ein Russlandfähnchen.

Man kann sich das anschauen auf einem Video. Platzeck werde einen Vortrag halten, kündigte Birgelen an, über Deutschland und Russland in Europa. „Wir Deutschen und Russen sind Europäer. Das sollte doch ein gemeinsames Bekenntnis zur einer Wertegemeinschaft einschließen, zu Völkerrecht, zu internationalen Verträgen, zu demokratischen Werten und Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Zivilgesellschaft und dem Schutz von Minderheiten.“

Dann redet Platzeck. Er sagt seinen Namen, sein Alter und auch, dass er vier Töchter hat, „drei selbst erzeugte und eine erbeutete“. Damit meint er offenbar die Tochter seiner zweiten Ehefrau. Vor wenigen Tagen, fährt er fort, habe er das vierte Enkelkind bekommen. Das sei für ihn noch einmal eine ganze neue Dimension. „Wenn man so kleine Purzel hat, weiß man wieder, was im Leben wirklich wichtig ist und bekommt für sein eigenes Denken, Tun und Handeln einen neuen Horizont.“ Nach der Purzel-Geschichte folgt die Potsdam-Geschichte. Im Osten sei er groß geworden, berichtet er, in der Stadt mit der höchsten Russendichte. Er habe heute noch Heimatgefühle, wenn er diese ganz besondere Kraftstoffmischung rieche, die die Russen damals getankt hätten. „Christa Wolf würde sagen, das sind Kindheitsmuster.“ Die Enkelkinder, Christa Wolf und der Russensprit. Platzeck wirbt um sein Publikum, er umschmeichelt es.

„Russenkitsch“, nennt das der Historiker Karl Schlögel. Gegen Russenkitsch und sentimentale Klischees sei niemand gefeit. Auf dem Video spricht der ehemalige brandenburgische Ministerpräsident nun von den Erfahrungen der 90er-Jahre. Eine traumatische Zeit! „Man dachte, jetzt ist der Umbruch da. Dann haben wir das Desaster erlebt.“ „Wir“, sagt Platzeck, und jetzt meint er den Westen, „haben Russland besonders geliebt, als es besonders schwach war. Und wir haben Schwierigkeiten mit Russland bekommen, als es wieder selbstbewusster wurde und eigene Interessen formuliert hat. Bei den Amerikanern haben wir da keine Schwierigkeiten“, stellt Platzeck fest und erklärt das am Beispiel des Flugzeugträgers. „Seit Jahr und Tag kreuzen sie auf den Weltmeeren, und niemand nimmt Notiz davon. Erst wenn die Russen mit ihren Flugzeugträgern in internationalen Gewässern auftauchen, ist das eine Spitzenmeldung.“

Putin in der Rolle des Enttäuschten

Mit Sätzen wie diesen rennt er beim russischen Publikum wahrscheinlich offene Türen ein. Auf dem Video ist davon allerdings nichts zu sehen, denn die Kamera ist immer nur auf den Tisch mit den Fähnchen gerichtet, an dem Platzeck, die Bibliotheksdirektorin und der deutsche Gesandte sitzen.

Die deutsch-russische Freundschaft habe gelitten, fährt Platzeck fort. „Wir verhalten uns manchmal so, als wären wir wieder im Kalten Krieg. Wir müssen ehrlich analysieren, wie wir in diesen Zustand gekommen sind.“ Platzeck spricht über „Rückschritte in der russischen Gesellschaft“. „Ich glaube, dass wir in der letzten Zeit eine gesellschaftliche Entwicklung zu verzeichnen haben, die auch befreundete, Wohlmeinende nicht nachvollziehen können.“ Für das Vorgehen gegen Homosexuelle oder Nichtregierungsorganisationen fehle ihm jedes Verständnis. „Wir waren schon mal weiter.“

Dann ist wieder der Westen an der Reihe. Der Westen und seine Fehler. Er denke immer zurück an die Rede Putins im Deutschen Bundestag. „Wir haben das nicht ernst genug genommen“, sagt Platzeck. Es habe weitere Angebote von russischer Seite gegeben. „Wir haben diese Angebote vom Tisch genommen, auf Druck unserer amerikanischen Freunde, die das einfach nicht wollten.“

Das müsse man wissen, um zu verstehen, warum eine Menge Frust da ist, auch auf russischer Seite, sagt er. Putins Wutrede während der Münchner Sicherheitskonferenz habe er als Rede eines Enttäuschten verstanden. Spätestens 2009 hat es begonnen, das Zerwürfnis, sagt Platzeck. „Wir haben uns das bilaterale Verhältnis schöner geredet als es war.“

Man hätte es also lange vorher wissen können, lange vor jenem Oktobertag, an dem Matthias Platzeck in Moskau geredet hat, lange vor diesen windigen Wintertagen, in denen Platzeck nicht verstehen kann, warum ihn nicht jeder versteht. Und doch um seine Rolle weiß. In Potsdam, in seinem Büro, sagt er das noch einmal deutlich. Und er sagt es eigentlich zu sich selbst: Er könne leicht fünfzig und mehr Punkte aufzählen, die Putin falsch gemacht habe. Das aber täten schon andere, das sei nicht seine Aufgabe. „Ich stehe einem Forum vor, das versucht Russland zu verstehen, das Brücken bauen will. Das ist meine Aufgabe.“