Berlin - Endlich – nach 80 Jahren: Erstmals verneigte sich ein deutscher Bundespräsident vor den gefallenen Soldaten der Roten Armee, vor den nach Deutschland zur „Vernichtung durch Arbeit“ verschleppten Zwangsarbeitern, vor den sowjetischen Kriegsgefangenen, die – von deutschen Posten bewacht – zu Hunderttausenden auf mit Stacheldraht umzäuntem Feld verdursteten, verhungerten oder erfroren, auf Fußmärschen entkräftet im Straßengraben niedergeschossen wurden.

Berliner Zeitung/Paulus Ponizak
Bundespräsident Frank Walter Steinmeier nach der Kranzniederlegung.

Am Dienstag, dem 22. Juni, legte Frank Walter Steinmeier im Namen aller Deutschen einen Kranz nieder, auf der Kranzschleife schlicht und klar die Worte „Der Bundespräsident“. Ohne Begleitung besuchte er den sowjetischen Ehrenfriedhof Schönholzer Heide in Berlin-Pankow. Soldaten des Wachbataillons der Bundeswehr salutierten. Ein Trompeter des Stabmusikkorps blies das Lied „Der gute Kamerad“, den deutschen Trauermarsch für alle Gefallenen. Den Text hatte Ludwig Uhland während der Napoleonischen Kriege geschaffen. Er beginnt mit diesem Vers: „Ich hatt’ einen Kameraden / Einen bessern find’st du nit“ und endet so: „Bleib du im ew’gen Leben / Mein guter Kamerad.“

Diese in der alten Bundesrepublik und in den 30 Jahren des wiedervereinigten Deutschlands niemals vollzogene Geste machte den 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion so besonders. Bundespräsident Steinmeier gab den Soldaten der Sowjetarmee und den etwa fünf Millionen aus der Sowjetunion verschleppten Zwangsarbeitern in aller Form ihre Ehre zurück. Ihnen hatten die Mehrheit unserer Vorväter, unser nationalsozialistischer Vorgängerstaat und unsere Wehrmacht das Menschsein abgesprochen.

Nicht erst während der kriegerischen Selbstradikalisierung, sondern schon am 30. März 1941 hatte Hitler seinen Befehlshabern und Stabschefs des künftigen Ostheeres erklärt, wie der Krieg gegen die Sowjetunion zu führen sei: „Wir müssen vom Standpunkt des soldatischen Kameradentums abrücken. Der Kommunist ist vorher kein Kamerad und nachher kein Kamerad. Es handelt sich um einen Vernichtungskampf.“ Die Wehrmachtsführung sprach von „jüdisch-asiatischen Bolschewisten“. In der Anordnung zur Behandlung sowjetischer Gefangener wird jeder Rotarmist als „Todfeind des nationalsozialistischen Deutschlands“ bezeichnet. Eben deshalb wirkten die feierlich-getragenen Klänge des Liedes „Der gute Kamerad“ so erhebend.

Die Generäle und Offiziere machten sich die Handlungsanweisung ihres Führers zu eigen und ließen sie nach unten sickern. Damit waren die Voraussetzungen geschaffen, die der Bundespräsident vor einigen Tagen in seiner Gedenkrede so umrissen hatte: „Der deutsche Krieg gegen die Sowjetunion war eine mörderische Barbarei. So schwer es uns allen fallen mag: Daran müssen wir erinnern! Die Erinnerung an dieses Inferno, an absolute Feindschaft und die Entmenschlichung des Anderen – diese Erinnerung bleibt für uns Deutsche Verpflichtung.“

Aus dieser Haltung heraus besuchte Frank Walter Steinmeier den Ehrenfriedhof Schönholzer Heide. Er war 1947 bis 1949 von sowjetischen Architekten und Bildhauern geschaffen worden. Anders als die früher angelegten, etwas martialischen Ehrenfriedhöfe im Tiergarten und im Treptower Park weist die skulpturale Sprache des Ehrenmals in der Schönholzer Heide den Weg zur Versöhnung. In dem weiten, feierlich gestalteten und ummauerten Geviert ruhen mehr als 13.000 Gefallene der Roten Armee. Nur 2700 konnten identifiziert werden.

Am Ende ragt ein gewaltiger Obelisk in den Himmel. Gemäß der altägyptischen Mythologie verschmelzen Obelisken das schwierige Irdische mit der hellen Welt jenseitiger Harmonie. In ihrer formalen Strenge rufen sie zur Demut, zum Verharren vor den Toten. Vor dem Obelisken steht Mutter Heimat. Nicht sieghaft, nicht stolz. Ernst und gefasst blickt sie nach vorn, ihr Gesicht gezeichnet von äußerlich beherrschtem Schmerz und tiefer Trauer. Vor ihr ruht erkaltet der für seine Heimat Gefallene, in weitem Faltenwurf bedeckt mit einem königlich-samtenen Leichentuch.

Berliner Zeitung/Paulus Ponizak
Bundespräsidenten Frank Walter Steinmeier am Sowjetischen Ehrenmal Schönholzer Heide in Berlin Pankow. 

Aus der Sicht der meisten damaligen deutschen Soldaten galten die Rotarmisten als „Untermenschen“. 1943 bezeugte ein Professor aus der von der deutschen Mordherrschaft befreiten ukrainischen Stadt Charkiw, wie er den normaldeutschen Besatzer erlebt hatte: „Ein Deutscher kommt die Straße entlang, mit einem wichtigen steinernen Blick. Alle müssen ihm den Weg frei machen. In der ersten Zeit, als sie mit ihren Autos herumfuhren, machten sie sich nicht einmal die Mühe zu hupen. Daher wurden viele Menschen von Autos totgefahren.“ Derart entmenschlicht gebärdeten sich die kleinen Deutschen. In derselben Stadt konnte man im November 1941, ohne besonders weit zu gehen, mehr als 60 erhängte Menschen sehen: „Ihre Füße schwebten anderthalb, zwei Meter über dem Boden. Die meisten waren Männer, doch waren auch Frauen unter den Gehenkten. Ein grausiger Anblick“, wie der Historiker Jochen Hellbeck weiter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung dokumentiert.

Als die Deutschen das schon von ihrem Terror befreite Charkiw kurz zurückeroberten, reiste Heinrich Himmler an und erklärte seiner Truppe, wie „hier im Osten“ der Krieg zu entscheiden sei: Indem „wir dieses 200-Millionen-Volk der Russen“ so „erbarmungslos“ niederkämpfen, dass es „militärisch, blutlich, mengenmäßig vernichtet und ausgeblutet wird“.

In seiner Rede in Karlshorst benannte Frank Walter Steinmeier auch die alte „quälende Frage“: „Wie konnte es dazu kommen? Was haben unsere Vorfahren getan?“ Als meine jüngste Tochter in der Schule den Zweiten Weltkrieg durchnahm, hatte sie mir dieselbe Frage noch etwas direkter gestellt: „Sag mal, und bei alldem war Opa irgendwie dabei?“ Ich nickte. Sie blickte noch verständnisloser.

Eine wichtige Antwort gibt der Vernichtungskrieg selbst. Die deutsche Führung hatte von Anfang an auf die Devise „Sieg oder Untergang“ gesetzt. Sechs Tage vor dem Überfall auf die Sowjetunion notierte Joseph Goebbels in seinem Tagebuch: „Wir haben sowieso so viel auf dem Kerbholz, dass wir siegen müssen, weil sonst unser Volk, wir an der Spitze mit allem, was uns lieb ist, ausradiert würde. Also ans Werk!“

Blieb noch das Problem, dem deutschen Volk nachhaltig einzuimpfen, dass alle Brücken zur Umkehr abgebrochen seien. Das erforderte weitere Menschheitsverbrechen. Um deren nach innen gerichtete Wirkung nicht zu verfehlen, mussten möglichst viele arbeitsteilig am Morden mitwirken und noch mehr davon profitieren. Deportationen sollten vor aller Augen geschehen; dagegen wurde das Massenmorden in schattenhafter Weise kommuniziert. Am Ende ahnten wohl fast alle Volksgenossinnen und -genossen, dass überall in Europa, besonders in Polen und in der Sowjetunion, unermessliche Menschheitsverbrechen von Deutschen begangen worden waren.

Wie man das erreichen konnte, wusste Goebbels nur zu genau. Dazu ein Beispiel aus seiner von Millionen Deutschen gehörten Sportpalastrede vom 18. Februar 1943. Sie ging mit Goebbels rhetorischer Frage „Wollt ihr den totalen Krieg?“ in die Geschichtsbücher ein, wurde aber zum Untergang der 6. Armee in Stalingrad gehalten. Der Redner zielte allein auf die Stabilisierung der inneren Front, und zwar mit den integrativen Mitteln des Bösen.

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Das Sowjetischen Ehrenmal Schönholzer Heide in Berlin Pankow. 

Spätestens an diesem Tag wurde die Volksgemeinschaft offiziell zur Verbrechensgemeinschaft erklärt, der nur ein Ausweg blieb: Das Zusammenhalten auf Gedeih und Verderben. „Hinter den anstürmenden Sowjetdivisionen sehen wir schon die jüdischen Liquidierungskommandos“, so streute Goebbels am Ende seiner Inszenierung scheinbar beiläufig ein: „Man wird, um das hier nur zu erwähnen, in diesem Zusammenhang auch unsere konsequente Judenpolitik verstehen können.“ Wer immer noch nicht kapieren wollte, dem hämmerte der Reichsminister für Propaganda und Volksaufklärung Sekunden später ein, Deutschland werde das Judentum „mit radikalsten Gegenmitteln“ bekämpfen und setzte hinzu: Der „gigantische Kampf gegen diese Weltpest darf nur mit Sieg enden“; denn „jedermann weiß, dass dieser Krieg, wenn wir ihn verlören, uns alle vernichten würde“.

Es waren die Morde an Millionen Zivilisten, an sowjetischen Kriegsgefangenen, an wehrlosen Menschen, die so viele junge und alte deutsche Männer verbissen bis zur letzten Patrone kämpfen ließen. Die Logik des Bösen führte dazu, dass vom 16. bis 19. April 1945 noch 33.000 Rotarmisten in der Schlacht um die Seelower Höhen den Tod fanden, zehn Tage später starben 20.000 in der Kesselschlacht bei Märkisch Buchholz im Unteren Spreewald, und gleichzeitig fielen 80.000 Sowjetsoldaten in den Straßen von Berlin. Sie alle und ihre etwa zwölf Millionen bereits gefallenen Kameraden und – in der Roten Armee auch: – Kameradinnen opferten ihr Leben für ihr Mutterland, für die Freiheit Europas und für das Glück von uns heutigen Deutschen. Die Helden der Sowjetunion sind auch unsere Helden.