Renzo Pianos eleganter Schwung: die neue Brücke von Genua.
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BerlinItalien steht seit sieben Wochen still. Die 60 Millionen Italiener müssen zuhause bleiben, Läden und Unternehmen sind geschlossen. Aber auf einer Mega-Baustelle mitten in der ligurischen Hafenstadt Genua wird trotzdem fieberhaft gearbeitet. Seit zehn Monaten entsteht dort die neue vierspurige Autobahnquerung über das Polcevera-Tal. Der Vorgängerbau, die berüchtigte Morandi-Brücke, war Mitte August 2018 urplötzlich eingestürzt. 43 Menschen, die in ihren Autos und Lkw mit den tonnenschweren Betonteilen in die Tiefe gerissen wurden, kamen ums Leben. 600 Bewohner der Häuserblocks unter der Brücke verloren ihr Zuhause.

Das Unglück war ein traumatischer Schock für ganz Italien. Nicht einmal zwei Jahre später steht nun die neue geschwungene Stahlstruktur nach einem Entwurf des Genueser Stararchitekten Renzo Piano. Am Dienstag soll das letzte tonnenschwere Stahlelement von Spezialkränen 50 Meter in die Höhe gehievt werden. Es vervollständigt die etwas mehr als einen Kilometer lange, auf 19 Pfeilern ruhende Fahrbahn des neuen Viadukts. Bald schon könnte die Autobahnbrücke wieder wie früher den Ost- und Westteil Genuas verbinden und Mittelitalien mit der Cote d’Azur. Aussehen solle sie „wie ein im Tal vor Anker liegendes Schiff“, hat Renzo Piano gesagt.

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Renzo Pianos Brücke

Der Architekt Renzo Piano wurde 1937 in Genua geboren. Nach dem Einsturz der Morandi-Brücke am 14. August 2018 wurde er mit dem Neuentwurf des Bauwerks an derselben Stelle beauftragt.

Die Baukosten: Für 202 Millionen Euro sollen das Bauunternehmen Salini Impregilo sowie die vom italienischen Staat kontrollierten Unternehmen Fincantieri und Italferr die neue Brücke errichten.

Der Entwurf von Piano sieht eine schlichte, minimalistische Stahlbrücke ohne Tragkabel vor. Die Durchlaufträger aus Stahl ruhen auf Betonpfeilern, die im Querschnitt an Schiffsformen erinnern.

Der Neubau ist ein ehrgeiziges Großprojekt, das für die ganze Nation eine enorme symbolische Bedeutung hat. Die alte, in den 60er-Jahren entstandene und damals als innovativ gefeierte Schrägseilbrücke, war wegen fehlender Instandhaltung durch den privaten Betreiberkonzern Autostrade per l’Italia und wegen mangelhafter Kontrollen der Behörden eingestürzt. Gegen 70 Verdächtige wird ermittelt. Das Unglück war eine Folge der jahrzehntelangen Vernachlässigung öffentlicher Infrastruktur, die überall in Italien marode ist. Erst vor drei Wochen stürzte schon wieder eine Brücke ein, wieder nahe der ligurischen Küste, zwischen La Spezia und Massa Carrara. Nur wegen der coronabedingten Ausgangssperre waren kaum Autos unterwegs, nur wenige Menschen wurden verletzt.

Das Unglück von Genua gilt den Italienern als tödlicher Beleg für die Ineffizienz eines Staates, der seine Bürger nicht schützt. Mit dem schnellen Neubau in Genua soll nun bewiesen werden: Italien kann es schaffen, es ist zu Großem in der Lage. Das ist umso wichtiger in einer Zeit, in der das Land mit der Corona-Pandemie die schlimmste Krise seiner Nachkriegsgeschichte erlebt.

„Ende Juni, Anfang Juli könnte die Brücke eröffnet werden“, hat Genuas Bürgermeister Marco Bucci vor einigen Wochen versprochen. Sie werde ein Beispiel für ganz Italien sein. Bucci beschwört einen „Geist des Aufbruchs“, nicht nur in Genua. In der Tat ist der Neubau bisher eine seltene Erfolgsgeschichte. Zwar liegt er nicht völlig exakt im Zeitplan: Vergangenen Sommer hatte Bucci noch versprochen, bereits im April 2020 würden wieder Autos über die neue Brücke fahren. Dennoch – bei Großprojekten war man in Italien bisher an jahrelange Verzögerungen, Kostenexplosionen und Korruptionsskandale gewöhnt, wie etwa beim Mose-Staudamm in Venedig. In Genua dagegen läuft es erstaunlich rund.

„Die Brücke ist ein Lauf gegen die Zeit, gegen hässliche Zeiten“, sagt der Bauunternehmer Pietro Salini, Chef von Salini Impregilo. Sein Unternehmen führt den Bau zusammen mit Fincantieri aus, einem der weltgrößten Schiffsbaukonzerne. „Wir arbeiten Tag und Nacht, sieben Tage die Woche“, erzählte Salini kürzlich in einer Videokonferenz mit ausländischen Journalisten. Selbst als einer der hunderten Arbeiter Ende März positiv auf das Coronavirus getestet wurde, konnte das die Riesenbaustelle nicht lahmlegen.

In den kommenden Wochen müssen nun noch die Fahrbahnen fertiggestellt werden, die Abwassersysteme und die Beleuchtungsanlagen. Der Entwurf von Renzo Piano sieht vor, dass 43 Lichtsäulen am neuen Bauwerk an die Opfer des Unglücks erinnern werden. Sie sollen von weither sichtbar sein.

Die neue Brücke führt ebenfalls wieder über Wohngebiet.
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Zusätzlich entsteht unter der neuen Brücke, im Arbeiterviertel Sampierdarena, auch eine Gedenkstätte. Sie wird von einem weiteren Stararchitekten gestaltet, dem Mailänder Stefano Boeri, weltweit bekannt und prämiert für seine bewaldeten Hochhäuser. Er fand den idealen Ort dafür in einer halb zerstörten Lagerhalle, die direkt neben dem 90 Meter hohen Pfeiler Nummer neun der Morandi-Brücke stand, unter dessen Trümmern die meisten Todesopfer geborgen worden waren.

Einige der gigantischen Betonreste sind seit den Aufräumarbeiten in der Halle zwischengelagert. „Als ich das sah, wusste ich: Die Gedenkstätte gibt es schon“, hat Boeri in Interviews erzählt. Er hat sich mit den Angehörigen der Toten getroffen und wird nun deren Wunsch erfüllen: In der Halle wird es einen Raum geben, wo sie sich treffen können. Für die übrigen Besucher ist eine Ausstellung geplant, die an die Geschichte der Brücke und jenen tragischen Augusttag erinnert – „eine dramatische Geschichte, die ein Stück italienischer Geschichte ist“, wie Architekt Boeri sagt.