Orbán, Trump und Musk sind die selbsternannten Freiheitskämpfer

Der Besuch von Viktor Orbán hat für Aufregung gesorgt. Twitter stand in Flammen und Union in einer komischen Ecke. Wie lange kann Elon Musk noch schweigen?

„Die Hoffnung für den Frieden heißt Donald Trump“: Viktor Orbán.
„Die Hoffnung für den Frieden heißt Donald Trump“: Viktor Orbán.AP/Markus Wächter

Viktor Orbán ist ein Freiheitskämpfer. Er ist ein Ehemann, Vater, Großvater. Und Ungarns Ministerpräsident. Genau in dieser Reihenfolge. So steht es jedenfalls auf Twitter, wo Orbán am vergangenen Montagmorgen ein Profil eingerichtet hat und gleich im ersten Tweet versprach oder vielleicht eher androhte: „Let’s make some noise!“ Lärm also. Das mag er. Mit Lärm kennt er sich aus. Und Lärmbeschwerden sind ihm hinterher sicher.

Was Orbán nämlich auch ist: ein Rechtspopulist, dem es in zwölf Amtsjahren gelungen ist, den ungarischen Staat nach seinen autoritären Vorstellungen umzubauen. Entstanden ist eine Art Scheindemokratie mit zunehmend drastischeren Einschränkungen beim Wahlrecht, der Rechtsstaatlichkeit und der Pressefreiheit. Theoretisch teilt Viktor Orbán den Wertekanon der Europäischen Union, in der Praxis sieht er Brüssel als eine Marionette Washingtons und plant einen „konservativen Aufstand gegen die liberale geistige Unterdrückung“, die er in Europa verortet.

Natürlich begreift sich Orbán als Anführer dieses Widerstands, hier beginnt sein Freiheitskampf. Für ein traditionelles, weißes, christliches, heterosexuelles Ungarn, eine mit Stolz aufgeladene Nation. Gegen alles, was fremd und anders ist und damit angeblich eine Gefahr darstellt. Denn: „Wir sind keine gemischte Rasse und wollen auch keine gemischte Rasse werden.“ Mit diesem Weltbild gewann Orbán im vergangenen April die Parlamentswahlen in Ungarn. Erstmals seit 2010 wieder mit absoluter Mehrheit. Das alles wusste man, als er in dieser Woche Berlin besuchte. Und daran muss man auch jedes Mal erinnern, bevor er sich auf ein Podium oder in eine Stadionloge setzt.

Beides hat Orbán in dieser Woche getan. Denn er traf ja nicht nur Angela Merkel und Olaf Scholz, sondern war auch Gast der Berliner Zeitung und des Cicero, wo er über eine von vielen osteuropäischen Perspektiven auf den Krieg in der Ukraine sprach. Außerdem schaute er an der Alten Försterei vorbei, wo ihm der ungarische Nationalspieler Andras Schäfer ein Trikot des 1. FC Union überreichte. (Zur Erinnerung: Orbán lief auch schon mal über das Trainingsgelände von Hertha BSC. Und: Der Fußball gibt sich gerne unpolitisch und lässt sich dann doch immer wieder von der Politik instrumentalisieren.) Am Ende von Orbáns Berlinbesuch stand dann nicht nur Twitter in Flammen, sondern auch wieder die alte Frage im Raum: Darf man einem bekennenden Rassisten so viel Aufmerksamkeit schenken, darf man überhaupt mit ihm reden?

Orbán glaubt: „Die Hoffnung für den Frieden heißt Donald Trump“

Nein, wenn man davon ausgeht, dass ein gleichberechtigter Dialog zur Normalisierung bis Verharmlosung von Orbáns Worten und Taten führt und gleichzeitig die Oppositionsbemühungen schwächt. Nein, wenn man weiß, dass Populisten gar keine Diskussion und keinen Austausch von Argumenten wollen, sondern Provokation, Zuspitzung und eine Verkehrung der Tatsachen zum Ziel haben. Und nein, wenn man sich vor Widersprüchen und Gegenlärm fürchtet.

Und wann darf man mit Rassisten sprechen? Wenn man noch Kraft hat dafür, wenn man noch daran glaubt, dass offene Kommunikationskanäle besser sind als geschlossene, und wenn man letztlich darauf vertrauen kann, dass ein Politiker wie Viktor Orbán noch jedes Mal selbst beweist, wie verquer seine Visionen sind. Er glaubt ja: „Die Hoffnung für den Frieden heißt Donald Trump.“ Und so schrieb er nach seinem ersten Tag auf Twitter: „Eine Frage habe ich noch auf dem Herzen. Wo ist mein guter alter Freund @realDonaldTrump?“ Elon Musk, auch so ein selbsterklärter Freiheitskämpfer, hat noch nicht geantwortet.