Berlin - In den Adventswochen forderte Willy Brandt alle Westberliner auf, abends brennende Kerzen in die Fenster ihrer Wohnung zu stellen. Ich war zehn Jahre alt und ein bisschen verliebt in den freundlichen Bürgermeister, der uns in seinen Reden ermahnte, die Brüder und Schwester im Osten nicht zu vergessen. Ich hatte zwar keine Geschwister hinter der Mauer, aber ich freute mich über die flackernden Lichtpunkte an den Fassaden der Wohnhäuser. In den dunklen Winternächten strahlten sie eine beruhigende Botschaft aus: Wir denken an Euch!

Es war das Jahr 1962. Der Zweite Weltkrieg war zwar schon siebzehn Jahre vorbei, aber seine Spuren waren in Berlin deutlich sichtbar. Leere Grundstücke erinnerten an die ausgebombten Gebäude. Die Soldaten der Alliierten verdeutlichten, dass die ehemalige Hauptstadt von Besatzungsmächten kontrolliert wird. Die Mauer besiegelte die Teilung der Stadt. Das Wirtschaftswunder hatte anderen deutschen Familien schon Fernseher und Autos beschert. Wir nahmen an diesem Wohlstand nicht teil, aber dass wir arm waren, kam mir nicht in den Sinn.

Viele Weihnachtserzählungen meiner Kindheit hatten mit dem Krieg zu tun: Ein irgendwie beschaffter Schweinebraten stillte den Nachkriegshunger; ein totgeglaubter Vater kam in den Feiertagen unerwartet aus der Gefangenschaft zurück. Diese Geschichten verführten mich, Unmögliches zu wünschen: eine Mutter, die nicht so viel arbeiten muss, einen Vater der mit uns wohnen will, einen Hund.

Die Weihnachtszeit bedeutete Heimlichkeiten und Vorfreude. Heiligabend schlichen die Stunden dahin. Unsere Mutter schickte meine Schwester Corinna und mich auf die Straße, damit sie die Bescherung in Ruhe vorbereiten konnte. Wir beobachteten die eilenden Erwachsenen; manche trugen bunt eingepackte Geschenke, andere zogen einen Schlitten mit festgebundenem Tannenbaum. Endlich wurde es dunkel. Zu Hause zogen wir uns die guten Kleider an und holten unsere selbstgebastelten Gaben aus den Verstecken hervor.

Keine Weihnachtsmusik. Das ist Jazz!

An der Wohnungstür klingelte es zweimal, das waren die Verwandten. Ein helles Glockenläuten war unser Signal, dass wir ins Wohnzimmer durften. Kerzen strahlten auf dem geschmückten Baum, und es roch nach Tannengrün und Zimt. Corinna und ich packten unsere Geschenke aus, freuten uns über Tuschkasten, Bücher und Spiele. Zufrieden inspizierte ich die Lebkuchen, Dominosteine und in Seidenpapier gewickelten Apfelsinen auf meinem bunten Teller.

Meine Mutter teilte der Familienrunde mit, dass sie sich in diesem Jahr zum ersten Mal selber beschenkt habe. Sie hielt eine LP hoch: Dave Brubeck. „Es ist keine Weihnachtsmusik“, erklärte sie. „Es ist Jazz.“

In dem Moment bemerkten die Verwandten, dass Ludwig fehlte. Ludwig war mein Onkel, ein charmanter Stimmungsmacher, der immer spannende Geschichten auf Lager hatte und gute Laune verbreitete. Er war Schauspieler und konnte sowohl Donald Duck als auch Willy Brandt perfekt imitieren. Manchmal rieb er Groschen auf meinem Arm hin und her, bis sie verschwanden, und fand sie hinter meinem Ohr wieder. Es kam vor, dass Ludwig einige Wochen bei uns wohnte. Dann lud er seine Freundinnen ein, wenn unsere Mutter bei der Arbeit war. Jede war hoffnungslos verknallt und machte ihm Glutaugen. Ludwig gab Corinna und mir fünfzig Pfennig, dafür mussten wir versprechen, uns mindestens zwei Stunden lang draußen rumzutreiben.

Wenn Ludwig nicht zu Familienfesten erschien wie versprochen, empfanden alle eine Leere. Seine Abwesenheit dämpfte die gute Laune. Die Frauen deckten den Tisch für die traditionelle Weihnachtsmahlzeit. Alles stand bereit: Heringe, Kartoffelsalat und Schwarzbrot. Da klingelte es an der Tür. Ludwig hatte das große Talent, immer dann zu erscheinen, wenn man ihn richtig doll vermisste, aber ehe man ärgerlich wurde.

Er brachte die Kälte von draußen ins heimelige Zimmer. Und einen Fremden. An seiner Seite stand ein Mann mit dunkler Haut, in Uniform.

„Wir sagen dazu Heimweh“

„Das ist mein neuer Freund Troy“, erklärte Ludwig. „Er stand verloren im U-Bahnhof und da habe ich ihn eingeladen. Keiner sollte den Heiligen Abend alleine verbringen müssen, oder?“

Troy nahm seine Uniformmütze ab und lächelte uns an. „Merry Christmas everybody.“

Die Melodie seiner Worte verzauberte mich. Ich starrte den Gast an und wunderte mich, dass Zähne so weiß sein konnten. Ludwig stelle uns der Reihe nach vor, aber als Troy meine Hand nahm, war ich zu schüchtern, um ihm in die Augen zu sehen.

Meine Oma stellte noch einen Teller auf den Tisch und Mutter klappte das Bügelbrett auseinander. Ehe Corinna und ich darauf Platz nehmen konnten, rief Ludwig uns beide in die Küche, um uns eine kleine Lektion zu erteilen. Wir sollten nicht das Wort gebrauchen, das man heute das N-Wort nennt, weil es eine Beleidigung ist. Woher wusste mein Onkel das damals?

Unser Tischgespräch war eine lustige Mischung aus Deutsch und Englisch. Meine Mutter konnte Englisch und streute Erklärungen für uns Kinder ein: turkey war Truthahn und den gab es mit süßen Kartoffeln zu Weihnachten bei Troys Familie in Chicago. Troy blickte auf seine im Kerzenschein leuchtende goldene Armbanduhr. „Zu Hause ist es fünf Uhr morgens. Vielleicht ist meine kleine Schwester gerade aufgewacht. Sie ist so alt wie du und zu Weihnachten ist sie immer so aufgeregt.“ Er legte seine Hand auf meinen Arm und meine Mutter übersetzte.

„Wir sagen Heimweh wenn wir miss our home.“ Theatralisch griff sich mein Onkel ans Herz.

„Yes. Heymway.“ Troy nickte.

Nach dem Essen sang meine Familie die Weihnachtslieder a capella. In diesem Jahr spielte Troy dazu auf seiner Mundharmonika. Wenn er ein Lied nicht kannte, improvisierte er. Manchmal blies er so hohe Töne, dass ich Gänsehaut bekam. Noch nie war unser Gesang so fröhlich gewesen. Wie immer war „Stille Nacht“ das große Finale. Troy sang auch und der englische Text verschmolz mit unseren deutschen Worten. Seine Stimme war tief und voll. Als hätten wir uns abgesprochen, verstummten wir, um unseren Gast besser zu hören. Die dritte Strophe war sein Solo und er verzierte die vertraute Melodie mit unbekannten Noten und Schlenkern.

In anderen Jahren waren die Erwachsenen nach „Stille Nacht“ immer nachdenklich und melancholisch geworden, aber an diesem Heiligabend passierte das nicht. Troy sang heitere Lieder, die er Spirituals nannte. Er trommelte mit seinen Fingern auf dem Tisch und ließ seine Stimme virtuos spielen. Sein Gesang prickelte in mir und ich wollte gleichzeitig lachen und weinen. Als Troy mir eine Grimasse schnitt, siegte das Lachen und mein Herz strömte über.

Irgendwann wurden Corinna und ich ins Bett geschickt. Dave Brubeck spielte „Take Five“ und unsere Mutter tanzte mit Troy und Ludwig. Sie wiegte die Hüften und hielt ihre brennende Zigarette hoch in die Luft.

Mein neues Buch habe ich an diesem Abend nicht aufgeschlagen.


Die Autorin ist Politologin und Journalistin. Sie lebt, mit Unterbrechungen für längere Forschungsaufenthalte in Berlin, seit 1975 im kalifornischen Berkeley. 

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