Im Spiegel stand etwas über das Chronische Fatigue-Syndrom. Fatigue ist französisch für Ermüdung. Das Wort beschreibt unzureichend, wovon der Text berichtet: Eine junge Frau liegt seit eineinhalb Jahren in einem abgedunkelten Raum und wird mit Püree ernährt. Sie ist nicht gelähmt. Ihr fehlt die Kraft zum Kauen, geschweige denn einen Satz zu sagen. Für Silben, Bewegungen der Finger und Augen reicht es. Danach braucht sie Pause. Licht strengt an. Das Leiden ist – in milderen Ausprägungen – weit verbreitet, aber noch unerforscht. Neuerdings wird immerhin darüber geredet.

Vermutlich dadurch inspiriert sprach Annalena Baerbock soeben: „Wir haben einen Moment der Fatigue erreicht.“ Muss die Nation sich Sorgen machen? Fürchtet die selbstbewusste und einem gelegentlichen Pluralis Majestatis gewiss nicht abholde Außenministerin, den Anforderungen ihres Amtes zu erliegen? Ach wo, energetisch ist sie in Ordnung. Es ging ihr allein um die matte Kampfmoral der Bevölkerung. Medien übersetzten das mit der Schlagzeile: „Baerbock warnt vor Kriegsmüdigkeit.“

Inzwischen wird den Wählern offensiv Vergesslichkeit abverlangt

Dass deutsche Politiker sich zuletzt derart sorgten, ist lange her. Seither klagte man lieber konträr: „Die weißen Tauben sind müde.“ Gerade neulich noch warb Baerbocks Partei mit dem Slogan: „Keine Waffen und Rüstungsgüter in Kriegsgebiete. Am 26. 9. Grün wählen!“  Ja, es ist demokratischer Brauch, sich nicht sklavisch an Mandatsgenerierungsformeln zu ketten. Doch erstaunlicherweise wird lästige Programmatik nun nicht, wie üblich, diskret kassiert, sondern den Wählern offensiv Vergesslichkeit abverlangt. In Sachen Waffenlieferungen sollten sie allenfalls bezweifeln, ob Haubitzen sich nur per Spedition oder nicht auch als DHL-Sperrgut verschicken lassen. Kleiner Scherz für Fans der ZDF-Vorabendreklame: Was fragt Anton Hofreiter in der Apotheke, wenn er Hustensaft braucht? – „Gibt’s das auch von Rheinmetall?“

Ohne der Fatigue-Diagnose widersprechen zu wollen: Andererseits lösen Russlands Überfall und seine Folgen für die ukrainische Bevölkerung jede Menge großkalibrige Erweckungserlebnisse aus. Da geht allerhand ganz schnell. Personen, die zum Schutz vor einer grippeähnlichen Infektion eben noch Grundrechte als Sixpack entsorgten, bescheinigen der Bevölkerung plötzlich, sich übertrieben vor Lichtblitzen und Druckwellen zu gruseln.

Der SPD wird nahegelegt, sich für die Entspannungspolitik zu entschuldigen, mithin ihre wohl bedeutendste Leistung, noch vor Rudolf Scharpings Swimmingpool-Fotos. CDU-Mann Norbert Röttgen behauptete 2014 bezüglich der Ukraine: „Waffenlieferungen in akute Kriegsgebiete sind eigentlich mit das Problematischste, was man tun kann.“ Heute vertritt er das Gegenteil. Klar, nach Angaben des Veranstalters ist es ja kein Kriegs-, sondern ein Spezialoperationsgebiet.

Kriege neigen dazu, noch spektakulärer außer Kontrolle zu geraten als Karl Lauterbach

So sehr ich einiges nachvollziehen kann, mich selbst prädestiniert mein zages Gemüt eher für einen Olaf-Scholz-Ähnlichkeitswettbewerb. Denn dem schwant womöglich auch, dass Kriege dazu neigen, noch spektakulärer außer Kontrolle zu geraten als Karl Lauterbach.

Ich respektiere jeden, der seine Meinung geändert hat – okay, fast jeden –, hätte aber einen höflichen Hinweis: Es ist mindestens uncharmant, all jene als Putinknechte und Lumpenpazifisten zu denunzieren, welche sich an Überzeugungen festhalten, die bis gestern noch Gemeingut waren.