Paris - Zwischen Hausmauer und Regenrohr tut sich eine Nische auf. In Zellophan verpackte Rosen trotzen dort dem Herbstwind. Ihre Tage sind gezählt. Die an kraftlosen Stengeln baumelnden Blüten beginnen zu welken. Drum herum bietet sich ein ganz anderes Bild. Da blitzt und blinkt es. Die Bautrupps haben ganze Arbeit geleistet. Das Bataclan erstrahlt in neuem Glanz.

Fast ein Jahr lang stand der Name des Pariser Konzertsaals nicht für Musik, sondern für den Tod. Am 13. November 2015 war das Bataclan Schauplatz des schwersten Terroranschlags in der französischen Geschichte.
21.40 Uhr ist es an jenem Freitag, als die Eagles of Death Metal „Kiss the Devil“ anstimmen. Vor der Bühne und auf den Emporen drängen sich 1500 Rockfans. Die Band spielt den Song nicht zu Ende. Drei mit Kalaschnikows bewaffnete Männer stürmen in den Saal, eröffnen unter „Allahu-akbar“-Rufen das Feuer, töten 90 Menschen.

„Das Bataclan lebt“

Der Blumengruß am Regenrohr gilt den Opfern. Drum herum aber herrscht nun Aufbruchsstimmung. In rosaroten Großbuchstaben prangt der alte Name Bataclan auf neuem Verputz. Die nicht in Reih und Glied montierten Lettern scheinen zu tanzen. Drinnen wird am Samstag der britische Rocker Sting den renovierten Konzertsaal einweihen. Alles ist dort neu, vom Bodenbelag bis zum Dachgestühl. „Das Bataclan lebt“, hat Jérôme Langlet gesagt, der Besitzer des Hauses.

Die sich zum „Islamischen Staat“ bekennenden Selbstmordattentäter, die vor dem Stadion Stade de France, auf Bistroterrassen und im Bataclan alles Leben auslöschen wollten, haben ihr Ziel nicht erreicht. Sie haben 130 Menschen umgebracht, mehr als 400 verletzt. Doch die Bataclan-Macher haben sich selbstbewusst zurückgemeldet. Und auch auf den Bistroterrassen wie auch im Stadion pulsiert das Leben. Ein paar Kilometer weiter nördlich freilich sind die Renovierungsarbeiten noch voll im Gange.

Eindämmung von Gewalt und Terror

Dort draußen in den Pariser Vorstädten geht es ja auch nicht nur darum, die Spuren des Terrors vom November 2015 zu tilgen. Allein das von Eliteeinheiten gestürmte Haus, in dem sich Abdelhamid Abaaoud verschanzt hatte, einer der Drahtzieher der Anschläge vom 13. November, hat Bauschäden davongetragen. Rund 5000 Kugeln hatten die Sicherheitskräfte dort im Zentrum von Saint-Denis abgefeuert. Eine Explosion gab es auch. Ein Komplize hatte sich vor dem Eintreffen der Sicherheitskräfte in die Luft gesprengt und Abaaoud mit in den Tod gerissen.

Nein, in der Banlieue geht es um mehr. Aus von Armut und Arbeitslosigkeit gezeichneten Einwanderer-Ghettos sollen attraktive Vororte werden, in denen sich Angehörige aller sozialen Schichten zu Hause fühlen. Auch dies ist Gegenwehr, dient der Eindämmung von Gewalt und Terror.

Erhebung des Instituts Montaigne und des Meinungsforschungsinstituts Ifop

Der Politologe Francois Burgat geht davon aus, dass dort so mancher geografisch wie gesellschaftlich an den Rand geratene Nachfahre nordafrikanischer Einwanderer lieber gar kein Franzose mehr sein will als ein Franzose zweiter Klasse. Wer sich als in der Banlieue gestrandeter Muslim zurückgewiesen, gedemütigt fühle, habe die Wahl zwischen mehreren Ausstiegsszenarien, glaubt Burgat. Eines sei das Herausstellen der eigenen religiösen Zugehörigkeit bis hin zum Sektierertum, bis hin zur religiös verbrämten Gewalt.

Eine Ende September veröffentlichte Erhebung des Instituts Montaigne und des Meinungsforschungsinstituts Ifop weist in die gleiche Richtung. Die Hälfte der in Frankreich lebenden muslimischen Jugendlichen lehnt demnach die Werte der Republik ab und „nutzt den Islam, um sich am Rande der Gesellschaft zu behaupten“.