Redakteurinnen und Redakteure der Berliner Zeitung – aus Ost und West – stellen sich die Frage: Ein Land, ja. Aber auch mein Land?

Das gute Deutschland, auf beiden Seiten

Wer sehen wollte, wie es in der DDR zugeht, konnte das als Westdeutscher schon lange vor dem Mauerfall tun. Und wer es tat, ließ schon damals alle Klischees hinter sich – wie Holger Schmale.

Eine frühe Kindheitserinnerung geht auf den 13. August 1961 zurück. Wenige Tage vor meinem achten Geburtstag herrschte Aufregung bei uns zu Hause. Mitten am Sonntag lief der erst kürzlich angeschaffte Fernseher. Er zeigte befremdliche Bilder von Soldaten und Bauarbeitern in Berlin, wie meine Eltern erklärten. Meine Mutter sagte: „Jetzt kommen die Russen!“

Wir wohnten in einem östlichen Vorort von Hamburg, die sogenannte Zonengrenze war nur gut 20 Kilometer entfernt. Die Russen sind dann nicht gekommen, aber dies war das erste Mal, dass ich von einem anderen deutschen Staat hörte. Er sollte die kommenden fast dreißig prägenden Jahre meines Lebens präsent und auch selbstverständlich bleiben. Ich kannte es wie meine ganze Generation ja nicht anders: Es gab zwei deutsche Staaten.

Der andere spielte für uns aber erst einmal keine große Rolle mehr. Wir hatten dort keine Verwandten und Freunde. Nur zu Weihnachten ging es um die Brüder und Schwestern im Osten, wie man sie gern nannte. In der Schule packten wir Päckchen für die „drüben“. Hunderttausendfach geschah das in Westdeutschland. So sehr solche Päckchen im Osten vielleicht willkommen waren – sie waren oft eben auch eine herablassende Geste, ein wenig Krumen vom Tisch der Reichen wurden da verschickt.

Grenzübertritt war mit dem westdeutschen Reisepass einfach 

1966 wurde dann Willy Brandt Außenminister und drei Jahre später Bundeskanzler, jetzt redeten alle von der neuen Ostpolitik, die so viele Menschen begeisterte, mich auch. Ich trat mit 16 in die SPD ein, und als zwischen BRD und DDR der „kleine Grenzverkehr“ für die Bewohner der auf beiden Seiten der Grenze liegenden Landkreise eingeführt wurde, beschlossen wir Jusos, das für eine Expedition in den Osten zu nutzen.

Wir waren für den Sozialismus, drüben war Sozialismus, das mussten wir uns anschauen. Wir nahmen Kontakt zur FDJ in Güstrow auf, und tatsächlich erhielten wir eine Einladung für einen Besuch in dem mecklenburgischen Städtchen.

Es war dann ein Kulturschock, aber ich fand den Blick in eine so andere Welt nur wenige Kilometer von meiner entfernt auch faszinierend. Ein Gefühl, das mich bis 1989 nicht mehr verlassen sollte. Und dazu führte, dass ich wesentlich mehr mit der DDR und den Deutschen dort zu tun haben sollte als die meisten Westdeutschen.

Es begann mit meinem Studium in West-Berlin. Nun fuhr ich häufiger auf der Transitstraße durch das andere Deutschland, und in West-Berlin traf ich auf Freunde, die öfter mal nach Ost-Berlin gingen. Ich kam mit.

Der Grenzübertritt war mit dem westdeutschen Reisepass einfach. Wir gingen ins Berliner Ensemble, fuhren an den Müggelsee, kauften günstig schöne Ausgaben der Werke von Lion Feuchtwanger und Heinrich Mann. Und stellten fest, dass da ganz normale Menschen ein ganz normales Leben führten. Nur: Sie konnten nicht einfach ihren Pass nehmen und ihrer Wege jenseits der Mauer gehen.

„Wir sind ein Volk“-Rufe im Meer schwarz-rot-goldener Fahnen

Nach dem Studium wurde ich Journalist im West-Berliner Büro der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Als „Reisekorrespondent“ war ich auch für die Berichterstattung aus der DDR zuständig und genoss ein ungeheures Privileg. Mit dem Journalistenvisum konnte ich praktisch unkontrolliert jederzeit die Grenze passieren, von einer Welt in die andere wechseln und zurück.

So bizarr diese Situation mit der Mauergrenze mitten durch die Stadt auch war, so selbstverständlich war sie über die Jahre geworden. Sicher, alles war deutsch. Aber die Vorstellung, dass es einmal zusammengehört hatte, eigentlich zusammengehören müsste, war sehr, sehr fern.

Die Spaltung Deutschlands hatte ja Gründe, sie ging auf die verbrecherische Politik der Nationalsozialisten im Namen dieses Deutschlands zurück. Ich hatte immer Sympathien für die DDR und ihren Anspruch, das bessere Deutschland zu sein. Mir war der großkotzige Alleinvertretungsanspruch der BRD zuwider.

Ich fand es beklemmend, als ich 1989 mit Helmut Kohl an der Dresdener Frauenkirche vor einem Meer schwarz-rot-goldener Fahnen stand und die „Wir sind ein Volk“-Rufe hörte. Dass die neuen Bundesbürger aus dem Osten mit riesiger Mehrheit Helmut Kohl wählten und ihm sozusagen ein zweites politisches Leben verschafften, war für mich auch verstörend.

Ich habe dann einige Jahre viel weiter im Westen gelebt, als Korrespondent in den USA. Das relativierte die deutschen Verhältnisse. Als ich 2001 zurückkehrte, kam ich zur Berliner Zeitung und hatte erstmals tagtäglich mit Ostdeutschen zu tun: Sie waren meine Kollegen. Die größte Überraschung für mich war, dass ich anfangs gar nicht unterscheiden konnte, wer in dieser Redaktion woher stammte.

Schwarz-rot-goldene Fahne nicht den Rechtsradikalen überlassen 

Es spielte im Alltag auch keine Rolle. Die feinen Zwischentöne verstand ich erst mit der Zeit. Das Sagen hatten freilich die Westdeutschen. Dennoch, dies ist ein Platz, an dem sich beide Seiten erfolgreich zusammengerauft haben und schon lange gemeinsam für ein Projekt stehen.

Und natürlich ist dieses Land nun auch mein Land. Und wir alle dürfen das republikanische Symbol beider deutschen Staaten, die schwarz-rot-goldene Fahne der Demokraten des 19. Jahrhunderts, nicht den Rechtsradikalen und Nationalisten überlassen. Das habe ich inzwischen verstanden. Es sind die Farben, die seit fast 200 Jahren für das gute Deutschland stehen. Für mein Deutschland.

Holger Schmale stammt aus Hamburg, war USA-Korrespondent, schreibt seit 2001 für die Berliner Zeitung. 

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Die Einheit, ein Rätsel 

Ein Westler, der den Osten verteidigt, ein Ostler, der den Osten hasst. Und eine Ostdeutsche, die sich nicht als solche identifiziert: 30 Jahre danach ist es kompliziert, schreibt Sabine Rennefanz.

Ein Westler, der den Osten verteidigt, ein Ostler, der den Osten hasst. Und eine Ostdeutsche, die sich nicht als solche identifiziert: 

Kürzlich fuhr ich mit dem Zug von Berlin nach Amsterdam. Ich war dort eingeladen, um über dreißig Jahre deutsche Einheit zu reden. Über die Einheit zu reden, das scheint vorrangig eine Aufgabe der Ostdeutschen. Vorrangig um diesen seltsamen 3. Oktober herum. Schon am Morgen auf dem Weg zum Bahnhof hatte ich ein Interview gegeben.

Die Radiomoderatorin aus Baden-Baden schien ein wenig ungeduldig. „Wann ist denn nun die Einheit vollendet?“, fragte sie. Ich fragte zurück: „Was soll das sein, die Einheit?“ Es scheint eine Sehnsucht nach etwas Fertigem, Perfektem zu geben.

Die Fahrt im Intercity dauerte sechs Stunden und zwanzig Minuten. Während ich durch das Land schaukelte, kamen Erinnerungen hoch. Die Strecke bin ich zuletzt 1992 gefahren, damals mit meiner besten Freundin Madleen Meister.

Ich war siebzehn, und es war meine erste Reise ohne meine Eltern. Meine zweite Reise ins westliche Ausland. Alles war neu, aufregend. Zwei Jahre zuvor war das Land verschwunden, in das ich hineingeboren war, und hatte sich in ein neues Land verwandelt. Vor uns lagen ein unerschöpflicher Vorrat an Zeit und viele, schöne, unbekannte Dinge.

Heute werden neue Grenzen um Europa herum hochgezogen

Wir liehen uns Räder aus und fuhren herum, aßen Toast mit Erdnussbutter und tanzten abends zu „Sisters of Mercy“. An einem Tag fuhren wir an den Strand nach Zandvoort. Wir hatten unsere Decken ausgebreitet, als eine Gruppe Jungs auf uns zukam und uns bespuckte und mit Sand bewarf. Sie riefen etwas, was wir nicht verstanden. War es das, womit man rechnen musste, wenn man als Deutsche im Ausland war? Den Rest des Urlaubs sprachen Madleen und ich in der Öffentlichkeit englisch miteinander.

Der Zug fuhr durch den tiefen Westen, Osnabrück, Rheine, Bad Bentheim. Von hier aus gesehen war der Osten weit weg. „Frankreich war mir mental viel näher als der Osten“, sagte einmal eine Frau aus Westfalen zu mir.

Durch den Lautsprecher ertönte eine Durchsage auf Holländisch, Personalwechsel, und mich traf das völlig unvorbereitet, mir schossen die Tränen in die Augen. Ich weiß, für viele ist das eine Selbstverständlichkeit, aber es rührt mich immer noch so, dass man einfach die Grenzen übertreten kann, von einem Land ins andere gleiten, ohne angehalten zu werden, ohne kontrolliert zu werden.

Als die Mauer fiel, hatte man davon gesprochen, dass das Ende der Geschichte erreicht worden sei. Der Kapitalismus und die Demokratie hatten gesiegt. Es schien so, als würde alles freier und offener werden. Das war ein Irrtum gewesen.

Jetzt werden neue Grenzen hochgezogen, nicht nur in Großbritannien oder in den USA, um Europa herum, die Grenzen verlaufen auch zwischen den Menschen. Die Grenzen sind nach innen verlagert worden. „Herzlich willkommen in Holland“, sagt der Mann in der Durchsage.

Westdeutsche hätten den Osten plattgemacht

Am Abend nahm ich an einer Diskussionsrunde im Goethe-Institut teil. Zur Begrüßung kam der Moderator, ein holländischer Historiker, er schüttelte meine Hand und wollte sie gar nicht wieder loslassen. Er sei Deutschlandexperte, sagte er und trete viel im Fernsehen auf. Beim Gespräch sagte er dauernd Siegfried statt Sigmund Jähn, er verwechselte Bundespräsident und Bundeskanzler.

Für einen Deutschlandexperten sprach er erstaunlich schlecht Deutsch. Wenn er eine Pause machte, versuchte ich, ein paar Fakten über die Transformation unterzubringen und über die Unterschiede zwischen Ost und West zu reden.

Als die Diskussionsrunde für das Publikum eröffnet wurde, stand eine Frau, Mitte 40, auf. Sie sagte, ihre Familie sei 1991 nach Amsterdam gekommen, sie habe sich nie als Ostdeutsche gefühlt, sondern als Deutsche. „Wenn mich jemand fragt, was ich bin, dann sage ich: Thüringerin“, sagte sie.

Ein älterer Herr in Anzug und Krawatte meldete sich, es war ein Kölner, der seit Jahrzehnten in Amsterdam lebt. Er sagte, ich hätte viel zu freundlich über die Lage geredet. Die Westdeutschen hätten den Osten plattgemacht, niedergetrampelt, ausgesaugt und zur Kolonie degradiert. Er schien enttäuscht von mir, wahrscheinlich war ich ihm nicht kämpferisch genug.

Ich wandte ein, dass ich die These von Kolonialisierung schwierig finde, aber ich weiß nicht, ob der Herr noch zuhörte. Die Konzentration ist schwieriger geworden, man ist schneller gelangweilt. Ein Mann aus Den Haag erzählte, dass er 1985 aus der DDR abgehauen sei, er habe es nicht mehr ausgehalten. Nun lebte er in Holland.

Die Einheit, ein wirres Rätsel 

„Ich kann es nicht mehr hören, wenn es heißt, die Ostdeutschen brauchen Streicheleinheiten. Die sollen mal ihren Arsch hochkriegen, statt immer nur zu jammern“, sagte er. Mir tat der Mann leid, er wirkte allein mit seinem Trauma, dem Hass. Vieles scheint sich zu wiederholen, die gleichen Fragen, die gleichen Vorwürfe. Ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich schon gefragt wurde, wann ich denn die Fesseln der DDR abgeworfen habe.

Die Schriftstellerin Jenny Erpenbeck hat den Satz gesagt, man brauche das ganze eigene Leben, um das eigene Leben zu enträtseln. „Schicht um Schicht legt sich Wissen auf die Vergangenheit und lässt sie immer wieder neu wie eine Vergangenheit aussehen, die man zwar gelebt hat, dabei aber gar nicht kannte.“ So erscheint mir die Einheit, ein irres Rätsel, das es zu entwirren gilt.

Sabine Rennefanz, 1974 in Beeskow geboren, seit 2001 bei der Berliner Zeitung, unter anderem als Korrespondentin in London.

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Wenn Systeme kippen 

Am 3. Oktober 1990 war Birgit Walter in New York. Dieses Jahr wird sie den Tag in Brandenburg verbringen. Dazwischen hat sie gelernt, dass die Deutschen nicht immer aus der Geschichte lernen.

Ein paar Stunden vor dem Tag der Wiedervereinigung 1990 landet mein Flugzeug aus New York in Tegel. Das klingt, oder? Ein halbes Leben lang treu der DDR dienen, auch noch bei einer Zeitung, aber sich bei erster Gelegenheit in den Glamour stürzen. Natürlich war die Reise reiner Zufall, dazu ein Geschenk. Aber tatsächlich hatte ich der DDR Zeit meines Lebens verübelt, dass sie mir die Welt vorenthielt, besonders New York.

Nur in dem Jahr zwischen Revolution und Übertritt in den Westen blieb keine Zeit für Sehnsucht nach der Welt. Mir kam schließlich gerade mein Land abhanden. Bei aller Ambivalenz zu ihm, darunter Abscheu, war es doch meins. Hier lebten Familie und Freunde, hier fühlte ich mich zu Hause und geborgen. Und ich kannte mich aus.

Der Westen war fremd. Ich war ihm nicht gewachsen. Nicht nur, dass ich mich wie alle in keinem Kaufhallen-Regal mehr zurechtfand, die Versicherungen, Steuern und Bankgeschäfte nicht durchschaute, den Job neu lernen musste – selbst so einfache Konstruktionen wie diese New-York-Reise blieben rätselhaft.

Der Begriff Deutschland gehörte nicht zu meinem Wortschatz 

Es handelte sich um eine Einladung für drei Ost-Berliner Journalisten. Wir flogen über den Atlantik, bezogen Zimmer im Sheraton Manhattan, der private Veranstalter bezahlte alles. Wir misstrauten ihm zutiefst. Als Gegenleistung erwartete er, dass wir unsere Arbeit taten. In dem Fall war über ein bevorstehendes Broadway-Gastspiel in der Staatsoper zu schreiben. 

Der 3. Oktober ließ sich trotz der irren Reise nicht als Tag der Freude an. Von meinen Freunden und Kollegen jubelte keiner über die Vereinigung. Ergeben träumten wir noch von einem dritten Weg, unsere Sozialisierung gab nichts anderes her.

Als widerspenstig-treue DDR-Bürger hielten wir an der Vorstellung fest, dass gesellschaftlicher Reichtum möglichst gleichmäßig verteilt gehört – ohne dramatische Armut, ohne Milliardenvermögen, mit Arbeit für alle. Dass die sozialistische Idee nicht nur gescheitert, sondern für Jahrzehnte vergiftet war, dass die Implosion des Ostblocks dem Finanzkapitalismus stattdessen zu einem fiesen Turbo-Gang verhelfen würde, dämmerte uns erst allmählich.

Noch erschütterte mich das rasante Verschwinden der DDR. Der Begriff Deutschland gehörte nicht zu meinem Wortschatz, das konnte keinesfalls mein Land sein. Oh ja, den Pass betete ich sofort an. Ohne zu begreifen, dass er so viel mehr war als ein Tor zur Welt, sondern bis heute eines der wertvollsten Dokumente schlechthin.

Hunderte Millionen Menschen gäben für so einen Pass ihre gesamte Habe. Ostdeutschen kam er als Geschenk ins Haus. Und hurtig verlangten sie gleichen Lohn für gleiche Arbeit, in West. 

Ich nicht. Ich fand, solche Dinge brauchten Augenmaß. Die Auswüchse an Arbeitslosigkeit im Osten konnte sich natürlich keiner vorstellen, aber über die geringe Produktivität der eigenen Branche wusste jeder Bescheid.

Die Angst um den Job war anfangs allgegenwärtig. Meine Freundinnen arbeiteten damals bei den Illustrierten NBI, Für Dich, Freie Welt. Kein Blatt überlebte. Die Autorinnen schreiben später für große West-Magazine, aber freiberuflich, ein hartes Brot.

Es gab keinen Ost-West-Konflikt

Keine fand wieder eine feste Anstellung im Journalismus. Nur ich blieb Redakteurin der Berliner Zeitung. Die Welt um mich herum brach zusammen, stellte sich neu auf, und ich wechselte nicht mal den Schreibtisch. Hatte Glück. Ich lernte dazu. Mitte der Neunzigerjahre übernahmen unglaubliche Kollegen aus dem Westen das Kulturressort der Zeitung, sie interessierten sich für alles. Sie diskutierten, behandelten uns hochherzig, nachsichtig, streng. Sie vermittelten viel über Demokratie und Stil, alles über unabhängigen Journalismus.

Es gab keinen Ost-West-Konflikt. In der Zeit um die Jahrtausendwende muss in meiner Wahrnehmung aus dem neuen großen Deutschland mein Land geworden sein. Klar, Wende-Gewinner öffnen sich dankbar dem Neuen. Doch wie vielen Ostdeutschen wurde überhaupt eine Form von Zuwendung und Aufmerksamkeit zuteil in der Umbruchzeit? Während wir uns immerhin heiß redeten über Trennendes und Gemeinsames der Deutschen, übten sich die im Westen Daheimgebliebenen gern in hinreißender Ignoranz. 

In diesem Jahr bin ich kurz vor dem Tag der Einheit nicht im Sheraton, sondern auf Chorfahrt im Brandenburgischen. Wir proben in einem einstigen Kinderferienlager mit Kieselkratzputz-Bungalows und Doppelstockbetten. Alles erinnert an frühere Bescheidenheit. 

Ich denke an den Abend vor 29 Jahren auf dem World Trade Center, als ich beim Anblick der leuchtenden Skyline losheulen musste: dass ich das erleben durfte! Noch oft dachte ich: Was uns die DDR alles vorenthalten wollte!

Als gäbe es ein Menschenrecht auf Reisen durch die Welt. Was, wenn sich das Gros der Chinesen auf den Weg macht?

Ostdeutsche können sich vorstellen, wie ein System kippt 

Ja, das ist jetzt auch mein Land. Aber eins, das wie das untergegangene nichts unternimmt, um seine Zukunft zu sichern und die Bedrohungen der Welt zumindest anzugehen. Es muss sich von einer schwedischen Schülerin in die Spur setzen lassen.

Die Führung bleibt in Legislaturperioden gefangen und mit dem Erhalt ihrer Macht beschäftigt, statt vorauszudenken. So überzeugt ist das reiche Land, dass sein System hält. Das haben Ostdeutsche den Westdeutschen voraus, sie können sich vorstellen, dass ein System kippt.

Birgit Walter wuchs in Prenzlauer Berg auf. Sie war von 1978 bis 2013 Redakteurin der Berliner Zeitung. 

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Der Reiz des Fremden 

Exkursionen ins Unbekannte erweitern den Horizont, sagt man. Was soll eigentlich schlecht daran sein, dass Ost- und Westdeutsche verschieden ticken, fragt sich Julia Haak.

Ein Land, mein Land? Eine gute Frage. Sie zwingt mich, darüber nachzudenken, wer ich eigentlich bin und wo ich stehe. Jetzt. Heute, 29 Jahre nach der Wiedervereinigung. Eine Frau in den mittleren Jahren, geboren in Hamburg und aufgewachsen in Hannover, westdeutsch sozialisiert, die in Ostdeutschland lebt – eine tolle Mischung eigentlich.

Vor 29 Jahren hätte ich die Frage allerdings klar mit Nein beantwortet. Mich verband nichts mit der DDR, keine Verwandtschaft, kein deutsches Gefühl. Die deutsche Identität empfand ich als Last, ich definierte mich lieber als Europäerin. Kohls Versprechungen von blühenden Landschaften trieben mir die Zornesröte ins Gesicht.

Für mich war das in erster Linie der Versuch, die Bürger der DDR zu übertölpeln und ihnen die einmalige Chance auf einen eigenen Weg zu nehmen. Was zurück blieb, war eine Gewissheit, dass zum Übertölpeln auch Menschen gehören, die das mit sich machen lassen.

Seitdem ist viel Zeit vergangen. Das Land, das gemeinsame Land, hat sich sehr verändert. Ich habe mich verändert. Ich arbeite seit 21 Jahren für diese Zeitung. Das, was in den vergangenen 30 Jahren in diesem Land passiert ist, die verschiedenen Standpunkte, die Auseinandersetzungen, das Ringen um die eigene Haltung, fechten wir, eine gleichermaßen mit ost- und westdeutschen Kollegen bestückte Redaktion, jeden Tag aus. Wir streiten, wir vergleichen unsere Argumente, wir versuchen, unser Gegenüber zu verstehen. Und ich bin darüber sehr glücklich.

Abgehängte in Ostdeutschland und Klimabewegte in Westdeutschland 

Aber die Schale ist dünn. Im Sommer nach der Europawahl reichte ein Blick auf die nach Wahlergebnissen eingefärbte Deutschlandkarte, um meine Vorurteile aus der Tiefe ans Tageslicht zu befördern. Die westdeutsche Seite grün, die ostdeutsche blau. Diese Ossis, dachte ich, lassen sich einwickeln von einer Partei, die außer Versprechungen nichts zu bieten hat als reaktionäre Abgrenzung.

Die Ossis. Die Abgehängten. Die Motzer. Ich habe ein 16-jähriges Korrektiv zu Hause, eine Tochter, geboren deutlich nach der Wende und ungeduldig mit uns Ewiggestrigen. Sie lässt mir nichts durchgehen. Schimpfe ich über Ossis, sagt sie, das Wort sollte verboten werden. Ich fühle mich an die eigene Reaktion als Teenager auf meine Großmutter erinnert, wenn sie von Ostpreußen sprach.

„Das heißt Polen“, entgegnete ich ungeduldig und dachte bei mir, dass der Widerspruch ja doch sinnlos sei. Ich hatte wenig Verständnis dafür, dass meine Oma ihre Heimat meinte, das Land ihrer Kindheit. Ich sah eine Verweigerung, im Hier und Jetzt anzukommen. Das werde erst verschwinden, wenn die Alten gestorben sind, dachte ich.

Muss ich auch aussterben? Wird dieses Ost- und Westdenken verschwinden, wenn alle, die in Ost- oder Westdeutschland aufgewachsen sind, nicht mehr da sind? Ist es negativ, verschiedene Standpunkte zu haben?

Ich denke nicht. Jedenfalls nicht, wenn es nicht beim Vorurteil bleibt. In letzter Zeit ärgere ich mich öfter als früher, wenn mir Ost-West-Vorurteile begegnen. Nach den Europawahlen schickten Zeitungen, Radio- und Fernsehsender, Internetmedien Reporter übers Land. Die Berichte glichen sich. Die Reporter fanden Abgehängte in Ostdeutschland und Klimabewegte in Westdeutschland.

Kein Ostdeutscher den ich traf, beschwerte sich, vergessen zu werden 

Man wurde das Gefühl nicht los, dass nur belegt werden sollte, was die Karte gezeigt hatte. Ausgeblendet wurde, dass es diesen gemeinsamen Blick auf die Welt so ja weder in Ost- noch in Westdeutschland gibt. Gesucht wird 30 Jahre nach dem Mauerfall und 29 Jahre nach der Wiedervereinigung noch immer nach dem Trennenden, nicht nach dem Verbindenden. Und das ärgert mich. Man kann doch von einer anderen Weltsicht auch profitieren.

Vor ein paar Wochen war ich in Mecklenburg-Vorpommern unterwegs. Ich traf Menschen, die dort als Busfahrer arbeiten, als Zimmerwirte, als Handwerker. Nicht ein einziger beklagte, von Politik und Gesellschaft vergessen zu werden. Sie hatten eine Haltung, auch eine politische, aber ich hätte sie nicht aufs typisch Ostdeutsche reduzieren können.

Der Busfahrer zum Beispiel schilderte, wie er in die Dörfer fährt, wo selten einer ein- und aussteigt, weil die Menschen dort Autos haben. Der Mann hatte auch in Berlin gelebt.

Es hatte ihm nicht gefallen. Zu viele Menschen, fand er, und sprach anschließend über die Schönheit der mecklenburgischen Landschaft und die liebenswerten Menschen in den Dörfern, denen er auch mal die Einkäufe nach Hause fährt. Ein ostdeutscher Mann, ein Landbewohner.

Das gemeinsame Land ist mein Land 

Ich wohne in einem kleinen brandenburgischen Dorf an der Stadtgrenze zu Berlin. Die Bevölkerung hat sich dort seit der Wende vervierfacht. Viele der Zugezogenen kommen wie ich aus dem Westen. Vielleicht war das für die Altbewohner problematisch. Ich weiß es nicht. Sie haben mir das nie gesagt. In den vergangenen 20 Jahren haben mir aber viele der alten Dorfbewohner erzählt, dass sie auch schon mal in meinem Haus gewohnt haben. 

Sie erzählen, wie es war mit den Russen auf dem Truppenübungsplatz. Was in der Schule anders war. Ihre Geschichten sind interessant. Viele ticken anders als ich, politisch, weltanschaulich, persönlich. Großartig. Ich empfinde das als Bereicherung meiner Weltsicht. Eins kann ich heute sagen: Das gemeinsame Land ist mein Land. Ich bin sogar ein bisschen stolz darauf.

Julia Haak stammt aus Hamburg, seit 1998 ist sie Reporterin der Berliner Zeitung. Sie lebt in Brandenburg.