Bernie Sanders nennt sich einen demokratischen Sozialisten.
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BerlinDas Bashing alter weißer Männer ist gerade sehr en vogue. Aber das Alter der Anwärter Joe Biden und Bernie Sanders ist nicht das Problem im Kampf um die demokratische Nominierung im US-Präsidentschaftskampf. Kaum zu glauben, aber auch alte Männer können, wenn sie die richtigen Ideen haben, junge Menschen bewegen. Treffendes Beispiel: Bernie Sanders.

Der progressive Präsidentenkandidat ist mit seinen 78 Jahren tatsächlich nicht mehr der Jüngste. Er ist es aber laut Umfragen, der bei der jungen Generation in den Vereinigten Staaten am meisten punktet. Bei jenen mit großer Wahrscheinlichkeit demokratisch wählenden unter 30-Jährigen, die das Land die nächsten Jahrzehnte gestalten werden. Das liegt an seinen Ideen und an seinem integren „track record“, seinem Werdegang.

Sanders stand immer auf der guten Seite

Man kann so weit in der Zeit zurückgehen, wie man will: Sanders hat moralisch richtig agiert, stand auf der guten Seite, bevor es einfach wurde, das zu tun. Er lehnte schon 1991 den Golfkrieg ab, später die Irak-Invasion und den Krieg, der die Ausbreitung der Terrororganisation „Islamischer Staat“ zur Folge hatte.

Heute sieht es nicht anders aus. In seiner jetzigen Kampagne wie auch in der letzten setzt er sich – revolutionär! – für eine allgemeine Krankenversicherung ein, für Hochschulbildung, die sich alle leisten können, weil sie nichts kostet. Für bezahlte Elternzeit. Gegen die Waffenlobby der National Rifle Association. Für ein Ende der US-Unterstützung von Saudi-Arabien im katastrophalen Jemen-Krieg.

Sanders’ Klimapläne werden der Dringlichkeit der Krise gerecht. Und seine Kampagne hat er nicht mithilfe der Wall Street und dem Geld von Milliardären finanziert, sondern durch private Spenden. An Glaubwürdigkeit mangelt es ihm nicht. All das macht ihn zu einem überaus attraktiven Kandidaten für Menschen in meinem Alter auf der anderen Seite des Atlantiks. Und, soweit ich das beurteilen kann, auch auf dieser Seite.

Progressive Ansichten

Dabei spielt es keine Rolle, dass er fast 80 Jahre alt ist. Im Gegenteil. Vielleicht ist es gerade Sanders’ Alter, seine Erfahrung als politisch aktiver Student, dass er Martin Luther Kings berühmter Rede in Washington zuhörte und später bei Bürgerrechtsprotesten festgenommen wurde, die ihn für unsere Generation so faszinierend macht. Diese junge Generation legt augenscheinlich mehr Wert darauf, wer jemand ist und wie sich das in Taten äußert als auf Geld, Macht und unverzichtbare Jugend.

Seine progressiven Ansichten sind einem Großteil der dann doch konservativen amerikanischen Gesellschaft jedoch ein Dorn im Auge. Von seinen Rivalen ganz zu schweigen. Die Anfeindungen häufen sich. Mal wird ihm abgesprochen, ein Demokrat zu sein. Andere nennen ihn einen Linkspopulisten und erklären nicht, was sie damit meinen. Ist der britische Labour-Politiker Jeremy Corbyn ein Populist?

Biden versucht ihn zu diskreditieren

Tatsächlich nennt sich Sanders einen demokratischen Sozialisten. Bei uns wäre er wahrscheinlich einfach ein Sozialdemokrat. Wie auch immer: Sozialismus ist in Europa weniger verpönt als in Amerika. Zumindest der amerikanischen Boomer-Generation jagt das Wort aber immer noch einen Schauer über den Rücken, als sei der Kalte Krieg erst gestern beendet worden.

Sanders wirkt in seinem Elan für das Establishment geradezu revolutionär, durchaus eine Bedrohung für die Art und Weise, wie in der Demokratischen Partei bisher Politik gemacht wurde. Aus diesem Grund versuchen Biden und zuvor Buttigieg und sogar Elizabeth Warren, ihn zu diskreditieren.

Integrität über Machterfahrung

Nun also Biden versus Sanders. Gerade liegt Biden vorn. Doch er repräsentiert das Business-as-usual der Demokraten, die Art von Clinton-Nachfolge, die wohl in eine Sackgasse von vier weiteren Jahren Trump führen wird. Im Gegensatz zu Sanders hat er keinen sauberen „track record“, ganz im Gegenteil. Der Irakkrieg und sein übergriffiges Benehmen Frauen gegenüber sind dafür nur zwei Beispiele. All das macht seine Erfahrung als Vizepräsident nicht wett.

Wer noch zögert: Im Zweifel sollte in der Politik Integrität über Regierungs- und Machterfahrung gehen.