Die Kathedrale ist in Gefahr.

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Berlin-MitteJedes Mal, wenn ich an der Friedrichswerderschen Kirche vorbeifahre – und das ist oft – kommt der Ärger hoch über die dort an der Falkoniergasse und am Schinkelplatz entstandenen neuen Häuser. Sie wurden dem kostbaren Bau so nahe gerückt, dass seine hoch ragende neugotisch-klassizistische Eleganz kaum noch zu sehen ist, seine Fundamente sogar, um noch einige Luxuskarossen mehr unterirdisch unterbringen zu können, wortwörtlich so lange angegraben, bis sich in den Gewölben tiefe Risse entwickelten.

Wie schon 1987

Jetzt gab die Stiftung Preußischer Kulturbesitz bekannt, dass sie die deswegen 2012 fluchtartig geräumte einstige Kirche ab nächstem Jahr wieder für die Ausstellung von Skulpturen des Klassizismus nutzen will, wie schon seit 1987.

Da weder eine neuerliche kirchliche Neunutzung des Raumes absehbar ist noch, dass die schon jetzt mit ihren vielen und durchweg sehr teuren Bauprojekten bis an die Grenzen geforderte Preußen-Stiftung eine Alternative schaffen kann, werden wir diese Skulpturen wohl noch lange in der Friedrichswerderschen Kirche sehen können. Und uns darüber ärgern, dass etwa die erlesene Prinzessinnengruppe Schadows in nur durch Lampen zu erhellenden Schattenraum stehen muss, statt wie seit 1987 in strahlendem Naturlicht zu baden.

Denn die Investoren mussten ja ruchlos auch noch den letzten Cent aus dem Baugrund herauspressen, und teils berühmte Architekten dienten sich diesem Unterfangen willig an. Sie nahmen weder in den Proportionen der Häuser – die weit höher sind als die historische Bebauung – noch in der Detaillierung oder in der Materialwahl irgendeine Rücksicht auf eines der Hauptwerke eines ihrer oft als „Genie“ idealisierten Berufsgenossen, Karl Friedrich Schinkel.

Bei Grundstücksverkäufen zählt nur auf der Preis

Möglich wurde dies Trauerspiel vor allem aus zwei Gründen: Weil Abgeordnetenhaus und Senat lange daran festhielten, bei Grundstücksverkäufen nur auf den Preis zu sehen und alle gesamtgesellschaftlich viel interessanteren Projekte deswegen keine Chance hatten – und weil die städtischen Behörden, voran die Senatsbauverwaltung, alle Warnungen der Stadthistoriker und der Denkmalpfleger in den Wind schlugen und die vorgelegten Projekte auch noch genehmigten. Deswegen entstanden an der Stelle eines einst eher klein- bis mittelbürgerlichen Viertels nun Luxuswohnungen. Diese Bauten sind also nicht nur stadtgestalterisch, sondern auch sozialpolitisch ein Desaster.

Und gab es Folgen? Immerhin, in Ausnahmefällen darf der Senat jetzt auch nach Konzept und nicht nur nach Geldwert verkaufen. Und das Landesdenkmalamt wurde – auch in Folge dieses Skandals – in die Zuständigkeit des Kultursenators verlagert. Auch dort aber ist sein Einfluss denkbar gering, wie sich in den Kämpfen um die St. Hedwigs-Kathedrale gezeigt hat.

Katholische Kirche verhält sich ebenso ruchlos gegenüber historischem Bestand

Auch dort wieder hat der Senator dem Investor freie Bahn geräumt, die katholische Kirche – sie verhält sich gegenüber dem historischen Bestand genau so ruchlos wie die Bauherren an Falkoniergasse und Schinkelplatz, sollte also auch genau so bezeichnet werden – darf den kostbaren Innenraum der Kirche zerstören, den Bau zur Hülle degradieren.

Da muss man fast froh sein, dass die Friedrichswerdersche Kirche wenigstens innen wiederhergestellt werden konnte. Ach so: Zur Rechenschaft wurde für das Desaster übrigens niemand gezogen. Es wurde, sehr berlinisch, einfach verbucht als eine der vielen Peinlichkeiten aus Inkompetenz, unter denen diese Stadt zu leiden hat.