Elmar Jehn (links), Gregor Gysi und Jochen Arntz
Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Berlin   Herr Gysi, Berlin und Brandenburg wurden in der vergangenen Woche regelrecht elektrisiert: Tesla kommt! Finden Sie das auch so giga wie viele Kommentatoren?

Es zeigt zumindest, dass Berlin und Brandenburg ein gutes Umfeld für zukunftsträchtige Investitionen bieten. Genau dies wurde ja von vielen angesichts dortiger Regierungskonstellationen bezweifelt. Trotzdem rate ich auch zum Abwarten, was real den Ankündigungen folgen wird.

Was bedeutet die Tesla-Ansiedlung für Brandenburg und den deutschen Osten?

Der Osten könnte zum Zentrum der modernen Automobilität in Deutschland werden. VW produziert E-Mobile schon jetzt in Zwickau. Mit Tesla könnte sich einiges aus dem Westen in den Osten verschieben. Ein klimagerechter Industrialisierungsprozess im Osten gäbe der Region Auftrieb. Tesla hat sich auch wegen des großen Anteils erneuerbarer Energien in Brandenburg für diesen Standort entschieden. Das Land wäre gut beraten, den Strukturwandel in der Kohleregion unter Einbeziehung der energetischen Kompetenz der Beschäftigten offensiv und immer mit sozialen Lösungen voranzutreiben.

Von Tesla-Boss Elon Musk stammt der Satz: „Niemand hat jemals die Welt mit 40 Stunden pro Woche verändert“ Muss man rücksichtslos sein, um in dieser Welt erfolgreich zu sein?

Eine Welt, in der die Menschen nur noch leben, um zu arbeiten, ist weder erstrebens- noch lebenswert. Gewiss kann man für ein großes Ziel auch mal mehr unternehmen. Doch wer das zum generellen Maßstab erhebt, verkennt nicht nur die soziale und humane Dimension von Arbeit, sondern auch die Produktivitätsfortschritte durch die Digitalisierung, die eher nach Arbeitszeitverkürzung rufen. Übrigens, weshalb kann sich die Industrie nicht auf drei Batterietypen verständigen, die an jeder Tankstelle gewechselt werden könnten, statt Millionen Ladesäulen zu errichten?

Wird Elon Musk die Arbeitskultur in Deutschland verändern oder wird er sich anpassen müssen?

Es gibt in Deutschland aus gutem Grund Regeln und Gesetze für die Gestaltung der Arbeit, die die Gewerkschaften in langen Kämpfen durchgesetzt haben. Das wird auch Herr Musk zur Kenntnis nehmen müssen. Er hat ja die deutsche Ingenieurskunst hervorgehoben und wird die Sozialpartnerschaft noch kennenlernen. Ich denke, das wird ihm die IG Metall schon beibringen.

Ist der Tesla-Coup eine Niederlage der deutschen Autoindustrie?

Eher ein Ansporn. Wir stehen in der Mobilitätsfrage vor grundlegenden Veränderungen. Die Hoffnung, den Einfluss des motorisierten Individualverkehrs auf den Klimawandel dadurch verringern zu können, dass man Verbrenner- durch Elektromotoren austauscht, ist trügerisch. Auch die Batterien bestehen momentan  nicht aus erneuerbaren Rohstoffen. Wir brauchen Mobilitätskonzepte, die öffentlichen und individuellen Verkehr eng und anders verbinden. Da könnte Deutschland eine Vorreiterrolle zurückgewinnen, die wir bei E-Fahrzeugen eher verloren hat.

Sind Sie schon mal Tesla (Elektroautor) gefahren? Oder würden Sie gerne mal?

Nein, bin ich noch nicht. Und ja, würde ich gern. Es ist offensichtlich wirklich ein anderes Fahrgefühl. Mir gefällt vor allem die Idee für autonomes Fahren. Da gibt es zwar noch Kinderkrankheiten, und selbstverständlich müssen die Sicherheitsfragen geklärt werden. Aber die Vorstellung, in zehn Jahren ins Auto zu steigen, ein Ziel anzusagen und mich dorthin fahren zu lassen, ist nicht nur bequem, sondern auch deshalb faszinierend, weil es dann eigentlich keine Unfälle mehr geben dürfte.