Jochen Arntz (rechts) und Elmar Jehn (links) führen ein Gespräch mit dem ehemaligen Politiker Gregor Gysi während einer Currywurst in Berlin
Foto: Paulus Ponizak

Berlin  Herr Gysi, ein offenbar psychisch gestörter Täter hat den Mediziner Fritz von Weizsäcker erstochen. Das Motiv soll Hass auf den berühmten Vater gewesen sein. Was ging in Ihnen vor, als Sie von dieser schrecklichen Tat hörten? 

Es ist furchtbar, auf eine solche Art aus dem Leben gerissen zu werden. Ich habe vor allem an die Familie gedacht, die mit dieser unfassbaren Tat und dem Verlust lernen muss, umzugehen. Das Schlimmste ist, dass es auf die Frage nach dem Warum hier keine Antwort gibt.

Wie gehen Sie angesichts solcher Nachrichten um mit der Sorge um Ihre eigene Familie?

Um mich selbst mache ich mir weniger Sorgen, aber wenn einem anderen etwas passierte und ich eigentlich gemeint wäre – da wüsste ich nicht, wie ich es verkraften sollte. Ich weigere mich allerdings, diesbezüglich an meine Familie zu denken.  

Ist das Risiko solcher Wahntaten ein Begleiter der Prominenz?

Man stellt sich zunächst die Frage, ob eine solche Tat zu verhindern ist. Bei einer Wahntat ist dies zu verneinen. Es sei denn, dass vorher seine Wahnvorstellungen mit dem Hang zur Aggressivität Ärzten bereits bekannt gewesen wären. Dann muss der Schutz Dritter vor der Freiheit des Kranken bis zu seiner Heilung vorgehen. Prominenz erhöht selbstverständlich die Gefahr, in den Fokus auch kranker Täterinnen und Täter zu gelangen. Aber letztlich kann es jede und jeden treffen. Absolute Sicherheit gibt es nie.

Sie sind in der Öffentlichkeit immer besonders nahbar. Empfinden Sie manchmal ein Unbehagen, wenn Sie sich in die Menge begeben?

Ich lasse solche Empfindungen nicht an mich heran, auch weil ich kein ängstlicher Typ bin und einen Grundoptimismus in mir trage. Wenn ich mir jedes Mal bei einer Demonstration oder einer Veranstaltung in der Öffentlichkeit eventuelle Risiken vor Augen führte, fesselte ich mich selbst. Letztlich müsste man dann jeden Menschen, der in eine Veranstaltung kommt, als potenziellen Gefahrenherd betrachten. Das will ich nicht.

Entwickelt man als Mensch der Öffentlichkeit besondere Strategien im Umgang mit potenziellen Risiken?

Gegen Wahntäter helfen keine Strategien. Sicher entwickelt man mit der Zeit ein Gespür dafür, wie eine Menschenansammlung tickt und kann erkennen, inwieweit sich eine aggressive Stimmung aufbaut. Mir erwächst daraus aber eher die Kraft, der Stimmung zu widerstehen, mich nicht zu ducken oder gar davonzulaufen.

Neben den Taten psychisch gestörter Menschen gibt es auch den politischen, gewaltbereiten Hass. Ist die Gefahr, Opfer von Angriffen zu werden, größer geworden?

Es gab dies zu allen Zeiten, mal mehr, mal weniger. Im Augenblick nimmt die Gefahr für Menschen, die sich vor Ort engagieren, aber nicht in der breiten Öffentlichkeit stehen, deutlich zu. Große Öffentlichkeit schafft auch eine Hemmschwelle. Die Ermordung des Kommunalpolitikers Walter Lübcke, der Rücktritt der Kommunalpolitikern Martina Angermann, die menschlichen Anstand bewiesen und dafür getötet beziehungsweise angefeindet wurden, zeigt, wie weit es gekommen ist.

Wie sehr beeinflussen solche Gefahrenlagen die Art des öffentlichen Austausches?

Wir dürfen nicht zulassen, dass der demokratische Diskurs von denen verhindert wird, die am lautesten schreien und am gewaltbereitesten auftreten. Dazu gehört als Erstes, dass man denen nicht nach dem Munde redet, ihnen keine Zugeständnisse macht und für sich und andere eine Grenze zieht.