Elmar Jehn (links), Gregor Gysi und Jochen Arntz
Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

BerlinHerr Gysi, kann man als Politiker besinnlich sein, passt das überhaupt zusammen – Besinnlichkeit und Politik?

Unbedingt. Besinnlichkeit kommt ja von Besinnung und die ist durchaus von Vorteil, wenn es darum geht, Entscheidungen zu treffen oder politisch Position zu beziehen. Man sollte aber auch nicht vergessen, dass Politikerinnen und Politiker Familie, Freunde, Bekannte haben, und nach einem arbeitsreichen Jahr wie alle anderen das Bedürfnis verspüren, Weihnachten zusammen mit ihnen zu verbringen, mal Luft zu holen und das Jahr Revue passieren zu lassen.

Gibt es für die Bürger politische Geschenke, oder findet die Bescherung eher ganzjährig statt?

Der Bezugspunkt für politische Geschenke – wenn es sie denn überhaupt gibt – sind eher Wahlen als Weihnachten. Es ist kein Zufall, dass der Solidaritätszuschlag für die Mehrzahl der Steuerzahlerinnen und Steuerzahler ab dem Jahr 2021 gestrichen wird, wenn turnusgemäß die nächste Bundestagswahl stattfindet. Man hofft, dass man sich bei seiner Wahlentscheidung noch daran erinnert, und vergisst, dass Wählerinnen und Wähler eher danach ihre Stimme vergeben, was sie sich für die Zukunft von den Parteien erhoffen. Aber eigentlich gibt es keine Geschenke, sondern nur Politik, die mit Bürgerinnen und Bürgern diskutiert werden müsste, und zwar wohin sich unser Land entwickeln soll. Was diese Diskussion betrifft, meistens Fehlanzeige!

Hat Weihnachten im Bundestag je eine Rolle gespielt? Und wenn ja, ist das heute noch wichtig?

Weihnachten ist auch im Bundestag spürbar, obwohl die schön geschmückten Bäume in den Bürogebäuden nicht wirklich eine entsprechende Stimmung erzeugen. Aber Weihnachtsfeiern finden wie in vielen Unternehmen auch in den Fraktionen, Abgeordnetenbüros und in der Verwaltung statt. Ich habe gestern Abend mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bei Mutter Hoppe gefeiert und mich bei ihnen für ihre Arbeit im zu Ende gehenden Jahr bedankt. Mit der Frage, wie man erreichen kann, dass möglichst alle Beschäftigten ein Weihnachtsgeld bekommen, musste sich der Bundestag auch beschäftigen. Ich finde es beschämend, dass nur etwas mehr als die Hälfte der Unternehmen an ihre Beschäftigten Weihnachtsgeld zahlt.

Gibt es in der politischen Auseinandersetzung einen Weihnachtsfrieden?

Die Weihnachtszeit ist schon ruhiger, auch in der Politik. Und selbst wenn es jemanden drängte, etwa über die sozialen Medien etwas Aggressives loszuwerden, bekäme sie oder er bestimmt sehr schnell eine in jeder Hinsicht abweisende Antwort. Aber wir sollten nicht vergessen, dass auch während der Feiertage Menschen kein Obdach haben, auf der Welt Kriege geführt werden und Millionen Menschen verhungern oder wie einst Jesus auf der Flucht sind.

Wie muss man sich die Weihnachtswohnung von Gregor Gysi vorstellen? Kerzen, Adventskranz, Baum in der Ecke?

So ungefähr. Weihnachten werde ich zum Konservativen. Ohne geschmückte Tanne mit echten Kerzen, Gänsebraten, Weihnachtslieder und Geschenke wäre es für mich kein richtiges Fest. Früher bin ich meist erst in dieser Woche kurz vor Heiligabend dazu gekommen, Geschenke zu besorgen. Furchtbar für mich. In diesem Jahr habe ich es schon etwas länger vorbereitet und bin schon deshalb zufriedener, obwohl ich am 22. und 23. Dezember noch Veranstaltungen in der Distel habe. Aber viele müssen am 23. und 24. Dezember noch arbeiten. Meine Hochachtung haben vor allem die Menschen, die es mit ihrer Arbeit an den Weihnachtstagen ermöglichen, dass wir anderen das Fest genießen können.