Die neue Interview-Kolumne: Eine Curry mit Gysi. Zu sehen: Elmar Jehn (l.), Gregor Gysi (m.) und Jochen Arntz (r.)
Foto:  Paulus Ponizak/Berliner Zeitung

BerlinHerr Gysi, Sie haben in einem Gespräch bei uns im Haus mal mit dem Außenminister-Posten kokettiert. Sind Sie ein bisschen froh, es derzeit nicht mit einem wie Trump zu tun haben zu müssen?

Er reizte mich eher. Dem amerikanischen Präsidenten muss man auf Augenhöhe begegnen. Da kommt man mit Katzbuckelei nicht weit, sonst fühlt er sich sofort überlegen. Der finnische Ministerpräsident hat gezeigt, wie es geht. Hinsichtlich seiner Aufrüstungsforderungen an Deutschland machte mir ein klares „No, Mr. President!“ geradezu Freude.

Verstehen Sie Trump?

Es gab bisher kaum einen US-Präsidenten, der so kenntnisfrei und ausschließlich auf sein Image bedacht war wie er. Er betrachtet alles unter diesem Aspekt und ist dafür zu fast jedem Deal bereit. Wenn man das einkalkuliert, kann man sein Agieren schon erklären, obwohl eine Roulettekugel berechenbarer erscheint. Wenn man ihn und seine Tweets eine Woche ignorierte, wäre der damit verbundene Aufmerksamkeitsverlust wohl die größte Strafe für ihn.

Wie gefährlich ist ein offensichtlich immer nervöser agierender Trump für die Welt?

Wenn zu seinem nationalen Egoismus noch eine sich verstärkende Irrationalität dazukommt, muss man zumindest damit rechnen, dass seine verbalen Rundumschläge via Twitter auch in reale Handlungen umschlagen. Da hat er als Oberbefehlshaber der am höchsten gerüsteten Armee der Welt ein Arsenal zur Verfügung, dass mehr als eine Gefahr darstellt. Er wäre nicht der erste US-Präsident, der eine innenpolitische Bedrohung durch eine außenpolitische Kriegserklärung bekämpft. Besonders gefährlich war und ist seine Kündigung des Iran-Abkommens. Ein Verzicht auf Zukunft ist die Kündigung des Klima-Abkommens von Paris.

Verhält sich die Bundesregierung richtig?

Sie lässt den Eindruck zu, dass sie der Wucht von Donald Trumps Attacken nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen hat. Warum will sie diesen Irrsinn mitmachen, zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Rüstung auszugeben, das heißt jährlich 75 Milliarden (!) Euro –, 2018 waren es 38,5 Milliarden – während bei uns Schulen und vieles andere heruntergewirtschaftet werden. Es war schon falsch, diesem Ziel zuzustimmen, aber es nun auch noch auf Forderung von Trump umzusetzen, zeigt wenig Courage.

Der amerikanischen Präsident ist das Idol vieler sogenannter Abgehängter Amerikas. Warum gelingt es linken Parteien nicht, diese Menschen anzusprechen?

Der linke Bernie Sanders hat diese Menschen auch angesprochen, aber die Demokraten trauten sich nicht, ihn zu ihrem Präsidentschaftskandidaten zu machen. Auch Parteien, die eher links verortet werden, haben sich seit vielen Jahren aktiv daran beteiligt, Menschen zu sogenannten Abgehängten und es sich selbst im Establishment zu bequem zu machen. Dieser Glaubwürdigkeitsverlust lässt sich nicht so schnell kompensieren. Überzogene Selbstbeschäftigung, die ich ganz gut kenne, muss auch vermieden werden.

Sehen Sie Parallelen zum Erfolg der AfD, besonders im Osten?

Ja, weltweit geht es um nationalen Egoismus, aber wir sollten die AfD auch nicht größer machen, als sie ist. Sie wird zwar zu viel gewählt, aber von Mehrheiten ist sie weit entfernt. Wir sind verpflichtet, die Menschen vom Gegenteil zu überzeugen.

Müssen wir uns auf eine zweite Amtszeit Donald Trumps einstellen?

Leider! Letztlich wird es aber an den Demokraten liegen, ob sie eine Kandidatin oder einen Kandidaten aufstellen, die oder der Donald Trumps inhaltliche Hohlheit durch eigene Überzeugungskraft demaskieren könnte. Übrigens: Michelle Obama könnte es!

Interview-Kolumne

Jede Woche reden die Chefredakteure Jochen Arntz und Elmar Jehn mit Gregor Gysi – über das, was die Stadt, das Land und die Welt bewegt. Kurz und klar, ein paar Minuten nur, solange man eben zusammensteht für eine Curry am Mittag in Berlin.