Berlin - Es ist Freitagnachmittag, späte Sonnenstrahlen scheinen über Berlins Mitte und lassen die Rückseite der mächtigen Zentrale des Bundesnachrichtendienstes funkeln. Aus den Toren an der Chausseestraße und an der Ida-von-Arnim-Straße tröpfeln Mitarbeiter des deutschen Auslandsgeheimdienstes hinaus ins Freie. Einer zieht einen Rollkoffer hinter sich her, eine Frau trägt einen schmalen Rucksack, andere haben eine Aktenmappe unter dem Arm. Sie sehen aus wie normale Büroangestellte auf dem Weg ins Wochenende.

Würde man sie ansprechen und nach ihrem Arbeitsplatz fragen, würden sie die Auskunft verweigern und nicht einmal ihren Namen verraten. Das sind die Regeln für die Beschäftigten des Geheimdienstes, auch wenn sie hier in der Zentrale vielleicht nur als Sekretärin oder Verwaltungsbeamter arbeiten.

Bei Martin Heinemann ist das anders. Er ist der Pressesprecher und Kommunikationschef des BND. Seine Aufgabe ist es, so offen wie möglich aufzutreten und dennoch nicht zu viel zu verraten. Er personifiziert sozusagen das Spannungsverhältnis, das über diesem ganzen gigantischen Gebäudekomplex auf der Fläche von 36 Fußballfeldern liegt: mitten in der Stadt, und doch fast vollkommen von ihr abgeschieden.

Es ist ein gewolltes Spannungsverhältnis, bewusst gewählt mit der Entscheidung, den BND aus dem Wald von Pullach bei München ins Zentrum der Hauptstadt zu holen. Seit zwei Jahren gehen hier 4000 Beschäftigte ihren diskreten Aufgaben nach. Wie funktioniert das nun? Wie fremd ist der Fremdkörper an der Chausseestraße geblieben?

Wir treffen uns mit Martin Heinemann am Eingang des Informationszentrums des BND an der Habersaathstraße. Dass hier alles so verrammelt und verlassen erscheint, liegt an der Pandemie und dem Versuch, sie zu bekämpfen. Das Zentrum ist seit Monaten geschlossen. Unser Treffen ist eine Ausnahme, und der Zeitpunkt kein Zufall. Am Freitagabend ist die Zahl der Mitarbeiter des Geheimdienstes, denen der Besucher beim bewachten Gang durch das Gebäude begegnen kann, denkbar gering. Und so soll es auch sein.

Doch erst einmal durchstreifen wir das Informationszentrum, wohl das einzige seiner Art auf der Welt. Mit modernsten museumsdidaktischen Mitteln präsentiert der BND hier seine Arbeit, was Martin Heinemann mit einigem Stolz vorführt. Er ist ein leger gekleideter, hochgewachsener Mann. Seit etwa zehn Jahren arbeitet der frühere Bundeswehroffizier mit zahlreichen Auslandseinsätzen als Sprecher des BND. Er tut dies freundlich, professionell, mit deutlicher Stimme und Überzeugung.

Die Sprengstoffweste eines Attentäters ist in der Ausstellung zu sehen

Auf zwei Etagen werden die Aufgaben und die Arbeitsweisen des Dienstes anschaulich mithilfe multimedialer und interaktiver Stationen erläutert. Es gibt einige spektakuläre Ausstellungsstücke zu sehen wie die echte Sprengstoffweste eines Attentäters aus Afghanistan oder eine Gaszentrifuge zur Anreicherung von Uran. Das verweist auf wichtige Aufgabenfelder der Gegenwart – die Bekämpfung des internationalen Terrorismus und der Weiterverbreitung von Atomwaffen. An die Zeiten des Kalten Krieges erinnern Objekte, mit denen man Dokumente über die innerdeutsche Grenze schmuggeln konnte – zum Beispiel eine Kleiderbürste, die nur durch den Zug an einer bestimmten Borste zu öffnen war.

Entscheidend ist heute die weltweite Informationsgewinnung und -auswertung, sie macht die Hauptbeschäftigung des BND aus. Einer größeren Öffentlichkeit wurde das vor einigen Jahren im Zusammenhang mit den Enthüllungen des ehemaligen CIA-Mitarbeiters Edward Snowden klar. Er deckte die massenhafte, weltweite Ausspähung von Internet- und Fernmeldedaten von Millionen Bürgern durch den US-Geheimdienst NSA auf. An dieser Praxis war über deutsche Netzknotenpunkte und Antennenanlagen auch der BND beteiligt. Das Bundesverfassungsgericht erklärte entsprechende Regeln im BND-Gesetz für grundgesetzwidrig. Über eine Neufassung wird im Bundestag immer noch gerungen.

Gesucht werden Experten, gerne auch IT-Spezialisten mit Hackerfähigkeiten

Aus dem Skandal zog die Bundesregierung auch die Konsequenz, die Arbeit des BND transparenter zu präsentieren. Dazu dient das Besucherzentrum, das vor der Pandemie von etwa 400 Gruppen im Jahr besucht wurde. Das Ganze helfe auch bei der Personalwerbung, gibt Heinemann zu. „Wenn eine ältere Dame aus Wanne-Eickel ihrem Enkel erzählt, wie spannend es beim BND zugeht, wird der sich vielleicht über Berufsmöglichkeiten bei uns informieren.“ Der Dienst ist ständig auf der Suche nach Experten, in diesen Zeiten dürfen es gern auch IT-Spezialisten mit Hackerfähigkeiten sein.

Der neue Anspruch, die Arbeit des BND sichtbarer zu gestalten, passte perfekt zu dem schon 2003 von der rot-grünen Bundesregierung getroffenen Beschluss zum Umzug der Zentrale nach Berlin. Als Standort wurde die riesige Brache an der Chausseestraße gefunden, nur wenige Kilometer vom Kanzleramt entfernt. Hier hatte das DDR-Stadion der Weltjugend gestanden, das der Senat in Erwartung der Olympischen Spiele 2000 voreilig abreißen ließ. Nach dem Scheitern der Bewerbung verödete das sandige Gelände und mit ihm die obere Chausseestraße.

Die Idee, den BND nicht mehr zu verstecken, sondern herzuzeigen, ein „selbstbewusstes Gebäude in der Stadt“ zu schaffen, wie es der damalige BND-Präsident August Hanning formulierte, führte zu dem Wunsch, ein architektonisch herausragendes Ensemble zu schaffen. Eine dreiköpfige Jury, der auch Hanning angehörte, entschied sich für den Entwurf eines der international renommierten deutschen Architekturbüros, Kleihues & Kleihues in Berlin.

Es folgte eine viele Jahre währende typische Berliner Baugeschichte mit Pannen, Verzögerungen und stetig steigenden Kosten von schließlich 1,1 Milliarden Euro für den immerhin größten Neubau einer deutschen Behörde seit dem Zweiten Weltkrieg. 13 Jahre nach dem ersten Spatenstich eröffnete die Bundeskanzlerin im Februar 2019 schließlich die neue Zentrale des Geheimdienstes, der ihr täglich in der Frühe eine exklusive Unterrichtung über die Lage in den Krisengebieten der Welt vorlegt.

Ein hoher Metallzaun grenzt das Gelände ab

Wir laufen jetzt an der langen Front der Chausseestraße mit den beiden Torhäusern entlang. Ein hoher Metallzaun grenzt das Gelände ab, in kurzen Abständen stehen Masten mit Videokameras und Infrarotsensoren. Die Lamellen sind so ausgerichtet, dass man auf das dreißig Meter entfernte Gebäude schauen kann, das seinen massiven Unterbau in einer Senke versteckt. Ein optischer Kniff der Architekten, um den Komplex etwas weniger mächtig erscheinen zu lassen.

Wir biegen in die Ida-von-Arnim-Straße ein, wo der Eingang für die Mitarbeiter des BND liegt. Quer durch die Eingangshalle zieht sich die Sperr- und Kontrollanlage, dahinter beginnt die geheime Welt der Nachrichtendienstler. An der Sicherheitsschleuse signalisiert ein grün leuchtender Bildschirm: „Gefahrenstufe grün“, also gering.

Die Mitarbeiter müssen sich hier nicht nur ausweisen, sondern mit einem biometrischen Verfahren fälschungssicher identifizieren. Der Besucher ist angemeldet, überprüft und in hochrangiger Begleitung, die Schleusung auf die andere Seite problemlos. Von hier an begleiten uns zwei bewaffnete Männer vom Sicherheitsdienst beim Gang durch das Gebäude. Der spart die besonders sensiblen und interessanten Bereiche aus – die noch einmal extra durch Schleusen gesicherten Lagezentren, wo die Experten rund um die Uhr an Bildschirmen und Videowänden kritische Orte und Situationen in aller Welt beobachten und analysieren. Das ist nun wirklich topsecret.

Ehrfurchtheischende Dimensionen klassischer Herrschaftsarchitektur

Das Staunen des Besuchers über die weitläufigen Atrien hingegen, die die Gebäudeteile verbinden, wird gern gesehen. Sieben Etagen hoch und rechteckig langgestreckt, dabei licht und fein gegliedert, aus edlen Materialien gestaltet, haben sie ehrfurchtheischende Dimensionen klassischer Herrschaftsarchitektur. Manchmal gibt es hier aber auch ganz warme, harmonische Momente: Der BND-Chor nutzt das erste Atrium wegen der fabelhaften Akustik für seine Proben.

Ein Blick in die abzweigenden langen Flure zeigt dann, dass es hier nicht nur prächtig, sondern auch ganz profan zugeht. Mit Linoleum auf dem Boden und schlichten Türen wie in jeder anderen Behörde des Bundes, hinter denen in bescheiden bemessenen Büros die BND-Mitarbeiter ihr Tagwerk verrichten. Immerhin schauen viele aus den schmalen Fenstern auf die Chausseestraße und die gegenüberliegenden Häuser. Der Alltag der Stadt ist so immer präsent, ein ständiger Realitätsbezug. Gleichzeitig haben auch die Bewohner der höher gelegenen Wohnungen an der Chausseestraße und der anderen angrenzenden Straßen einen Blick auf die freilich abgedunkelten Fensterreihen. Der Fantasie, was dort geschehen könnte, ist freier Lauf gestattet.

Es gibt kaum noch Nachbarn, die die obere Chausseestraße mit ihrem struppigen Charme von früher kennen. Während die Gegend weiter südlich um Friedrichstraße und Oranienburger Straße schon bald nach dem Mauerfall das Grau des Ostens abstreifte, die Segnungen und die Grausamkeiten der Gentrifizierung erlebte, löste in der Chausseestraße erst der Neubau des BND diesen Schub aus.

Der kam allerdings mit Wucht und hat in wenigen Jahren die Sozialstruktur umgekrempelt. Aus einem abgehängten Quartier der Nachwendezeit entwickelte sich ein Boomviertel des Luxuswohnungsbaus. Bestes Beispiel ist dafür das „Saphire“-Gebäude von Daniel Libeskind schräg gegenüber, für dessen Appartements zeitweise die höchsten Quadratmeterpreise Berlins aufgerufen wurden.

Die Architekturkritik an der Geheimdienstzentrale fiel zur Eröffnung ätzend aus. Nach Ansicht der Süddeutschen Zeitung wirkt das Gebäude wie eine Kreissäge auf die Umgebung, „es ruiniert Nachbarschaften und Sichtbeziehungen“. Es sei ein stadtunverträgliches Monstrum, eine hinter 14.000 schießartigen Fenstern verborgene Festung. Der Kritiker der Berliner Zeitung erkannte eine radikale Distanzierung der BND-Zentrale von der sie umgebenden Stadt, eine „Misstrauenserklärung an das Individuum“. Andere verwiesen darauf, dass Architektur Zeit brauche, sich zu entfalten, richtig wahrgenommen zu werden. Nach zwei Jahren mag dieser Prozess nun ein wenig vorangekommen sein; vielleicht ist es aber auch die schlichte Gewöhnung, die den massiven Komplex heute nicht mehr ganz so fremd und abweisend erscheinen lässt.

Dazu beigetragen hat gewiss die Gestaltung der Rückseite, wo die einst verrohrte Panke nun offen durch einen kleinen, langgestreckten Park fließt, den der Senat mit Geldern des Bundes hat anlegen lassen. Dort flanieren Spaziergänger sonntags „zum BND-Gucken“. Während der Schneetage herrschte fröhliches Schlittenfahren an dem kleinen vom Zaun zum Fluss reichenden Abhang. Im Sommer ist er ein beliebter Platz zum Sonnenbaden.

Schaut man vom Park hinauf zum BND, schillert die metallene Fassade je nach Tageslicht in verschiedenen Farbtönen, davor recken sich zwei 22 Meter hohe künstliche Palmen in den weiten Berliner Himmel. „0 Grad Breite“ hat der Künstler Ulrich Brüschke sein Werk genannt. Es ist eine Anspielung auf exotische ferne Länder und fremde Kulturen, mit denen der BND sich auseinanderzusetzen hat, aber die Palmen brechen auch die Strenge der Fassade und bringen etwas Leichtes, Ironisches in die Szene.

Der Architekt Jan Kleihues ist sich der widersprüchlichen Wahrnehmung seines Bauwerks durchaus bewusst. „Die Absicht, den architektonischen Ausdruck eines selbstbewussten Nachrichtendienstes unter Wahrung des durchaus eleganten Charakters des Geheimnisvollen zu schaffen, sehen wir als gelungen“, schrieb er nach Abschluss des Projekts. „Das Gebäude gleicht womöglich dennoch in mancher Hinsicht einer Festung. Birgt nicht aber jede Festung immer auch Faszinationspotenzial?“