Familienautos im Systemvergleich
Foto: images/Gerhard Leber

Berlin"Zeichenwende“ war der Titel einer kleinen Ausstellung, die im Herbst 1990 gemeinsam von ost- und westdeutschen Künstlern und Kulturwissenschaftlern in der Galerie Treppenhaus in Berlin-Steglitz präsentiert wurde. Der Name der Galerie war Programm, sie befand sich in einem ehemaligen Treppenaufgang, der zu einer stillgelegten Bushaltestelle an der Stadtautobahn führte. Gezeigt wurden „Ansichten anonymer Gestaltung im Straßenbild von Steglitz und Teltow“. Eine Art Systemvergleich, die beiden Orte waren nur wenige Kilometer voneinander entfernt, aber lange durch die Grenze getrennt. Die Fotos im Katalog stammen von Michael Mosolff, sie zeigen Mülltonnen, Poller, Hinweisschilder und Bushalte-Häuschen in Ost und West. Es ist ein eher zurückhaltender Blick auf die soziale Wirklichkeit jener Zeit. Aus heutiger Sicht überrascht die vorsichtige Annäherung, die Ähnlichkeiten wurden stärker betont als die Unterschiede. Zwei Gesellschaften, die lange Phasen des sozialen Aufstiegs hinter sich hatten, sahen sich plötzlich miteinander konfrontiert und legten in gegenseitiger Neugier offen, wer sie waren und was sie hatten.

Die Künstler richteten ihren Blick auf Dinge, die den Alltag strukturieren. Die dahinterstehenden Mächte verkörperten Ordnung und Regulierung, Ost und West waren Funktionssysteme, die mehr oder weniger denselben Prinzipien folgten.

Dem Umbruch, der sich gerade anbahnte, wohnte man staunend und abwartend bei, wie ein kurzes Prosastück signalisiert, das der damals 35 Jahre alte Schriftsteller Jens Sparschuh zum Katalog beigesteuert hat: „Was bei Erdarbeiten vor allem – und mehr noch als Gehweg und Straßenstück – untergraben wird: die Illusion von Dauer und Sicherheit. Wir leben auf einer dunklen Kruste. Noch hält uns das Straßennetz. Aber die Straße, auf der wir gehen, hat doppelten Boden.“

Der Eiserne Vorhang war nie dicht

Die beteiligten Künstler haben sich später aus den Augen verloren, je weiter sich die nun zusammengehörende Gesellschaft vom Datum der Grenzöffnung entfernte, desto stärker wurden Ost-West-Unterscheidungen markiert. Daran ist nichts zu bedauern, die Prozesse der Identitätsbildung verlaufen über Hervorhebung und Vernachlässigung. Und nicht selten auch über Missverständnisse. Eines besteht in der Annahme, dass es reine, abgeschlossene Ost- und West-Identitäten gebe. Die gibt es natürlich nicht. Eine wechselseitige Beeinflussung war stets gegenwärtig, zu keinem Zeitpunkt war der Eiserne Vorhang dicht. Besonders deutlich wird die kulturelle Durchlässigkeit in Jens Biskys monumentaler Berlin-Chronik.

Er betrachtet die nach dem Mauerbau entstandenen Halbstädte nicht als getrennte politische Systeme, sondern in ihren Wechselwirkungen. „Die zwei Türme“ heißt ein Kapitel, wie in der apokalyptischen Tolkien-Mythologie „Der Herr der Ringe“, und Bisky schildert darin die symbolisch aufgeladene Bedeutung des Berliner Fernsehturms im Osten und den bald zum finanzpolitischen Debakel geratenen Bau des Steglitzer Kreisels. Die städtebaulichen Fehlentwicklungen schienen miteinander konkurrieren zu wollen, und in den 70er-Jahren bildeten sich in beiden Stadthälften kulturelle Rückzugmilieus.  

„In beiden Teilen der Stadt“, schreibt Bisky, „unternahmen die Menschen einiges, die politischen Zumutungen, denen sie als Berliner ausgesetzt waren, zu vergessen. Alkohol, Musik, Sport, Drogen, Hobbys, Liebe, Gärtnern, Lesen, Malen Spazierengehen, Tanzen – das Verlangen, in Ruhe gelassen zu werden, gehörte immer dazu, ein Wunsch nach Normalität, Idylle, Wandel.“ In den großen zivilgesellschaftlichen Prozessen waren Ost und West einander ähnlicher als sie ahnten. Im Gespräch mit der Berliner Zeitung hat der Kölner Schriftsteller Max Annas, der die Handlung seiner Kriminalromane in die DDR zurückverlegt, kürzlich sein bereits vor 1989 entflammtes Interesse an der DDR dargelegt.

In der Gemeinschaft mit Freunden im Osten konnte man die Entdeckung machen, dass junge Menschen ihrem Staat gegenüber oft gleichermaßen kritisch eingestellt waren. Während man im Osten den kontrollfixierten Apparat ablehnte, befürchtete man im Westen die Errichtung eines „Atomstaats“ (Robert Jungk) als totalitäres Gebilde. Das Gefühl einer impliziten Staatsfeindschaft jedenfalls gehörte zur emotionalen Grundausstattung vieler junger Erwachsener auf beiden Seiten der Mauer.

Natürlich war nicht alles gleich, und das Verständnis füreinander sowie das Wissen voneinander war beschränkt. Noch heute kann man erstaunt feststellen, dass man manche popkulturelle Prägungen teilt, während man andere ganz für sich hat. Was 30 Jahre nach dem 9. November 1989 mehr denn je aussteht, ist eine Sozialgeschichte der wechselseitigen Durchdringung. In der Bundesrepublik hat es bis in die 90er-Jahre gedauert, ehe tief verankerte Gefühle der Feindseligkeit linker Gruppierungen gegenüber dem eigenen Staat versöhnt werden konnten.

Der lange Weg zur Anerkennung des Rechtsstaats und seiner Institutionen mündete 1998 in eine rot-grüne Regierung, in der nicht wenige ministrabel wurden, die die Bundesrepublik zuvor bitter bekämpft hatten. Für die in Ostdeutschland aufgewachsenen Generationen blieb eine vergleichbare Versöhnung aus, weil es das mächtige Gegenüber nicht mehr gab. So gesehen bezeichnet es eine Leerstelle im sozialen Wandel, dass die Institutionen nicht erkämpft und angeeignet, sondern übernommen oder gar aufgezwungen wurden.

Wir Ostdeutschen werden einfach wegignoriert.

Katarina Witt

Zum Teil gründet genau hierin die vielfach artikulierte Wahrnehmung, zurückgesetzt und benachteiligt zu sein. Und es hat etwas zu bedeuten, wenn selbst eine in Ost und West gleichermaßen populäre Sportlerin wie Katarina Witt in einem aktuellen Interview sagt: „Wir Ostdeutschen werden einfach wegignoriert.“
Es ist nicht ohne Ironie, wenn eine der wenigen gesamtdeutschen Prominenten das Gefühl der empfundenen Ignoranz meint, sprachlich noch verstärken zu müssen. Wenn man sich aber anschaut, auf was sie sich bezieht, kann man ihr nur mit offenem Mund beipflichten.

In einer großen von Thomas Gottschalk moderierten ZDF-Gala über die 80er-Jahre war Witt vermutlich eingeladen, die Ost-Vergangenheit des Jahrzehnts vor dem Mauerfall zu repräsentieren. Ostdeutsches Lebensgefühl und die dazugehörige Musik aber kamen nicht vor. Dabei hätte man mühelos anschauliche Hinweise darauf finden können, dass etwa die aus Großbritannien übernommene Punk-Kultur ganz ähnliche Bedürfnisse einer Abkehr vom herrschenden Biedersinn beider Gesellschaften zum Ausdruck brachte.

Die Band Rammstein, die heute als Inbegriff eines deutschen Kulturexports gilt, hatte ihren Ursprung im Ost-Punk. Und doch wäre es angebracht, das Narrativ vom Bürger zweiter Klasse nicht länger zu bedienen. In der Formel von den gesellschaftlich Abgehängten hat sich ein Ton der Verachtung eingenistet, der auch als Selbststigmatisierung mit aufklärerischer Absicht das darin enthaltene soziale Gift nicht zu neutralisieren vermag.

Die Politologen Marina und Herfried Münkler haben vorgeschlagen, insgesamt auf das zerstörerische Narrativ vom sozialen Abstieg zu verzichten. Es komme vielmehr darauf an, für die zivilgesellschaftlichen Ideale einzutreten, die eine Gesellschaft zusammenhalten. Zwanghaft fortgesetzte Unterscheidungen von Ost und West gehören langfristig nicht dazu.