Mira Sievers, Theologie-Professorin am neuen Islam-Institut der HU.
Berliner Zeitung/ Markus Wächter

BerlinTrotz jahrzehntelanger Einwanderung gelten muslimische Menschen in Deutschland noch immer als potenziell verdächtig. Bekenntnisse sind nötig, eines zu einem gleichberechtigten Männer-Frauenbild zum Beispiel.

Bei der ersten Begegnung spaziert Mira Sievers dann wie ein Gegenentwurf zu dieser Überlegung durch die Tür eines netten kleinen Cafés an der Chausseestraße in Berlin-Mitte: eine hochgewachsene, schlanke, junge Frau, die beim Sprechen oft lacht und viel gestikuliert.

Mira Sievers ist 28 Jahre alt und islamische Theologin. Anfang des Jahres wurde sie als Juniorprofessorin an die Berliner Humboldt-Universität berufen. Das Islam-Institut an der HU ist neu und noch im Aufbau.

Schon die Kombination aus Repräsentantin, Frau und Islam erscheint interessant. So eine Mischung ist auch in einem Land wie Deutschland, das sich für liberal und aufgeklärt hält, bei weitem nicht normal.

Das Konfliktpotenzial lässt sich an Kleinigkeiten ablesen. Mira Sievers bekommt zum Beispiel bei Veranstaltungen manchmal Fragen gestellt, die viele als beleidigend empfinden dürften. Dürfen Sie denn alleine reisen ohne männliche Begleitung? Und wo ist überhaupt Ihr Kopftuch?

Mira Sievers hat keins. So einfach ist das. Aber das deutsche Verhältnis zu Muslimen ist nicht einfach, sondern kompliziert.

Und dann kommt noch etwas dazu, das die Auswahl von Mira Sievers für diese Position interessant macht. Mira Sievers hat eine Transidentität. Es fällt ihr nicht schwer, das zu erklären. „Ich bin eine Frau und ich habe so etwas, das man einen Transhintergrund nennen könnte“, sagt sie. Das Wort transsexuell hält sie für unpassend, weil Identität eben nichts mit Sexualität zu tun habe.

Es hat eine Weile gedauert, bis sie bereit war, über dieses Thema öffentlich zu sprechen, denn sie fürchtet, sie könne damit ihrem Projekt und dem Aufbau des Instituts schaden. „Ich bin in erster Linie Theologin. Erst dann kommt alles andere. Dieses Projekt, der Aufbau der Islamischen Theologie in Berlin, ist zu wichtig, als dass man es gefährden sollte“, sagt sie. Aber sie findet auch, dass die Zeit reif ist, über Identitäten und Zuschreibungen zu sprechen und darüber, dass sich niemand dafür entscheidet, ein Mann oder eine Frau zu sein.

Authentisch sein

Mira Sievers hat vor drei Jahren in einem kurzen Prozess alle Dokumente und Formulare, die Namen und Geschlechtszugehörigkeit ausweisen, in einem Schwung ändern lassen: Ausweis, Geburtsurkunde, Führerschein, Türschild, E-Mail-Adresse, Homepage, Vorlesungsverzeichnis, Bankkonten, Krankenkassendaten. Sie hat gute Erfahrungen mit ihrem offenen Auftreten gemacht. „Es gehört zu den Grundrechten, dass man seine Persönlichkeit entfalten darf. Für mich war immer klar, wer ich bin, für das Umfeld aber nicht. Manche Menschen verstehen aber erst dann, wenn sie etwas auch sehen können“, sagt sie. Das Verhältnis zu den Studierenden sei durch ihren Schritt viel besser geworden als vorher, sagt sie. Und das, obwohl muslimische Studenten gemeinhin als konservativ gelten. „Es ist aber nicht immer eine Frage von konservativ und liberal. Ehrlich sein, das hat funktioniert“, sagt sie.

Authentisch sein als Theologin und auch als Person, das ist Mira Sievers wichtig. „Theologie betreibt man als Mensch, man sollte versuchen, authentisch zu sein. Das, was passieren kann, ist nicht so gravierend wie das, was es bewegt“, sagt sie.

Für dieses Porträt haben wir uns mehrfach getroffen. Im Verlauf der Zeit wurden die Bedenken ein wenig kleiner und der Wunsch, sich zu erklären, ein wenig größer.

Wie es sich zum Beispiel anfühlt, als kleines Kind zu hören: „Du spielst nicht mit den richtigen Spielsachen.“ Wie es ist, das einzige Mädchen zu sein, das immer mit einem Jungennamen angesprochen wird. Wer nicht betroffen ist, kann sich nur schwer vorstellen, wie es ist, einen falschen Namen zu haben. Mira Sievers sieht das Beharren mancher Menschen auf diesen abgelegten Namen als einen Versuch an, ihre Identität zu zerstören. Sie beschreibt ihren Kampf um Anerkennung ohne Scheu, sie weiß nur nicht, ob es gut ist, wenn davon allzu viel in der Zeitung steht. „Dass es jetzt Islamische Theologie in Berlin gibt, ist einer Konstellation geschuldet aus Landespolitik, Hochschulpolitik und der Verbandssituation. Ob es das weiter geben wird, hängt davon ab, wie wir uns positionieren, ob wir gute und seriöse Arbeit machen, um dauerhaft anerkannt zu bleiben“, sagt sie.

Der Aufbau des Instituts verzögert sich gerade wegen Corona ein bisschen. Mitarbeiter können zwar eingestellt und Tagungen konzipiert werden. Aber wann und wie werden Veranstaltungen stattfinden? Das Semester hat später begonnen und erst mal nur online. Mira Sievers hängt noch immer in Frankfurt am Main fest, wo sie bisher gelebt und unterrichtet hat. Und dabei brennt sie darauf, endlich richtig anzufangen. Sie unterrichtet erst mal online.

Der abgebremste Start des neuen Instituts steht in einem hübschen Gegensatz zu den hohen Erwartungen, die die Gründungsphase begleitet haben. Soll diese neue Fakultät doch die Islamische Theologie endlich auf Augenhöhe in den wissenschaftlichen Diskurs des Landes integrieren und am besten auch gleich noch die muslimische Minderheit in die Mehrheitsgesellschaft.

Es hat kontroverse Debatten während der Institutsgründung gegeben. Die über einen Beirat bei den grundlegenden Lehrinhalten und der Besetzung von Professuren beteiligten muslimischen Verbände stießen sich an den Rahmenbedingungen, die ihnen nur sehr wenige Eingriffsmöglichkeiten lassen. Der größte Vertreter muslimischer Gemeinden in Deutschland, die vom türkischen Staat geleitete Ditib, stieg schließlich aus. Andere arrangierten sich.

Nun möchten natürlich viele wissen, wie dieser neue Aufschlag im Wissenschaftsbetrieb aussieht. Er ist eng verbunden mit dem Gesicht von Mira Sievers.

Die Verbände, in denen die Berliner Moscheevereine organisiert sind, haben sich mit der Berufung von Sievers schwergetan. Ein Punkt ist vielleicht, dass es in diesen recht traditionellen und konservativen Verbänden keine Frauen in der ersten Reihe gibt, alle öffentlichen Positionen bekleiden Männer. Aber das ist es nicht nur.

Der Grünen-Politiker Volker Beck streute im vergangenen Herbst in der Öffentlichkeit, die Verbände wollten Mira Sievers aufgrund eines Persönlichkeitsmerkmals nicht. Gerüchteweise war zu hören, Zentralratspräsident Aiman Mazyek habe persönlich bei der HU-Präsidentin Sabine Kunst angerufen, um Mira Sievers Berufung zu verhindern. Selbstverständlich kommentieren das weder Frau Kunst noch Herr Mazyek. Frau Sievers sei berufen worden, nur das zähle, sagen sie.

Und so ist es ja auch. Aber die Vorgänge um die Berufung der Professoren an diesem Institut sind auch ein Gradmesser für das, was geht im Bereich Islamische Theologie in Deutschland und was nicht.

Mira Sievers möchte nicht auf ihr Geschlecht reduziert werden. Sie möchte als Theologin wahrgenommen werden. Immer noch spielt das Geschlecht in der Wahrnehmung von Personen eine große Rolle. Mit Vorurteilen hat Mira Sievers aber schon genug zu tun in ihrer Rolle als Theologin. „Ich habe akzeptiert, dass es zu meinem Beruf dazu gehört, mich damit zu beschäftigen“, sagt sie. Darüber hinaus will Mira Sievers nicht auch noch zu einer Waffe werden. Sie will nicht diejenige sein, an deren Beispiel erklärt wird, wie rückständig muslimische Verbände sind. „Unser Projekt ist auch wichtig, weil es eine Erwartung vonseiten der Gemeinden gibt, dass die Islamische Theologie etwas im positiven Sinn verändern soll“, sagt Mira Sievers. Eine Kampagne wäre gefährlich. Und tatsächlich kann man ja die Berufung von Mira Sievers allen Debatten zum Trotz auch so deuten: Es ist möglich, eine islamische Theologin mit Trans-Identität an eine deutsche Universität zu berufen, und zwar unter Einbeziehung eben jener konservativen Verbände, denen man dies gemeinhin nicht zugetraut hätte. In der katholischen Kirche wäre das ganz sicher anders.

Mira Sievers kommt aus Neuwied am Rhein. Sie ist in den 90er-Jahren geboren worden. Ihre Eltern sind katholisch, aber nicht religiös. Religion war nicht abwesend, aber auch nicht prägend daheim. Mit 15 konvertierte sie zum Islam. „Ich habe ein großes Interesse an religiösen Fragen gehabt. Ich habe durch eine befreundete muslimische Familie mehrere Wochen im Libanon verbracht. Ich habe aber auch viele Muslime gekannt“, sagt sie. Eine große Anziehung besaß für sie die sehr persönliche direkte Gottesbeziehung im Islam – unvermittelt durch den Klerus.

Für Mira Sievers ist muslimisches Denken auch heute in der Auseinandersetzung mit christlichem und jüdischem Denken spannend. „Die Religionen, die Theologien gewinnen ihre Form auch in der Auseinandersetzung untereinander“, sagt sie, „und heute in Berlin sitze ich in einem Institut, gegenüber der Katholische Theologie, es gibt Jüdische Studien und eine evangelische Theologische Fakultät, wo es also Möglichkeiten gibt, miteinander ins Gespräch zu kommen.“ Sie sieht die Humboldt-Universität als einen Ort, an dem frei debattiert werden darf. Und die Migrationsgesellschaft sieht sie als Chance.

Das gesellschaftliche Klima macht ihr allerdings auch Sorgen. Vor dem Anschlag von Hanau seien in Frankfurt Flugblätter verteilt worden mit dem Slogan „Tötet Moslems“. „Das sind Realitäten, und das betrifft unsere Studenten. Viele muslimische Studentinnen tragen Kopftuch. Sie sind als Muslime erkennbar. Sie haben Ängste. Halle, Hanau – ich sehe darin eine Entwicklung. Wir hätten ein Problem, wenn wir das nicht sehen würden.“

Relevant für die Gegenwart

In ihrem Büro sind die Wände noch kahl. Das Bild einer Frau aus dem Iran steht in einem Rahmen an die Wand gelehnt. Mira Sievers beschäftigt sich mit islamischen Glaubensgrundlagen, Philosophie und Ethik. Es geht um die Geschichte der Islamischen Theologie ab dem achten Jahrhundert, Ethik in islamischer Tradition und Geschlechterfragen. Zum Beispiel darum, wo das Bild der unterdrückten Frau und des unkontrollierten muslimischen Mannes herkommt, welche Bedeutung das Kopftuch hat.

Gerade übersetzt und kommentiert Mira Sievers einen Text einer rationalistischen Strömung im Islam aus dem zehnten Jahrhundert. Sie interessiert sich für die Entwicklung der Tradition. Es ist faszinierend, ihr zuzuhören, weil sie so leidenschaftlich über das Thema spricht. Sie erklärt die Bedeutung des Textes aus dem zeitlichen Kontext heraus, streift die politischen Fragen der Entstehungsgeschichte der Religion, aber auch grundsätzliche und zeitlose Fragen wie etwa die, ob die Menschen damals Entscheidungen als Ausdruck ihres freien Willens oder von Gott geleitet betrachten. Sie spricht über theologische Streitfragen und begeistert sich für die komplexen theologische Systeme, die Naturphilosophie, kosmologische und ethische Vorstellungen dieser Zeit.

Je länger Mira Sievers spricht, umso schneller wird sie. Sie erläutert, woran sich ablesen lässt, ob die Menschen zu einer bestimmten Zeit in einer Region der Ansicht sind, dass der Koran erschaffen ist und nicht eine eigene Existenz neben Gott hat. Die Auffassungen von Menschen von vor tausend Jahren, ihre Behauptungen, Positionen und Gegenpositionen faszinieren Mira Sievers. „Für mich ist das eine interessante Theologie mit spannenden Argumenten. Es ist aufregend sich mit klassischen Werken auseinanderzusetzen“, sagt sie.

Das führt sie zu der Frage, was davon für uns relevant sein könnte. „Wir leben heute in Berlin, in Deutschland im 21. Jahrhundert mit einer spezifischen Gesellschaftsstruktur, mit Menschen unterschiedlicher Religionen und Menschen, die nicht an Gott glauben, zusammen. Für mehrere Hunderttausend Menschen spielt diese Tradition eine Rolle und wir fragen, wie kann man islamische Theologie in diesem Kontext denken“, sagt sie. Darin sieht Mira Sievers ihre Aufgabe.