TOCHTER: Am Mittwoch und Donnerstag, nach den US-Wahlen, haben in der Schule im Unterricht alle auf dem Handy Live-Ticker geguckt. In der Pause wurde diskutiert, in Grüppchen haben wir darüber gesprochen, ob das Wahlsystem gut oder schlecht ist, wen man sich als Präsidenten wünschen würde. Auf dem Schulhof wurde man abgefangen, weil Leute verkünden wollten, wie viele Stimmen gerade welcher Kandidat bekommen hat und welcher Bundesstaat jetzt rot oder blau ist. Das war schon cool.

MUTTER: Das habe ich in einer deutschen Schule überhaupt nicht erwartet. Ich fand es zu Hause schon eigenartig, bereits am Vorabend amerikanisches Fernsehen anzusehen. Aber bei deiner Generation hätte ich nicht gedacht, dass es euch überhaupt interessiert.

Wir haben die Wahlen auch im Unterricht besprochen und diskutiert. Dass sich alle mal für Politik interessieren, finde ich gut. Aber die Frage ist, warum wir uns nur für Amerika interessieren. Wenn irgendwo anders gewählt wird, interessiert es niemanden.

Vielleicht, weil der Wahlkampf in den USA so unterhaltsam ist. Wir finden das absurd, aber auch toll, weil es gut und böse gibt, die Extreme so deutlich hervortreten. Es fördert auch niedere Instinkte zutage. Wir machen uns lustig. Wir erheben uns darüber. Wir finden es übertrieben.

Ja, aber das machen wir ja mit der Politik von Amerika generell. Vor allem seit Trump an der Macht ist, denken wir, es ist nichts mehr ernst zu nehmen. Aber ich betrachte den Wahlkampf nicht als Entertainment. Sie machen ihn so auf, aber mich interessiert einfach, wer Präsident wird. Weil der superviel Macht hat, auch weltweit, und das amerikanische Volk damit auch eine Verantwortung hat. Ich hoffe, dass sie damit umzugehen wissen. Amerika ist das einflussstärkste Land und wir sind abhängig davon.

Aber erklärt das dieses riesige Interesse? Letztlich ist es doch ein anderes Land, die Menschen wählen sich ihren Präsidenten und hoffen, dass er das Beste für sie machen wird. Bei jedem anderen Land würden wir abwarten und dann überlegen, was es für uns heißt. Liegt es nicht doch an der Show?

Ich gucke das aber nicht wegen der Show. Die TV-Duelle finde ich total blöd. Ich interessiere mich dafür, weil es so große Bedeutung für uns hat.

Ich sehe aber auch einen Reiz an der Show. Plötzlich interessieren sich Gruppen für Politik, die vorher nie drüber nachgedacht haben. In Amerika sind wegen der starken Polarisierung, Gut oder Böse, Wohl oder Wehe viel mehr Menschen zur Wahl gegangen.

Aber das macht ja die Politik nicht besser. Es ist dann wie ein Mannschaftssport. Es macht den Wettkampf interessanter, aber das kann ja nur ein Sprungbrett sein. Ich bin ganz froh, dass es bei uns noch einen gewissen Respekt vor den Politikern gibt.

Und vor den Inhalten. Ist ja nichts gewonnen, wenn man die Show gut findet, sich aber mit den Inhalten nicht beschäftigt. Dann übernimmt man keine Verantwortung mit seiner Stimmabgabe.

Das ist genau die Gefahr am amerikanischen Wahlkampf. Dass man sich mit den Inhalten nicht auseinandersetzt – aber es ist eine schöne Show und zwar für die ganze Welt.