Besonders in der Innenstadt ist die Flächenkonkurrenz zwischen den Verkehrsteilnehmern groß (Symbolbild).
Jochen Tack/imago images

BerlinEs gibt kaum ein emotionaleres Thema im Verkehr als das Auto: Für die einen ist es fast ein Heiligtum, für die anderen ist es Quell allen Ärgers im Verkehr. Ist es gerecht, das Auto zu verteufeln?

Meine Antwort: Das Auto muss nicht komplett weg, aber es wird in Zukunft weniger Autos geben, besonders in der Innenstadt, außerdem kleinere Autos, emissionsfrei und leise dazu. Ganz einfach, weil der Platz in der wachsenden Stadt für die Autos nicht zur Verfügung steht. Und, weil sich der hohe Ressourcenverbrauch des motorisierten Individualverkehrs immer weniger argumentieren lässt. Es gibt zudem gute Alternativen.

BLZ/Tagesspiegel/BpB
30 Jahre Meinungsfreiheit

Vor 30 Jahren fiel die Mauer, aus der geteilten Stadt wurde ein geeintes Berlin. Gemeinsam mit dem Tagesspiegel und der Bundeszentrale für politische Bildung feiern wir die Meinungsfreiheit – mit guten Argumenten und großen Debatten. 


Der Personenverkehr in Berlin wächst: Jedes Jahr müssen in der Stadt über 4,5 Milliarden Wege bewältigt werden, jedes Jahr kommen rund 50 Millionen hinzu. Den Verkehr gut und umweltverträglich zu organisieren, stellt alle Beteiligten vor Herausforderungen.

Herausforderungen für Berlin

  • Erstens: Emissionen. Wie in vielen Städten werden auch in Berlin die Grenzwerte für Luftschadstoffe, zum Beispiel die Stickstoffoxide, aber auch Feinstaub nicht stabil eingehalten. Die Co²-Emissionen des Verkehrs sind nach wie vor zu hoch.
  • Zweitens: Flächenkonkurrenz. Für den Verkehr in der Stadt stehen 136 Quadratkilometer Fläche zur Verfügung, etwa 15 Prozent der Gesamtfläche Berlins. Mit Blick auf das Ziel einer umweltgerechten und lebenswerten Stadt sollten diese Fläche nicht weiter ausgebaut werden.

Besonders in der Innenstadt nimmt die Flächenkonkurrenz zwischen den Verkehrsteilnehmern zum Teil groteske Züge an. Auf den Verkehrsflächen Berlins fahren oder stehen rund 1,2 Millionen Autos. Dazu kommen Fahrräder, Busse, Bahnen, Trams, Taxen und zunehmend Anbieter ergänzender Mobilitätsdienstleistungen, zum Beispiel.

Mobilitätsberater Axel Quanz.
Foto: Axel Quanz/Privat

CarSharing, Bike Sharing, RidePooling oder – ganz neu – die e-Scooter. An den Rand gedrängt werden dabei häufig die Fußgänger, die eine Menge zur umweltgerechten Fortbewegung in der Stadt beitragen. Konflikte zwischen den Verkehrsteilnehmern sind vorprogrammiert und täglich zu erleben.

Chancen für Berlin

  • Chance Nr. 1: Gut 70 Prozent aller Wege werden bereits heute mit Bussen oder Bahnen, Fahrrad oder zu Fuß zurückgelegt. Der Anteil des Autos liegt bei rund 30 Prozent und damit bereits um acht Prozent geringer als 1998.
  • Chance Nr. 2: Berlin verfügt – auch im internationalen Vergleich – über ein hervorragendes und auch preiswertes ÖPNV-Angebot. Zwischen 1997 und 2017 wuchs die Zahl der Fahrgäste um etwa 40 Prozent auf rund 1,5 Milliarden Fahrgäste pro Jahr.
  • Chance Nr. 3: Berlin ist flach. Eigentlich ein ideales Terrain für das Fahrradfahren. Und es verfügt über viele breite Verkehrsachsen, die genügend Raum für umweltverträgliche Verkehrsträger bieten.
  • Chance Nr. 4: Berlin ist die Sharing-Hauptstadt. In keiner anderen Stadt Deutschlands stehen so viele Sharing-Angebote zur Verfügung. Ein Fahrrad, ein E-Roller oder ein Auto sind im Sharing-Modell eigentlich immer verfügbar.

Alles gute Voraussetzungen, um den Verkehr in Berlin umweltgerecht weiter zu entwickeln. Es gilt, klare Schwerpunkte zu setzen.

Es gilt, klare Schwerpunkte zu setzen

  • Ausbau des ÖPNV: Neue und verlängerte Linien, mehr und neue Fahrzeuge, mehr Service - das bleiben die Aufgaben, um künftig noch mehr Fahrgäste zu transportieren.
  • Förderung des Radverkehrs: Kein Verkehrsmittel ist so leise, preiswert und emissionsarm wie das Fahrrad. Und flexibel dazu. Auch die erforderliche Infrastruktur ist platzsparend und preiswert. Es braucht mehr kreuzungsfreie, breite und sicherere Radwege, außerdem mehr und sichere Abstellmöglichkeiten an den S- und U-Bahnstationen.
  • Innerstädtischen PKW-Verkehr weiter verringern: in einigen Stadtlagen trägt der Park-Such-Verkehr mit 30 Prozent zum Verkehrsaufkommen durch Kfz bei. Die Zahl der Kfz muss, besondere in der Innenstadt, weiter sinken. Dafür sind Anreize nötig, auch die Ausweitung der Parkraumbewirtschaftung.
  • Umgestaltung des Verkehrsraums zugunsten des Umweltverbunds: Den Verkehrsträgern des Umweltverbunds muss Priorität eingeräumt werden. Das erfordert Mut und Überzeugungskraft.

Die schöne neue Sharing-Welt mit ihren Angeboten beschränkt sich heute (fast) nur auf die innerstädtischen Gebiete. Wenn die Berliner auf ihr Auto, vielleicht auch erst einmal auf den Zweitwagen, verzichten sollen, braucht es Alternative nicht nur in Mitte und Friedrichshain, sondern auch in Spandau und Köpenick. Je besser die Alternativen zum Auto sind, desto weniger werden wird man ihm nachtrauern.