Der britische Premier Gordon Brown, der französische Präsident Nicolas Sarkozy, Bundeskanzlerin Angela Merkel, Russland Präsident Dmitry Medvedev, Bundespräsident Horst Köhler, Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit und die US-Ausßenministerin Hillary Clinton bei den Feierlichkeiten zum 20. Jahrestag des Mauerfalls in Berlin.
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BerlinAngela Merkel, die deutsche Kanzlerin, empfängt zum Mauerfall-Jubiläum: Der russische Präsident ist da, der französische Präsident ist ebenfalls nach Berlin gekommen, der britische Premier ist dabei, der US-Präsident ist auch eingeladen worden, bedauert aber sehr, nicht kommen zu können und spricht an einer Video-Botschaft große Worte in die deutsche Hauptstadt: „Lassen Sie uns das Licht der Freiheit auch in den dunkelsten Nächten der Tyrannei aufrecht erhalten. Glauben wir an die Freiheit.“

Sie ahnen es schon, das ist eine andere Welt, nicht die Welt des Jahres 2019, in der wir leben und den 30. Jahrestag des Mauerfalls feiern. Es ist die Welt des Jahres 2009, gerade einmal zehn Jahre ist das her: Der französische Präsident hieß Sarkozy, der russische Medwedew, der britische Premier war Gordon Brown, die amerikanische Außenministerin, die auch nach Berlin kam, hieß Hillary Clinton. Und der US-Präsident mit der Videobotschaft, das war natürlich Barack Obama.

2009 ging ein Signal von Berlin aus

Alle waren sie hier, zum zwanzigjährigen Jubiläum 2009: Russen, Amerikaner, Briten und Franzosen, die Mächte, die das Schicksal des geteilten Deutschlands einst bestimmt hatten – und nun in Berlin eine Welt ohne Mauern feierten. Von Berlin ging das Signal aus, dass der Fall der Mauer und die deutsche Wiedervereinigung ein gelungenes Beispiel von weltumspannender Diplomatie und, Achtung, großes Wort, Völkerverständigung war. Ein Zeichen. Das war einmal.

Die Feierlichkeiten zu 20 Jahre Mauerfall im Jahr 2009.
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Und heute? Heute feiern wir den 30. Jahrestag des Mauerfalls ohne Macron, Putin, Johnson und ohne Trump. Warum? Die offizielle Lesart ist die: Wir wollen den Blick auf die osteuropäischen Staaten der sogenannten Visegrad-Gruppe lenken, sie sind die Ehren-Gäste der Feierlichkeiten in diesem Jahr. Die Präsidenten aus Polen, Ungarn, Tschechien und der Slowakei. Das ist eine sehr schöne, noble und wichtige Geste. Denn Deutschland hat diesen Staaten viel zu verdanken. Aber hätte die diplomatische Party nicht trotzdem ein wenig größer ausfallen können?

Die Lösung: Visegrad

Das nun ist eine schwierige Sache, und um diese weltpolitischen Schwierigkeiten nicht zu offenbaren, ist die Visegrad-Geschichte auch eine sehr formidable Ausrede. Die Wahrheit ist vielleicht auch, dass niemand hier mit Trump feiern will (und der selbst wohl auch nicht auf die Idee kommen würde), und Putin in Deutschland in diesen Zeiten ebenfalls nicht allzu willkommen ist. Wenn es aber mit Trump und Putin nichts wird, kann man schlecht nur die Briten und Franzosen einladen. Also bleibt nur die kleine, feine Lösung und die heißt: Visegrad.

So soll es nun sein, und das sagt eine Menge über Deutschland und die Welt im Jahr 2019 aus. Über eine Welt, die nicht zuletzt durch die kalten Beziehungen zwischen dem US-Präsidenten und Europa, durch das ständige Misstrauen gegenüber Russland und den irrlichternden Briten gekennzeichnet ist. Eine Welt, in der jene Diplomatie, die zum wiedervereinigten Deutschland führte, kaum noch vorstellbar ist. Eine Welt, in der ein Zeichen wie im Jahr 2009 kaum zu setzen ist.

Nur: Hinter diesem zersprengten Zustand der globalen Politik kann man sich auch ganz gut verstecken. Und hoffen, dass dabei nicht auffällt, wie gering der diplomatische Einfluss Deutschlands in der Welt geworden ist. Was natürlich auch mit dem gegenwärtigen Außenminister zusammenhängt.

Wäre es nicht ein großer Anlass gewesen, dieser 30. Jahrestag des Mauerfalls, Donald Trump in die Stadt zu bitten, wirklich ernsthaft, dann auch Wladimir Putin in die Stadt zu bitten, Boris Johnson und Emanuel Macron ebenfalls, um im wiedervereinigten Deutschland die gesamtdiplomatischen Beziehungen zumindest ein wenig zu verbessern? Doch dafür haben offenbar die Kraft und der Mut nicht gereicht, noch nicht einmal für die Idee.

Kein Mut zu diplomatischer Größe

Eine verpasste Chance, ein verpasster Anlass. Seltsam eigentlich, denn für Angela Merkel wäre es ja auch eine schöne, internationale Abschiedsgala gewesen. So schnell werden die Deutschen nichts ähnliches mehr an Feierlichkeiten anzubieten haben. Bleibt nur zu hoffen, dass man den Mauerfall in zehn Jahren politisch nicht noch eine Nummer kleiner feiern muss, weil man 2019 schon keinen Mut zu diplomatischer Größe hatte.