Al-Rakka war 2015 die Hochburg des IS in Syrien. 
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Berlin/IstanbulWie bei vielen Prozessen gegen mutmaßliche Mitglieder der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in der Türkei herrschte im ersten derartigen Gerichtsverfahren, das ab 2015 im zentralanatolischen Nigde stattfand, eine gespenstische Atmosphäre. Verhandelt wurde gegen den Deutsch-Chinesen Benjamin Xu aus Berlin und seine beiden Mittäter aus Mazedonien und der Schweiz, die ein Jahr zuvor drei Menschen bei einer Schießerei getötet und 13 verletzt hatten, einige von ihnen schwer.

Die Angeklagten wurden per Video aus dem Gefängnis in Ankara zugeschaltet und schwiegen. Fast alle Zuschauerplätze im Saal wurden von Männern eingenommen, die türkischen Sicherheitskräften oder Geheimdiensten angehörten. Außer dem Korrespondenten der Berliner Zeitung waren keine ausländischen Journalisten anwesend. Auch kein Vertreter der europäischen Heimatländer der Angeklagten ließ sich blicken, obwohl sich absehen ließ, dass sie irgendwann in ihre Heimatländer zurückkehren müssen.

Kurzhaarschnitt statt Bart

Dieser Zeitpunkt ist jetzt offenbar gekommen. Der türkische Innenminister Süleyman Soylu kündigte an, dass sein Land ab sofort gefangene IS-Anhänger zurücksenden werde, darunter auch neun Personen nach Deutschland. Laut Soylu befanden sich zuletzt rund 1 200 ausländische IS-Anhänger in türkischer Gefangenschaft. Unterschiedlichen Quellen zufolge sollen zu den „Abschieblingen“ insgesamt bis zu 20 Deutsche zählen. Es ist anzunehmen, dass der 29-jährige Benjamin Xu aus Berlin dazugehört.

Xu und seine zwei etwas jüngeren Mitgefangenen Cendrim Ramadani aus der Schweiz und Muhammad Zakiri aus Mazedonien begingen die erste schwere Gewalttat in der Türkei, die dem IS zugeschrieben wird. Alle drei wurden dafür 2016 zu mehrfach lebenslänglichen Freiheitsstrafen verurteilt.

Sie waren auf dem Weg aus Syrien nach Istanbul, als sie am 20. März 2014 in Kappadokien in eine Straßenkontrolle der Gendarmerie gerieten und sofort zu ihren automatischen Waffen griffen. Sie wurden schnell gefasst. 2018 bestätigte das oberste türkische Berufungsgericht in Ankara die Schuldsprüche. Beim Prozess trugen Xu und Zakiri einen normalen Kurzhaarschnitt und legere Kleidung, nur Ramadani noch Bart und lange Haare nach Art der Salafisten.

Die Lage in Syrien, Stand Oktober 2019.
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Benjamin Xu, der als Kind einer Chinesin und eines mazedonisch-albanischen Vaters in Berlin aufwuchs und die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt, durchlief eine rasante Radikalisierung. Nachdem er ein paar Wochen die berüchtigte Fussilet-Moschee in Berlin-Tiergarten besucht hatte, reiste er 2013 zusammen mit seinem Vater, der schon länger Islamist war, über Istanbul nach Syrien.

Laut seinem Geständnis wurden Vater und Sohn von der islamistischen türkischen Hilfsorganisation Miletti Ibrahim und einem syrischen Turkmenen mit Kontakten zum türkischen Geheimdienst MIT über die Grenze geschleust. In Syrien durchliefen sie ein viermonatiges militärisches Training bei der islamistischen Tschetschenen-Miliz Junud al-Sham.

Waffen, Sprengstoff, Geld

Nachdem sein Vater getötet worden war, begaben sich Xu und Zakiri ins IS-Gebiet, wo sie den ebenfalls aus Mazedonien gebürtigen Schweizer Ramadani kennenlernten. Im März 2014 trennten sie sich vom IS und wurden von der konkurrierenden Al-Kaida-Organisation wieder zurück in die Türkei geschleust. Sie führten Schusswaffen, Handgranaten, Funkgeräte, Sprengstoff und 11 000 Dollar mit sich, außerdem Lagepläne, aus denen die Anklage schloss, dass sie einen Anschlag in Istanbul planten.

Xus mögliche Rückkehr dürfte von den deutschen Behörden mit Spannung erwartet werden. Denn Xu offenbarte laut der Anklageschrift, die der Berliner Zeitung vorliegt, Details über das geheime Netzwerk, das gewaltbereite Europäer über die sogenannte Terroristen-Autobahn von der Türkei nach Syrien zum IS brachte. Im Prozess offenbarten Zeugen zudem eine Zusammenarbeit der Dschihadisten-Schleuser im türkischen Reyhanli mit Mitarbeitern oder Informanten des türkischen Geheimdienstes MIT. Auch die anderen ehemaligen IS-Kämpfer könnten solches Wissen besitzen