Mubarak gestürzt, Ben Ali vertrieben, Berlusconi weg – und Wulff nach zwei Wochen Trommelfeuer noch immer im Bellevue. Das nagt am Ego derer, die jetzt die Chance auf einen Abschuss sehen, nachdem Vorgänger Köhler ganz ohne Mediendruck hingeschmissen hatte.

Tagtäglich wurde getitelt, der Druck auf Wulff erhöhe sich, immer neue Vorwürfe würden bekannt. Doch tatsächlich war es schlichtes Meldungsrecycling. Das Bekannte wurde stets neu gruppiert, mit einem aktuellen Zitat geschmückt – und schon war der Skandal gestreckt. Selbst die Nichterwähnung in der Weihnachtsansprache brachte es zur Meldung Nr. 1 – obwohl doch klar war, dass der Bundespräsident dieses Forum nicht zur privaten Verteidigung missbrauchen durfte. Nun nahm Wulff Stellung – aber die Meute ruft „das reicht nicht“ und es kommt „zu spät“. Längst hat sich die Empörung vom Anlass emanzipiert. Ein Kardinal, der zwar „nicht weiß, ob das stimmt“, war aber glaubensfest genug für den vorweihnachtlichen Ratschlag, der Präsident möge den Hirtenstab abgeben. Meinungsstärke aus Nichtwissen zu gewinnen – ein Lehrstück des Pharisäertums, an dem gegenwärtig viele Statisten lustvoll mitwirken.

Statik der Republik geschädigt

Gewiss ist juristische Unangreifbarkeit kein Beweis für moralische Richtigkeit. Kritik am Handeln Wulffs ist also legitim. Das hat er selbst erkannt. Richtig ist auch, dass die Presse das Staatsoberhaupt nicht tabuisiert. Aber Maß und Respekt wird man fordern dürfen. Da hat die Behauptung nichts zu suchen, Wulff gebe nur zu, was längst bekannt sei. Denn dieser Vorwurf der Salamitaktik ist eine verpackte Infamie: Er unterstellt, dass hinter dem schon Bekannten das eigentliche Übel noch verborgen liegt.

Das ist schlimmer als eine Vorverurteilung, denn es baut eine psychologische Falle ohne Entrinnen. Das Beharren auf dem Gesagten dient zum Beweis des Verschweigens. Was bitte soll Wulff denn tun? Soll er gestehen, was nicht war, damit der Ankläger recht behält? Hier wird Inquisition als öffentlicher Showdown betrieben mit dem Kopf des Präsidenten als Hauptgewinn.

Die Skandalisierung des Belanglosen ist Teil der politischen Eventkultur geworden. Jetzt hat sie auch das Amt des Bundespräsidenten erreicht. Bisher gab es den guten politischen und journalistischen Konsens, das Staatsoberhaupt aus Respekt vor dem Amt nicht zum Gegenstand von Kampagnen zu machen. Kritik blieb an der Sache orientiert. Das scheint vorbei zu sein. Die Sittenwächter der Gesinnungspolizei haben den Dammbruch geschafft. Der politischen Hygiene dient das nicht. Es beschädigt die Statik der Republik.

Gernot Fritz, Rechtsanwalt, unter Roman Herzog stv. Chef des Bundespräsidialamts.