Der Beruf der Lehrer hat sich grundlegend gewandelt. Galten sie vor 20 Jahren noch als Pauker mit einem gut bezahlten Halbtagsjob von 22 Wochenstunden, die den Kindern bis mittags Wissen beibringen sollten und nachmittags den Unterricht vorbereiteten, müssen sie heute zusätzlich Medien- und Wirtschaftskompetenz sowie Toleranz gegenüber Mitschülern mit Behinderung vermitteln oder Einzelgespräche mit verhaltensauffälligen oder suchtgefährdeten Schülern führen. Die Unterrichtsverpflichtung stieg auf 26 bzw. 28 Stunden.

Da Stellen für Laboranten, Assistenten, Sekretariate, Hausmeister eingespart wurden, müssen sie sich auch um die naturwissenschaftlichen Sammlungen, Bibliotheken, Computerwartung oder kaputte Rollos kümmern. Nicht zuletzt müssen Kontakte mit Jobcentern (Stichwort: Bildungspaket) sowie Jugend- und Gesundheitsämtern für einige Schüler hergestellt werden. Ach so, unterrichten müssen sie auch noch.

Die meisten Kollegen haben diese veränderte Lehrerrolle angenommen. Doch so lange die Arbeitszeit für Lehrer einzig nach der Anzahl der Unterrichtsstunden bemessen wird, so lange ein Kollege an einem Gymnasium in Britz die gleiche Stundenzahl hat wie seine Kollegin an einer Sekundarschule im Berliner Stadtteil Nord-Neukölln nutzt auch die beste Kooperation nichts.

Lehrerstudenten können ihr Studium heute nur bewältigen, wenn sie kooperieren – bei Hausarbeiten, Praktika oder Lernen für Klausuren. Junge Lehrer bringen also diese Fähigkeiten in die Schule mit. Ich (28 Jahre) bin Physik- und Mathematiklehrer an einer Gemeinschaftsschule und arbeite mit vielen engagierten, kooperationsbereiten Kollegen zusammen. Trotzdem habe ich nicht selten eine 60 Stunden-Woche.

In unseren wöchentlichen Kooperationssitzungen werden auch Fälle von Schülern besprochen, die besonderer Behandlungen bedürfen. Für die Erarbeitung eines individuellen Förderplans für einen einzigen Förderschüler haben fünf Kollegen mit zusammen 100 Jahren Berufserfahrung einen halben Tag intensiver Arbeit benötigt. Geht man von 20 Förderschülern pro Jahrgang aus, könnte man die Schule also zwei Wochen lang schließen. Das ist völlig illusorisch.

Kooperation heißt auch, sich Zeit nehmen zu können. Doch unter der von der Politik inzwischen unverhohlen geforderten Kostenneutralität (rot-schwarzer Koalitionsvertrag) ist nicht zu erwarten, dass Lehrer ihre Schüler wirklich individuell betreuen können.
Wir brauchen also keinen Schub für die Lehrerbildung, sondern für die Bildungsausgaben.

Tom Erdmann, Lehrer an der Fritz-Karsen-Schule, Berlin