Die Loveparade-Gedenkstätte am Unglücksort in Duisburg.
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Der Loveparade-Prozess könnte demnächst eingestellt werden und damit ohne Urteil zu Ende gehen. Das Duisburger Landgericht und jetzt auch die Staatsanwaltschaft erklären, die Urteilsfindung lohne den Verfahrensaufwand nicht. Aus der Sicht der Opfer und deren Angehörigen ist das allerdings unbefriedigend: Während der Duisburger Loveparade am 24. Juli 2010 kamen 21 Menschen ums Leben und gab es mehr als 650 Verletzte. Das soll eines Urteils weder würdig noch fähig sein?

Das Statement der Anklage zeugt von bemerkenswert Nüchternheit. So ist davon die Rede, dass durch die Corona-Pandemie eine konkrete Gefährdung zahlreicher Prozessbeteiligter und auch Zuhörer „mit ganz erheblichen Gesundheitsrisiken“ eingetreten sei. Die hier notwendige Verzögerung der Hauptverhandlung, so geht die Argumentation weiter, werde in jedem Fall dazu führen, dass das für ein Urteil erforderliche Beweisprogramm bis zum Eintritt der absoluten Strafverfolgungsverjährung am 27. Juli dieses Jahres „jedenfalls hinsichtlich des Vorwurfs der fahrlässigen Tötung nicht zu absolvieren ist“ und also seinen Sinn verliere. Und selbst wenn eine Verurteilung möglich wäre, so lautet das Hauptargument, sei doch der Aufwand für ein Verfahren mit Blick auf die zu erwartende geringe Strafe nicht mehr verhältnismäßig.

Halten wir fest: Das Gericht soll von einem unverhältnismäßigen Verfahrensaufwand befreit werden. Das ist eine durchaus gängige Praxis, genauer gesagt: Der Rechtsstaat im Ganzen muss, um zuverlässig funktionieren zu können, seine Organe entlasten. Und er weiß, wie die Ausführungen der Duisburger Staatsanwaltschaft zeigen, um die daraus entstehende Gerechtigkeitslücke im Einzelnen: „Angesichts der schweren Folgen der tragischen Ereignisse erscheint es schwer vermittelbar, aus welchen Gründen die Staatsanwaltschaft dennoch die Zustimmung zur Einstellung des Verfahrens erteilt hat.“ Die hier geforderte staatspolitische Vernunft ist aus Opfersicht ein allzu abstraktes Gut. Eine echte Zumutung.