Das Hochwasser bedroht nun den Norden Deutschlands. Bundesländer wie Niedersachsen und Brandenburg rüsteten sich für die anrollenden Wassermassen, die bereits im Süden und Osten verheerende Zerstörungen hinterlassen haben. In Bayern blieb die Lage angespannt, mehrere Deiche drohten zu brechen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wollte betroffene Regionen in Sachsen-Anhalt besuchen. Politiker aller Parteien sicherten den Geschädigten am Donnerstag im Bundestag umfassende Hilfen zu. An die Politik richtete sich aber auch Kritik, nicht genug für den Hochwasserschutz getan zu haben. Nach Expertenansicht sind immer höhere Deiche allein nicht immer das beste Mittel.

Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) sagte weitere Unterstützung zu, die über die Soforthilfe des Bundes von 100 Millionen Euro hinaus gehen soll. Es werde alles getan, um die langfristigen Schäden zu beheben. „Darauf können sich alle verlassen.“ Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) dankte den Helfern vor Ort, besonders den vielen Freiwilligen. Erneut werde die Erfahrung gemacht, dass Not und Leid einhergingen mit Tatkraft und Hilfe sowie einer „eindrucksvollen menschlichen Zuwendung“.

Nach Ansicht von Experten muss im Hochwasserschutz umgedacht werden. „Die Deicherhöhungen sind an der Grenze“, sagte beispielsweise Bernd Ettmer, Wasserbau-Experte der Hochschule Magdeburg-Stendal. „Für jeden Meter, den man nach oben baut, braucht man drei Meter in die Breite.“

Die Situation in den einzelnen Bundesländern:

BRANDENBURG: Das Hochwasser in Brandenburg wird die Deiche noch tagelang gefährden. Innenminister Dietmar Woidke (SPD) schätzte die Situation schwieriger ein als 2002 beim letzten katastrophalen Hochwasser. Die Behörden gingen davon aus, dass die Flut noch bis zu eineinhalb Wochen gefährlich sein könne. „Es ist eben nicht nur die Elbe, die kommt. Dieses Mal kommen alle Nebenflüsse mit großer Wucht mit dazu“, sagte Woidke am Donnerstag im rbb-Inforadio.

Die Scheitelwelle der Flut wird erst in den nächsten Tagen erwartet. Dabei ist ungewiss, ob sich die Scheitel treffen - und ob sich die Mengen addieren. Das Wasser werde nicht rasch zurückgehen und daher noch etwa zehn Tage auf die Deiche drücken, sagte Wolfgang Brandt, ein Sprecher des Innenministeriums. Befürchtet wurde eine Verschärfung der Lage, sollte die Elbe die Wassermengen nicht mehr aufnehmen können und es zu einem Rückstau in die Schwarze Elster kommen.

Mehr zur Lage in Brandenburg lesen Sie in unserem großen Überblick.

NIEDERSACHSEN: Das Rekord-Hochwasser an der Elbe bedroht die Deiche in Niedersachsen. Die Pegelstände werden wohl erst in der zweiten Hälfte der kommenden Woche den Höhepunkt überschreiten. Es bestehe die Gefahr, dass die Deiche durchweichten, warnte der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) am Donnerstag in Lüneburg.

„An einzelnen Orten wird der Höchststand nach derzeitiger Prognose wahrscheinlich erst Freitag oder Samstag kommender Woche erreicht werden“, sagte NLWKN-Sprecher Achim Stolz. Die Behörden hatten frühere Angaben über die Höchststände der Flut nach unten korrigiert. So wird für die besonders gefährdete Ortschaft Hitzacker im Kreis Lüchow-Dannenberg statt eines Höchststandes von 8,80 Metern nun mit 8,15 Metern gerechnet. Auch dann würden die Wassermassen noch fast einen halben Meter höher stehen als jemals zuvor.

Einsatzkräfte waren rund um die Uhr damit beschäftigt, die Elbdeiche zu sichern. Im Landkreis Lüneburg sollen die Deiche mit rund einer Million Sandsäcken auf 70 Kilometern Länge um 30 Zentimeter erhöht werden. Dort waren bereits 2500 Helfer im Einsatz, darunter auch 1200 Bundeswehr-Soldaten. In Lüchow-Dannenberg sah es ähnlich aus. „Bei uns sind rund 3800 Kräfte im Einsatz, Tendenz steigend“, erklärte Jenny Raeder, Sprecherin der Hochwasser-Pressestelle des Landkreises. 660 Soldaten seien im Einsatz.

SACHSEN-ANHALT: Auch hier waren Orte weiter akut bedroht - etwa die Stadt Bitterfeld, wo Bundeskanzlerin Merkel sich über die Lage informierte. „Ich glaube, dass man sich darauf verlassen kann, dass das Menschenmögliche getan wird“, sage sie am Donnerstag bei einem Besuch in der Chemiestadt Bitterfeld-Wolfen. Merkel lobte, dass Hand in Hand gearbeitet werde und es eine große Solidarität gebe. „Das ist wunderbar“, sagte die Kanzlerin.

In Bitterfeld könnte es zum Wassereinbruch eines Sees in die Innenstadt kommen, wo rund 10.000 Menschen leben. Zwei Deichsprengungen hatten nicht die erhoffte Entlastung gebracht, wie der Krisenstab mitteilte. Auch in Halle war die Lage weiterhin angespannt, obwohl der Pegelstand der Saale zurückging.

BAYERN: Das Hochwasser entlang der bayerischen Donau blieb trotz sinkender Pegel bedrohlich. In der gefährdeten Region um Deggendorf und Straubing ging das Wasser zwar stündlich um mehrere Zentimeter zurück. Die Gefahr, dass durchgeweichte Dämme brechen, war aber weiter sehr hoch. Hunderte Einsatzkräfte versuchten, die Dämme zu sichern. Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) machte sich in einem Hubschrauber ein Bild von der Lage. „Es ist unbeschreiblich schlimm. Das übersteigt alle Dimensionen“, sagte er in Deggendorf.

SACHSEN: Die Lage in den überschwemmten Gebieten entlang der Elbe blieb angespannt - das Hochwasser des Flusses erreichte am Donnerstag seinen Höhepunkt. In Dresden kam es mittags auf 8,76 Meter. Damit lag das Maximum unter der Prognose, die von etwa neun Metern ausgegangen war. Normal sind knapp zwei Meter.

Während Stadtteile im Osten und Westen unter Wasser standen, blieb die historische Altstadt anders als bei der Flutkatastrophe 2002 zunächst verschont. Der hohe Wasserstand soll vier bis fünf Tage anhalten. Nach Angaben der Stadt waren rund 9000 Haushalte ohne Strom.

In Meißen war die Elbe nur noch auf einer Fußverbindung passierbar. Schottenbergtunnel und Elbtalbrücken seien seit Mittwochabend gesperrt, sagte eine Sprecherin. Auch die Altstadt ist fast unpassierbar. In Pirna (Sächsische Schweiz) sind bisher mehr als 8500 Menschen ausquartiert und der Bahnverkehr eingestellt worden.

Der nächste Verteidigungspunkt an der Elbe werde Torgau sein, sagte der Hochwasserexperte im Umweltministerium, Martin Socher. Dort müsse das Deichsystem geprüft werden. In Torgau stieg das Wasser am Donnerstag noch an. Die Stadt Leipzig schickte 30 000 Sandsäcke in die nordsächsische Stadt, damit Helfer Schutzwälle errichten konnten.

RHEINLAND-PFALZ: Die Hochwasserlage an Ober- und Mittelrhein in Rheinland-Pfalz wird sich bis zum Wochenende wohl weiter entspannen. Seit Donnerstag gingen die Pegelstände zwischen Mainz und Kaub spürbar zurück, sagte Andreas Meuser vom Hochwassermeldezentrum Rhein. Wegen des sonnigen Wetters gehe es wahrscheinlich in den kommenden Tagen so weiter. Am Donnerstagmorgen hatte der Scheitel der Hochwasserwelle bereits Duisburg erreicht. Meuser ging davon aus, dass die Sperrung der Schifffahrt auf dem Rhein in der Nacht zum Freitag zwischen Maxau bei Karlsruhe und Speyer aufgehoben werde. Mainz werde im Laufe des Freitags wohl folgen.

MECKLENBURG-VORPOMMERN: Hunderte Bundeswehr-Soldaten unterstützten die Schutzmaßnahmen an der Elbe. Etwa 40 000 Sandsäcke wurden bereits gefüllt - zwei Millionen Sandsäcke sind zur Verstärkung der Deiche nötig. Das Wasser soll wohl Donnerstag den Höchststand erreichen.