Eleanor Roosevelt mit weißem Hut und ihre Freundin Lorena Hickok, die nicht in ihr Smartphone tippt.
Foto: Bettmann

BerlinSeit zwei Tagen war Franklin D. Roosevelt (1882–1945) Präsident der Vereinigten Staaten, da lud seine Frau, die frisch gebackene First Lady Eleanor Roosevelt (1884–1962), eine bekannte Menschenrechtsaktivistin, zu ihrer ersten Pressekonferenz ein. Zugelassen waren nur Journalistinnen. So ein Treffen gab es von nun an jede Woche. Mit einem Schlag sah die Berichterstattung aus dem Weißen Haus anders aus. Die Chefredaktionen mussten jetzt Frauen in die Zentrale der Macht schicken.

Auf diese Idee wurde Eleanor Roosevelt von ihrer Freundin Lorena Hickok (1893–1968) gebracht. Die beiden hatten einander kennen- und lieben gelernt als Hickok, eine der bekanntesten Journalistinnen der Zeit, für Associated Press über Roosevelts Wahlkampf berichtete. Noch 1930 hatte Hickok einem Kollegen geschrieben, sie wäre immer nur die zweite Wahl, wenn es um eine Reportage oder ein Interview ginge. An erster Stelle stände immer ein Mann. „Ich bin nicht scharf auf ihren Schreibtisch ... Wenn ich nur Reporter sein dürfte, statt irgendwelche Bla-Bla-Features machen zu müssen, nach denen sie mir von oben herab auf die Schulter klopfen und mir sagen, was für ein nettes Mädchen ich bin ... Manchmal tut das höllisch weh. Manchmal könnte ich durchdrehen.“

Manche mussten sich auf den Boden setzen

Man kann sich vorstellen, wie Eleonor und Hick sich amüsierten bei der Vorstellung, wie in den Redaktionen geflucht wurde über die Entscheidung der First Lady. Eleonor Roosevelt genoss es, am längeren Hebel zu sitzen und die Frauen in den Redaktionen unterstützen zu können. Zu dieser ersten von insgesamt 348 wöchentlichen Konferenzen kamen am 6. März 1933 fünfunddreißig Frauen. Darauf war man nicht vorbereitet. Manche mussten sich auf den Boden setzen.

Lorena Hickok und Eleanor Roosevelt kamen von den beiden Enden des weißen Amerika. Roosevelt war in der feinsten New Yorker Gesellschaft aufgewachsen. Die Familie lebte vom ererbten Vermögen in großen Häusern mit Personal. Ihre Mutter starb, als Eleanor noch keine acht Jahre alt war. Ihr Vater war Alkoholiker und starb zwei Jahre später nach einem epileptischen anfall infolge eines Suizidversuchs. Eleanor lernte schwimmen, als ihr Onkel, der spätere amerikanische Präsident Theodore Roosevelt, sie ins Wasser seines Swimmingpools warf. Später kam Eleanor in ein vornehmes Internat unweit von London, wuchs zu der beachtlichen Größe von 1,80 Meter heran und heiratete 1905 ihren Onkel sechsten Grades Franklin Delano Roosevelt. Das Paar hatte sechs Kinder und Franklin und Eleanor jeder für sich mindestens ebenso viele mehr oder weniger intime Freundinnen und Freunde.

Als Franklin D. Roosevelt 1921 an Kinderlähmung erkrankte – seine Beine blieben zeitlebens gelähmt – und sich zunächst aus der politischen Arbeit zurückzog, begleitete Eleanor ihn nicht, sondern zog im Land umher, hielt Vorträge und trat in Rundfunksendungen auf. Sie wurde sehr populär. 1926 lebte sie mit zwei Frauen zusammen, mit denen sie auch die politische Monatszeitschrift Women’s Democratic News herausgab.

„Trinken und leben“ vom Chefredakteur gelernt

Hickoks Vater verprügelte seine Kinder, und nie gab es Geld zu Hause. Kaum war sie vierzehn, wurde sie von Stiefmutter und Vater aus dem Haus gejagt. Sie verdiente sich ihren Lebensunterhalt in ständig wechselnden Familien als Dienstmädchen, bis nach zwei Jahren eine Cousine ihrer Mutter sie zu sich nahm und ihr einen Schulbesuch ermöglichte. Nach einem Jahr ertrug sie die Hänseleien ihrer Mitschülerinnen nicht mehr. Sie fand Arbeit als Schreiberin in einer Zeitung. Nach ein paar Stellenwechseln stieß sie endlich auf einen Chefredakteur, der ihr „trinken und leben“ beibrachte. 1928 wurde sie angestellt von Associated Press, schrieb zum Beispiel über die Entführung des Lindbergh-Babys. Sie war ein Star geworden.

Zwischen dem Wahlsieg und dem Amtsantritt überlebte Roosevelt ein Attentat, in 34 von 48 Staaten der USA waren die Banken geschlossen worden. Die USA steckten tief in der größten Wirtschaftskrise ihrer Geschichte. In seiner Antrittsrede erklärte der neue Präsident: „Das einzige, wovor wir Angst haben müssen, ist die Angst selber.“

Zu viel Nähe für Objektivität

Als die Roosevelts ins Weiße Haus einzogen, kam Lorena Hickok mit. Ihren Job bei Associated Press hatte sie aufgeben müssen. Sie stand Eleanor Roosevelt zu nahe, um noch objektiv über sie schreiben zu können. Die nächsten Jahre waren Hick und Eleanor viel zusammen. Sie reisten durch die USA, analysierten die Lage, machten sich ein Bild davon, welche Maßnahmen des New Deal welche Folgen hatten.

Hickok schrieb nicht mehr für Zeitungen, sondern Berichte für die Administration. In denen fehlte es nicht an harten Fakten und Zahlen, aber immer wieder erzählte sie darin auch Geschichten von Einzelnen und machte so deutlich – wie sie das auch als Reporterin getan hatte –, was in den Menschen vorging. Diese Berichte halfen dem Präsidenten, die Lage im Land zu begreifen.

Das war großartig, aber das war auch alles. Die Bürger erreichte Lorena Hickok nicht mehr. Siebzehn Jahre hatte es gedauert, bis sie zu einer der wichtigsten Reporterinnen des Landes geworden war, und jetzt hatte sie das alles hingeworfen. Aus Liebe zur First Lady. Die sie ebenfalls liebte, aber nicht in jener Ausschließlichkeit, von der Lorena Hickok träumte.

Sie wohnte bis zum Tode des Präsidenten im Weißen Haus; sie hatte ein Zimmer dort. Aber schon Mitte der30er-Jahre kam es nicht mehr zu jener intimen Nähe, die beide Frauen so glücklich gemacht hatte, als sie zusammen im Auto – ganz ohne Security – die USA erforschten. Manchmal hatten sie gezeltet und auf dem Boden geschlafen. Diese Fahrten dauerten Wochen oder gar Monate. Dann wieder waren sie getrennt. Die First Lady ging ihren gesellschaftlichen Verpflichtungen nach, Lorena Hickok fuhr weiter und kümmerte sich um die Schwierigkeiten bei den Hilfsprogrammen des New Deal. Sie berichtete zum Beispiel darüber, warum das Geld oder die Sachleistungen nicht bei denen ankamen, die sie brauchten.

Briefe voller Liebe und Eifersucht

Das Telefon gab es schon, auch die Telegraphie. Aber das wichtigste Kommunikationsmittel war der Brief. Vom Briefwechsel der beiden sind um die 3200 Briefe erhalten. Im ersten von Eleanor an Hick vom 5. März 1933 heißt es: „Hick, meine Liebste, ich kann heute Nacht nicht zu Bett gehen, ohne Dir zu sagen: Es war als verließe mich heute Abend auch ein Teil von mir.“ In den Briefen verbinden sich Liebeserklärungen mit Eifersuchtsanfällen, mit Beschreibungen, wie Armen und Frauen das Leben schwer gemacht wird, mit Erwägungen, was dagegen zu tun wäre.

Hickok sprach mit Afroamerikanern, die einen Plan ausgearbeitet hatten, wie man durch eine bessere Ausbildung der jungen Schwarzen besser bezahlte Dienstmädchen aus ihnen machen könnte. Hickok, die ja einschlägige Erfahrungen hatte, meinte nur: Wenn schon Kurse, dann doch besser für die weißen Arbeitgeberinnen.

Fast alles, worüber ich hier berichte, habe ich aus einem 2016 erschienenen Buch. Es heißt „Eleanor and Hick – The Love Affair that shaped a First Lady“, erschienen bei Penguin Press. Leider noch nicht auf Deutsch. Autorin ist Susan Quinn, von der es auf Deutsch eine Colette-Biografie gibt.

Der Leser blickt in eine völlig andere Öffentlichkeit

„Eleanor and Hick“ erzählt nicht nur die Geschichte einer Liebe. Das Buch erzählt auch die Geschichte, wie ein Land aus der größten Krise seiner Geschichte herauskommt. Nicht indem es Ängste beschwört, sondern indem es Arbeitsplätze und Raum für Hoffnung schafft. Die Protagonistinnen sind nicht einfach die Guten. Der Antisemitismus der New Yorker Oberschicht, aus der die Roosevelts kommen, das mit dem Opiumhandel erworbene Vermögen der Delanos – das wird alles erwähnt. Auch der immer wieder durchbrechende rassistische Blick, den man nicht ein für alle Mal ablegen kann, wird registriert. Aber gerade das ist selbst ein Stück Hoffnung. Zeigt es doch, dass man nicht sein Leben lang in der Schublade bleiben muss, in die man geboren wurde.

„Eleanor and Hick“ ist auch eine Mediengeschichte. Zunächst weil es die Geschichte einer wichtigen Journalistin ist. Aber auch Eleanor Roosevelts Frauenpressekonferenzen sind Mediengeschichte. Und als sie auf dem Rückflug von einer Reise nach Puerto Rico eine Pressekonferenz gab, war es wohl die erste in einem fliegenden Flugzeug.

Vor allem aber blickt der Leser in eine völlig andere Öffentlichkeit. Von Roosevelt gab es in keiner Zeitung ein Foto, das ihn in einem Rollstuhl zeigte oder gar den Moment abbildete, da er von zwei Männern aus dem Auto in den Rollstuhl gehoben wurde. Nicht ein einziges. Alle Journalisten hielten sich daran, dass solche Bilder nicht veröffentlicht wurden. Seine Erkrankung hatte Franklin D. Roosevelt ereilt, als er schon ein bekannter Politiker der Demokraten war. Jeder wusste, dass er auf den Rollstuhl angewiesen war. Aber so erschien er als einer, der die Krankheit überwunden hatte. Auch seine Frauengeschichten, die er nicht wirklich versteckte, wurden nicht veröffentlicht.

Eleanor Roosevelts Freundschaft zu Lesben regte niemanden auf

Das Arrangement des Ehepaares, das getrennte Häuser hatte und getrennte Leben führte, wurde nicht skandalisiert. Die Freundschaften, die Eleanor Roosevelt mit bekannten und bekennenden Lesben hatte, scheinen niemanden – auch keinen Republikaner – veranlasst zu haben über Sodom und Gomorra im Weißen Haus zu zetern.

Eleanor Roosevelt hatte auch eine Zeitungskolumne. „My Day“ hieß sie. Von 1936 bis 1962. Heute würde man es einen Blog nennen. Am 25. Januar 1960 wandte sie sich in ihrer Kolumne dagegen, dass vier Lehrer von ihrem Job suspendiert worden waren, weil sie vor vielen Jahren einmal Mitglieder der Kommunistischen Partei gewesen sein sollten. Eleanor Roosevelt hält diesem Berufsverbot entgegen: „Ich würde mich freuen, es gäbe an jeder Schule einen Kurs, der einen lehrte, an der Demokratie teilzunehmen, also ein wirklich guter Bürger zu werden – und man kümmerte sich nicht darum, mit welchen politischen Ideen Lehrer vor vielen Jahren liebäugelten.


Weltreise, Drahtbügel und Berliner Appell

Rückblick von Arno Widmann

Hulton Archive
25. Januar 1890

Nellie Bly: Die amerikanische Journalistin Nellie Bly vollendet ihre Reise um die Welt auf den Spuren von Jules Vernes (1828–1905) Romanhelden Phileas Foggs mit spektakulärem Erfolg nicht in 80 Tagen, sondern bereits am 73. Tag.

25. Januar 1904

Kleiderbügel: Im Auftrag des Fabrikanten John B. Timberlake wird beim United States Patent Office ein Patent auf einen Kleiderbügel aus Draht beantragt. Erfinder des Drahtbügels ist Albert J. Parkhouse. Er ist Angestellter vom Timberlakes Wire and Novelty Company und geht also leer aus.

dpa
25. Januar 1982

Berliner Appell: Robert Havemann und Pfarrer Rainer Eppelmann veröffentlichen in der DDR den Berliner Appell: „Frieden schaffen ohne Waffen: 1.) Es kann in Europa nur noch einen Krieg geben, den Atomkrieg. Die in Ost und West angehäuften Waffen werden uns nicht schützen, sondern vernichten. Wir werden alle längst gestorben sein, wenn die Soldaten in den Panzern und Raketenbasen und die Generäle und Politiker in den Schutzbunkern, auf deren Schutz wir vertrauten, noch leben und fortfahren zu vernichten, was noch übrig geblieben ist. 2.) Darum: Wenn wir leben wollen, fort mit den Waffen! Und als erstes: Fort mit den Atomwaffen! Ganz Europa muss zur atomwaffenfreien Zone werden ... 3.) Das geteilte Deutschland ist zur Aufmarschbasis der beiden großen Atommächte geworden. Wir schlagen vor, diese lebensgefährliche Konfrontation zu beenden. Die Siegermächte des 2. Weltkrieges müssen endlich die Friedensverträge mit den deutschen Staaten schließen, wie es im Potsdamer Abkommen von 1945 beschlossen worden ist. Danach sollten die ehemaligen Alliierten ihre Besatzungstruppen aus Deutschland abziehen und Garantien über die Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten der beiden deutschen Staaten vereinbaren.“

Und am 25. Januar 1950 in der Berliner Zeitung

Szenen wie aus Bertoluccis Film „1900“: Mehrere Hundert Landarbeiter und landarme Bauern nahmen am Montag bei Catanzaro in Süditalien brachliegendes Land in Besitz, um es zu bearbeiten. Versuche der Polizei, die Selbsthilfeaktion zu unterbinden, scheiterten.