Es ist verzeihlich, wenn Ihnen der Name Elizabeth Olsen nichts sagt. Schließlich ist das Drama „Martha Marcy May Marlene“, das derzeit auf deutschen Leinwänden läuft, der erste Film der 23-Jährigen, der es in die Kinos schafft. Aber er ist so gut, dass die Amerikanerin in der Filmbranche als große Hoffnung gilt und sie bereits zahlreiche Kritikerpreise erhielt. Der Nachname dürfte trotzdem bekannt vorkommen. Denn Elizabeth ist die jüngere Schwester der Zwillinge Mary-Kate und Ashley Olsen.

Miss Olsen, viele junge Schauspielerinnen setzen zu Beginn ihrer Karriere eher auf leichte Kost, um ein möglichst großes Publikum zu erreichen. Sie dagegen haben sich mit „Martha Marcy May Marlene“ für sperriges Kino entschieden.

Ich mag auch romantische Komödien, so ist es nicht. Aber dieser Film war für mich bereits beim Lesen des Drehbuchs etwas Besonderes. Schon wegen der nicht-linearen Erzählweise, die ich sehr liebe. Ich fand einfach diese Figur interessanter als viele andere, die man so liest. Ich hatte Empathie für diese junge Frau, die ein wirklich ein Trauma erlitten hat, aber nicht bereit ist, sich dem Erlebten kampflos zu ergeben.

Sie spielen das subtil, manchmal nur mit einem Blick. Wie sind Sie die Rolle angegangen?

Mein Erfolgsrezept war eigentlich ganz simpel: nicht zu viel nachdenken. Einige meiner Kollegen waren irritiert, weil die Arbeitsweise unseres Regisseurs Sean Durkin wohl manchmal ungewöhnlich war und er uns zum Beispiel – der Konzentration wegen – immer mit vollem Einsatz spielen ließ, selbst wenn er nur Testaufnahmen machte. Aber da ich keine Erfahrungswerte hatte, weil dies erst mein zweiter Film war, habe ich mich einfach fallen lassen und bin in meine Rolle abgetaucht.

Ein weiterer Unterschied zu vielen Ihrer US-Kolleginnen: Sie schrecken nicht vor Nacktszenen zurück.

Zumindest nicht in diesem Fall, wo sie für den Film Sinn machten. Im Vorfeld war das ziemlich nervig, denn vor einer Nacktszene ist erst einmal jede Menge Papierkram angesagt. Da gibt es eigene Verträge, in denen ganz genau festgelegt ist, wie viele Sekunden ich in welcher Szene nackt zu sehen bin, welche Brustwarze wann gezeigt wird und aus welcher Perspektive. Das ist unglaublich spezifisch und liest sich mitunter wie eine ganz eigene, komplizierte Wissenschaft.

Waren Sie nervös?

Nicht als die Kamera endlich lief. Aber ich fand all diese Aufregung etwas anstrengend, denn sie gab der Sache viel mehr Bedeutung als nötig gewesen wäre. Wobei ich natürlich auch verstanden habe, dass es dabei darum ging, meine Rechte als Schauspielerin zu schützen. Anders als beim Theater, wo ein Nacktauftritt ja etwas Flüchtiges ist, sind solche Filmszenen für die Ewigkeit und während wir sprechen sicher schon längst im Internet zu finden. Zudem habe ich mir kurz die Frage gestellt, ob es ratsam ist, mich schon in meinem zweiten Film auszuziehen. Ich hatte nämlich keine Lust, dass das künftig jeder Regisseur von mir verlangt, nur weil ich es ja schon einmal getan habe. Aber die Sorge war unbegründet.

Seit dem Dreh zu „Martha Marcy May Marlene“ haben Sie etliche weitere Filme gedreht. Hatten Sie damit gerechnet, dass dieses Projekt Ihnen so viele Türen öffnen wird?

Ehrlich gesagt hatte ich von diesen Rollen vier schon in der Tasche, bevor „Martha Marcy May Marlene“ überhaupt Premiere feierte. Welche neuen Türen sich alle öffnen, realisiere ich gerade erst nach und nach. Es ist unglaublich aufregend, plötzlich für Projekte infrage zu kommen, von denen ich noch vor zwei Jahren nicht einmal zu träumen gewagt hätte.

Fällt es Ihnen schwer, mit dieser neuen Aufmerksamkeit umzugehen?

Was im letzten Jahr nicht immer ganz einfach war, war all die Zeit, die ich damit verbracht habe, für „Martha Marcy May Marlene“ die Werbetrommel zu rühren. Ich habe einige Jobs absagen müssen, weil wir den Film auf so vielen Festivals rund um die Welt vorgestellt haben. Und nebenbei gibt es ja auch noch mein Studium! Ich muss sagen, dass ich eine veränderte Aufmerksamkeit auch nur im beruflichen Umfeld erlebt habe. Mein privater Alltag und auch mein Uni-Leben sind eigentlich genauso wie vorher.

Haben Sie keine Angst, dass sich das ändert?

Das wird es vielleicht tatsächlich, wenn ich weiter Filme drehe, für die sich das Publikum interessiert. Aber wie ich damit umgehe, sehe ich dann, wenn es soweit ist. Noch genieße ich es einfach, meine Privatsphäre zu haben.

Wie anders es laufen kann, zeigt ja das Beispiel Ihrer Schwestern.

Oh ja, die beiden haben viel durchgemacht. Doch obwohl die Presse ihnen immer auf den Fersen war, haben sie nie aufgehört zu arbeiten. Das ist das Wichtigste, was ich von ihnen gelernt habe: Solange du leidenschaftlich liebst, was du tust, lass dich von nichts und niemandem davon abhalten. Aber davon abgesehen ist es nicht so, dass ich sie jetzt ständig um Rat frage. Ich mache meine eigenen Erfahrungen und Beobachtungen und ziehe entsprechen meine eigenen Entschlüsse.

Andere brechen das Studium ab, wenn die Kinokarriere losgeht. Warum Sie nicht?

Ich habe ja erst seit vergangenem Jahr so etwas wie eine Karriere, und zu dem Zeitpunkt war ich im Schauspielstudium schon so weit. Dann abzubrechen wäre einfach doof gewesen. Aber heute geht es nur noch um ein paar Theoriekurse, die ich hoffentlich diesen Sommer auch hinter mir haben werde. Außerdem bin ich gerne Studentin.

Das Interview führte Patrick Heidmann.