Es ist wie bei Herr der Ringe: Elon Musk muss Twitter nur noch ins Feuer stoßen

Twitter hat gespenstische Ähnlichkeit mit der Macht des Einen Rings aus J.R.R. Tolkiens Werk. Ein Piepmatz, sie zu knechten. Wirf ihn ins Feuer von Mordor, Elon!

Nur Musk kann das Leid tausender User beenden, aber hat er die Kraft 44 Milliarden Dollar wegzuwerfen?
Nur Musk kann das Leid tausender User beenden, aber hat er die Kraft 44 Milliarden Dollar wegzuwerfen?Berliner Zeitung/Florentin Münstermann

Selten hatte ein Mann die Macht, so viel Leid in so kurzer Zeit zu beenden. Wenn Elon Musk wollte, könnte er Twitter einfach löschen. Seit Donnerstag ist der reichste Mensch der Welt Besitzer des Kurznachrichtendienstes und während die Twitter-Community und vor allem linke Kreise auf der Plattform nun einen Kurs fürchten, der die Meinungsfreiheit sehr viel weiter auslegen und damit auch rechtsextreme Beiträge erlauben könnte, sollte Musk den ganzen Laden einfach dichtmachen.

Er kann die Plattform, die zu so viel Hass und Gewalt von Donald Trump bis zu linken Vernichtungsfantasien deutscher Journalistinnen und einer weltweiten Zerrüttung des öffentlichen Diskurses beigetragen hat, einfach in den digitalen Papierkorb der Geschichte verschieben. Er kann die Echokammern einreißen, dem digitalen Mob die Fackeln löschen und die Mistgabeln zerbrechen. Mit wenigen Klicks könnte die Kakophonie von Millionen aggressiven Amateuren und professionellen Hetzern verstummen.

Die Vorteile sind schlicht unendlich. Kunden der Deutschen Bahn müssten sich nicht mehr von deren Twitter-Team verhöhnen lassen. Das Geld für die Mitarbeiter könnte stattdessen in die Pünktlichkeit der Züge investiert werden. Ministerien würden keine Parteipolitik über Twitter-Kanäle mehr betreiben, Professoren, Schauspieler und der Otto Normalverbraucher würden nicht mehr ihre Jobs verlieren, weil sie auf Twitter mal einen unverschämten oder beleidigenden Kommentar hinterließen. Auch Elon Musk selbst müsste nicht mehr auf Twitter mit dem russischen Ex-Präsidenten Dmitri Medwedew die Lage im Ukraine-Krieg besprechen. Doch vor allem: Die Menge an Desinformation, die tagtäglich die Hirne von zahllosen Bürgern mit verknappten, falschen und irreführenden Informationen verschmutzt, würde dramatisch sinken.

Was hat Twitter bloß aus harmlosen Familienvätern und -müttern gemacht, die plötzlich geifernde Kommentare unter irgendwelche verwackelten Videos setzen? Wie wurden aus liebenswerten Nachbarn User, die anderen tagtäglich Vergewaltigung und Tod wünschen? Das Dopamin, das ausgeschüttet wird, wenn man sich über die unmaßgeblichen Meinungen von irgendwelchen Menschen am anderen Ende der Welt erregt, treibt die giftigen Blüten missgünstiger und boshafter Debatten, deren Wurzeln die Fundamente der Demokratie untergraben. Wer gedacht hat, wenn sich erst alle zu allem äußern können, werden wir einander besser verstehen, muss sein Menschenbild korrigieren. Es ist eine unheimliche Macht, die Twitter entfesselt hat.

Illustration: Berliner Zeitung/Uros Pajovi

Ja, Twitter hat auch gute Seiten. Menschen, die von klassischen Medien geschnitten wurden, auch Experten oder Politiker, können sich direkt an die Öffentlichkeit wenden. Informationen von Einzelpersonen, die sich nie an Medien gewandt hätten, erreichen die Bevölkerung. Doch der Preis für einen Online-Mob, der Veranstaltungen verhindert, Karrieren wie Menschenleben ruiniert und selbst Staaten gefährden kann, ist zu groß.

Je mehr man über Twitter nachdenkt, desto mehr erinnert der blaue Piepmatz mit seiner ungeheuren Gabe, die Menschen zu verführen und dabei zu zersetzen, an die Kraft des Einen Rings aus J. R. R. Tolkiens Meisterwerk „Der Herr der Ringe“. Auch dort verzehren sie sich alle nach dem Ring, nach seiner Kraft, während er sie aussaugt und furchtbar verwandelt. Unsichtbar lässt er sie werden, wie Millionen Menschen, die unter falschem Namen auf Twitter Gift versprühen. Ein Piepmatz, sie zu knechten.

Und doch sieht es derzeit nicht so aus, als würde Musk den Laden löschen. Zwar entließ er am Donnerstag als erstes das Führungsteam seiner neusten Anschaffung, doch der Enthauptungsschlag soll wohl nur Platz für einen neuen Kopf machen. Musk, so munkelt Twitter, könnte sogar selbst übergangsweise CEO werden. Wie der Menschenkönig Isildur auf den Hängen des Schicksalsbergs in Mordor, nachdem er Sauron die Hand mit dem Ring abgeschlagen und damit die Schlacht entschieden hatte, nimmt er den Ring an sich. Man will Musk zurufen, wie der Elfe Elrond es Isildur über dem Lavameer im Inneren des Schicksalsbergs zurief: „Wirf ihn ins Feuer. Nur so kann er zerstört werden.“ Isildur behielt ihn. Vielleicht ist Musk stärker.