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Unter dem Pflaster der Strand? So weit ist es noch nicht in Holland. Zum Ende des Parteitags der Linkssozialisten SP im Stadttheater von Breda regnet es aber immerhin schon mal rote Wasserbälle von der Decke. Wild hüpfen sie über die Köpfe der Delegierten. Auf der Bühne spielt eine Band den neuen Wahlkampfsong „Einer für alle“, unten im Saal wippt Emile Roemer im Takt. Gerade haben ihn die Delegierten zum Spitzenkandidaten für die Parlamentswahl im September erklärt. Gerade haben sie ihn mit „Emile, Emile“ Rufen gefeiert. Und gerade hat Roemer gegen die liberalen Kräfte des Marktes den sozialen Wert der Solidarität beschworen und den „lieben Parteigenossen“ zugerufen: „Wir bestehen seit vierzig Jahren. Wir kämpfen für bessere Niederlande. Und wir stehen nun an dem Punkt, uns in der Regierung zu beweisen.“

Der Anspruch klingt mutig. Aber er ist nicht vermessen. Emile Roemer, 49, könnte im September der erste linkssozialistische Regierungschef der Niederlande werden. Die Wähler des Landes gelten zwar als äußerst sprunghaft. Doch Roemers Partei liegt in Umfragen vor den Sozialdemokraten und nur knapp hinter den Rechtsliberalen von Premierminister Mark Rutte – nur fehlen diesem nach dem gescheiterten Duldungsexperiment mit dem Rechtspopulisten Geert Wilders die möglichen Bündnispartner. Roemer verkündet selbstbewusst: „Ich war stolz, ich bin stolz und bleibe stolz, einer sozialistischen Partei anzugehören.“

Europas neue Linke

Die linke Revolution in Holland kommt eher bürgerlich daher. Roemer trägt das Haar zurückgeföhnt, dazu schwarzen Anzug, weißes Hemd und eine rote Krawatte. Wer näher tritt, erkennt auf dem Binder eingestickte Tomaten mit Sowjetstern. Es ist die letzte Reminiszenz an die anarchistisch-maoistische Vergangenheit der 1972 gegründeten SP. Die Monarchie wollte man damals abschaffen und aus der Nato austreten.

Das alles ist im Lauf der Jahre auf der Strecke geblieben. Links freilich ist Roemer immer noch. Er wirbt für Gleichwertigkeit und Solidarität, und er wettert gegen den Liberalismus. Sein liebstes Beispiel für die entfesselten, versagenden Kräfte des Marktes ist die Privatisierung der Post. Gern spricht Roemer deshalb über den Postboten. Schlechte Bezahlung, schlechter Service. „Das taugt nichts, und das schlucken wir auch nicht.“.So einfach geht Kapitalismuskritik heute.

Was treibt Roemer an?

Er klingt kämpferisch, und doch wirkt Roemer ein bisschen hausbacken. Der Grundschullehrer ist verheiratet und hat zwei Töchter. Und damit das alles nicht ganz so blass klingt, erzählen sie in der Partei gerne, dass er Hardrock liebt, Luftgitarre spielt und dabei gern den Headbanger gibt, selbst an Heilig Abend. Was treibt diesen Mann? Theo Weenink kann es erzählen. „Er ist ein ganz normaler Mensch“, sagt Weenink über seinen Freund Roemer. „Er wird in der Debatte nie persönlich. Es geht ihm stets um eine inhaltliche Auseinandersetzung.“

Weenink hat damals Seite an Seite mit Roemer gekämpft. Von Haustür zu Haustür sind sie im Wahlkampf gezogen. Die roten Jehovas hat man sie in Boxmeer genannt. Weil man ihnen zwar zuhörte, sie bei den Wahlen aber leer ausgingen. Beharrlich haben sie das Feld beackert.

1994 sind sie erstmals in den Rat der Stadt eingezogen. Weenink, der Mann, der mit Behinderten arbeitet und Roemer, der Lehrer. 2002 ist Roemer zum Beigeordneten in Boxmeer aufgestiegen. Aufgabengebiet: Soziales und Finanzen. 2006 folgt der Wechsel ins Parlament nach Den Haag. Heute ist er dort Fraktionschef der SP. Kann der auch Premier? „Der kann das“, sagt Weenink.„Roemer kann Menschen unterschiedlicher Meinung zusammenbringen und anderen zuhören.“ Eine wichtige Eigenschaft in einem Land, dessen Regierung klassisch auf Mehrparteienkoalitionen beruht.

"Für ein soziales Europa"

Auf dem Parteitag in Breda spricht Roemer kämpferisch: Die SP sei „nicht gegen Europa, sondern für ein soziales Europa“. Aber man werde „Brüssel nicht kritiklos hinterherlaufen“. Die Partei ist gegen Eurobonds, gegen die Erhöhung des Rentenalters und gegen Einsparungen im Gesundheitssystem. So ist es schön, so soll es bleiben. Das klingt nach viel Besitzstandswahrung. Viel Sozialromantik. Und Populismus.

„Wir sind keine populistische Partei“, sagt Roemer im Gespräch. „Populistische Parteien reden den Menschen nach dem Mund. Wir machen eine Analyse und suchen dann nach Lösungen.“ Roemer sagt: „Die Menschen vertrauen uns, weil wir ihre Sprache sprechen. Und weil wir glaubwürdig sind. Wir haben immer konsequent gearbeitet.“

Im Stadttheater dominiert die Generation 50plus in Jeans sowie die Generation Protest – aber ohne Hipsterbart und Hornbrille. Ganz normale Menschen, das hört man immer wieder. Über die Basis. Über die Wähler. Und über Roemer. Doch es gibt auch ein bisschen Pop. Am Parteitagsstand liegen rote T-Shirts mit Roemers Konterfei und dem Aufdruck „Doe effe sociaal man“– Mach mal sozial, Mann. Eine kleine Anspielung auf Geert Wilders, der Premier Rutte mit den Worten beleidigte: „Mach mal normal, Mann.“

Ansonsten mögen sie Anspielungen auf Wilders Populismus gar nicht. Auch der hat zuletzt versucht, sich als Hüter des Wohlfahrtsstaats zu profilieren und das Thema Migration zurückgefahren. „Der ist rechts, wir sind links“, heißt es bei der SP. Wilders, einziges Mitglied seiner Freiheitspartei, poltert von oben herab. Die SP, knapp 50 000 Mitglieder, Tendenz steigend, versteht sich als Bewegung von unten. Und als Aufstand der anständigen Randständigen.

Es ist nämlich kein Zufall, dass der Wahlkampf in Breda startet. Dort in Limburg und Brabant, im ländlichen, katholischen Süden der Niederlande, ist die SP groß geworden. Sie lässt sich als Protest der Peripherie gegen die Banker und Politiker im reichen Amsterdam und in Den Haag verstehen, die den Wohlfahrtsstaat im Kasino-Kapitalismus verspielt haben. Roemer sagt: „Wir haben eine gute Welt von unseren Eltern geerbt. Und wir wollen unseren Kindern eine gute Welt weitergeben.“

SP als letzte unverbrauchte Alternative

Die alten Niederlande bewahren, so konservativ klingt Hollands neue Linke. Der junge Publizist Pieter van Os erklärt den Wandel der politischen Landschaft so: „Hollands etablierte Parteien sind immer weiter in die Mitte gerückt. Sie haben ihr Profil durch Kompromisse verwässert. Und hier gilt traditionell: Wer an der Macht ist, wird abgestraft.“ Bleibt die SP als letzte unverbrauchte Alternative. „Die SP ist Sozialdemokratie – ohne den dritten Weg“, sagt Pieter van Os. Ein letzter Versuch zurück in die heile Welt des 20. Jahrhunderts.

Wer übrigens fragt, wie es damals eigentlich geendet hat mit dem Schwimmbad, dem sagt Theo Weenink:. „Es wurde geschlossen.“ Aber dann fügt er trotzig hinzu: „Wir waren die Einzigen, die versucht haben, das zu verhindern.“