Crawinkel - An die Wände der kleinen Heimatstube in Crawinkel sind Gleise geklebt. Gleise, wie man sie für Modelleisenbahnen verwendet. Sie verbinden große Schautafeln miteinander, die ein Jahrhundert Geschichte erzählen.

Die kleinen Gleise verlaufen nicht gerade an den Wänden, sie vollführen zwischen den Tafeln Schlangenlinien. Als wollten sie in Erinnerung rufen, dass auch Geschichte nie linear verläuft. Dass sie immer Umwege und jähe Wendungen nimmt. Und dabei auch Menschen und Dinge mit sich reißt und an Orte verschlägt, wo sie eigentlich nicht hingehören. So ist es auch in Crawinkel passiert, einem Dorf am Fuße des Thüringer Waldes.

An der Tür zum Bienenhaus

„Die Klinken waren an der Tür von unserem Bienenhaus“, sagt Doris Gehrhardt. Die 79-Jährige steht in der Heimatstube von Crawinkel und holt vorsichtig zwei Türgriffe aus einer gläsernen Vitrine. Sie sind aus Kupfer und so eigenwillig geformt, als habe sie ein Kunstschmied angefertigt. „Mein Vater war das“, sagt die lebhafte ältere Dame stolz. „Er hat sie aus Kupferblech gemacht, mit dem das Dach von dem Waggon im Wald gedeckt war. Das Blech hat er damals selbst abmontiert und in seine Werkstatt nach Hause geschafft, wo er alles Mögliche daraus baute für die Crawinkler: Pfannen, Töpfe, Türbeschläge. Es gab ja nichts nach dem Krieg.“

Der Waggon im Wald, von dem Doris Gehrhardt spricht, ist der wohl berühmteste Eisenbahnwaggon der Weltgeschichte. Der ehemalige Speise- und Salonwagen der französischen Eisenbahngesellschaft Compagnie Internationale des Wagons-Lits – sie war einst der größte Betreiber von Schlafwagen und Luxuszügen wie dem Orient-Express – ist als „Wagen von Compiègne“ in die Geschichte eingegangen. Sein Schicksal, das eine Waldlichtung in Nordfrankreich mit einem kleinen Dorf in Thüringen verbindet, ist auf den Tafeln in der Crawinkler Heimatstube dokumentiert.

Vor 100 Jahren, am 11. November 1918, wurde in dem Waggon das Ende des Ersten Weltkrieges besiegelt. Nach viertägigen Verhandlungen unterzeichneten dort, auf der Waldlichtung bei Compiègne, Vertreter der neuen deutschen Reichsregierung und der Armeeführung den von Vertretern der Entente-Mächte Frankreich und Großbritannien diktierten Waffenstillstand für die Westfront. Damit wurde der 1914 gebaute Waggon mit der Nummer 2419 D zum wichtigsten Symbol des historischen Triumphes der französischen Nation über das deutsche Kaiserreich. Und für Deutschland gleichzeitig zum Sinnbild der Schmach einer Niederlage gegen den sogenannten Erbfeind.

Endstation Crawinkel

Als Hitlerdeutschland 1940 Frankreich überfiel und besetzte, ließen die Nazis dann – auch als besondere Demütigung – die Vertreter der französischen Regierung im „Wagen von Compiègne“ die Kapitulation unterzeichnen. Anschließend befahl Hitler, den Waggon in die Reichshauptstadt transportieren zu lassen, wo er als Kriegsbeute zur Schau gestellt wurde.

1944 – Berlin war zu dieser Zeit immer häufiger Ziel der alliierten Bombenangriffe – ging der Waggon auf seine letzte Reise, nach Thüringen. Zunächst war er in Ruhla abgestellt, bevor er Ende März 1945 in das rund 50 Kilometer entfernte Crawinkel gefahren wurde, wo er wenige Wochen später ausbrannte.

„Zeitzeugen haben mir berichtet, dass sie am 1. April 1945 den Waggon das erste Mal in Crawinkel gesehen haben“, erzählt Klaus-Peter Schambach. „Sie sind damals als Jugendliche herumgestreift und haben den Wagen mit seiner auffälligen französischen Aufschrift auf einem Nebengleis hinter dem Bahnhof entdeckt. Als sie näher herangingen, um ihn sich anzuschauen, wurden sie von SS-Leuten verscheucht, die den Waggon bewachten.“

Der geheimnisvolle Wagen

Klaus-Peter Schambach, ein 46-jähriger IT-Experte und Angestellter einer Computerfirma, ist Vorsitzender des Fördervereins Alte Mühle, der sich der Heimatgeschichte und Traditionspflege in Crawinkel verschrieben hat. Das Spezialgebiet des Hobbyhistorikers ist aber der „Wagen von Compiègne“, der seinen verschlafenen Heimatort in die Weltgeschichte katapultiert hat. 

Stundenlang kann Schambach über die historischen Verästelungen referieren, die aus seiner Sicht geradezu zwangsläufig Weltstädte wie Paris und Berlin mit Crawinkel verbinden. Sogar ein Buch hat er zusammen mit einem Kollegen über das Thema veröffentlicht. „Geheime Fahrt – Der legendäre Waffenstillstandswaggon. Von Hitler erbeutet – in Thüringen zerstört“ heißt es und ist jetzt, pünktlich zum 100. Jubiläum des Weltkriegsendes, in einer überarbeiteten Neuauflage erschienen.

Zu seinem Lieblingsthema gekommen ist Schambach über seinen Großvater. „Der hatte seinen Hof am Bahnhof und mir immer wieder erzählt von dem geheimnisvollen Wagen, dem berühmtesten Eisenbahnwaggon der Welt, den er hier gesehen hatte“, sagt er. „Und nach der Wende, als man in Crawinkel offener über das Thema reden konnte, habe ich angefangen zu recherchieren und mit Zeitzeugen zu reden über diese faszinierende Geschichte.“

„Dass der Waggon zerstört wurde, heißt ja nicht, dass nichts mehr davon da ist“

Auch die Ausstellung über den historischen Waggon in der Heimatstube der 2008 restaurierten Alten Mühle hat im Wesentlichen Schambach gestaltet. Wenn man sich von ihm durch den kaum 20 Quadratmeter großen Raum mit seinen Schautafeln, Aktenordnern, Fotos und Vitrinen führen lässt, dann ist der 46-Jährige in seinem Element. Zu jedem Exponat kann er Geschichten erzählen. 

Vor allem zu den Dingen, die aus dem zu Kriegsende ausgebrannten historischen Salonwagen stammen und nun in den Glasvitrinen der Heimatstube liegen. „Dass der Waggon zerstört wurde, heißt ja nicht, dass nichts mehr davon da ist“, sagt Schambach und grinst. „Es gibt nicht wenige Menschen in Crawinkel, in deren Häusern bis heute noch einzelne Teile des Wagens aufbewahrt werden.“

Und das sind nicht nur die Pfannen und Türbeschläge, die Doris Gehrhardts Vater aus dem Kupferblech des Wagendachs hergestellt hat. In der Crawinkler Heimatstube kann man noch weitere Gegenstände besichtigen, die aus dem historischen Waggon stammen und von Einwohnern des Ortes in den vergangenen Jahren dem kleinen Museum übergeben worden sind.

Erfindungsreiche Waggonplünderer

Das jüngste Exponat etwa, das der Heimatverein erhalten hat, ist ein etwa 15 Zentimeter großes bronzenes A. Der Buchstabe stammt aus dem Namen der französischen Eisenbahngesellschaft, der der Salonwagen gehörte. Er war außen am Waggon angebracht. Eine Familie aus dem Ort, die allerdings ungenannt bleiben will, hat ihn als Leihgabe an Schambach übergeben. Mitsamt einem Foto, auf dem zu sehen ist, wo das A vorher hing – an der Toilettentür des Hofes der Familie.

„Früher waren die Toiletten auf den Bauernhöfen außerhalb des Wohnhauses, in einem Verschlag nahe der Jauchegrube“, erklärt Schambach. „Deshalb auch der Begriff Abort. Und hier hatte der Großvater eben das Abort mit dem Buchstaben A gekennzeichnet, den er zuvor vom Waffenstillstandswaggon abgeschraubt hatte.“

Auch andere Waggonplünderer zeigten sich erfindungsreich. Eine Frau nähte aus den bunten Vorhängen des Salonwagens eine Kinderjacke und weitere Kleidungsstücke. Ein Zahnarzt aus Ruhla baute einen metallenen Fensterrahmen aus und setzte ihn in seiner Praxis ein.

Unterkunft für ehemalige Zwangsarbeiter

Zu sehen sind in der kleinen Ausstellung in Crawinkel auch Kleiderbügel aus dem Waffenstillstandswaggon, die den Namen der Eisenbahngesellschaft tragen. In einer Ecke steht eine schwere Eisenkanne, die aus der Küche des Salonwagens stammt. Eine Familie hatte sie zur Gießkanne für den Garten umfunktioniert. „Die Frau, die uns diese Kanne gab, erinnerte sich noch daran, wie sie als Kind mit diesem Monstrum immer die Blumen gießen musste“, erzählt Schambach.

Wie kommt es aber, dass noch so viele Ausstattungsgegenstände erhalten geblieben sind, wenn der Waggon doch zu Kriegsende ausgebrannt sein soll? Klaus-Peter Schambach hat auch dafür eine Erklärung: Nach seinen Recherchen hat der Wagen nur ein paar Tage am Bahnhof des Dorfes gestanden und ist dann einige Kilometer weiter auf ein Nebengleis in den Wald zwischen Crawinkel und Ohrdruf geschoben worden. „Zum Glück, denn am 6. und 7. April wurde der Ort, in dem die zurückweichende Wehrmacht noch eine Verteidigungsstellung eingerichtet hatte, von alliierten Bombern angegriffen und erheblich zerstört“, sagt Schambach. „Drei Tage später kamen dann die Amerikaner und besetzten Crawinkel.“

Ein Zeitzeuge hat ihm vor ein paar Jahren berichtet, dass er am 11. April 1945 im Wald auf den Waffenstillstandswaggon gestoßen war. „Er sei eingestiegen und habe sich den Wagen angeschaut. Alles sei noch drin gewesen: der große Konferenztisch mit der Glasplatte, an dem die Militärs 1918 und 1940 gesessen haben, Dokumente in französischer und deutscher Sprache.“

Aber er habe damals auch Hinweise darauf gefunden, dass offenbar frühere Zwangsarbeiter, die zuvor in der Gegend eingesetzt waren, den Waggon im Wald nun als Unterkunft nutzten. Einen Tag später, am 12. April 1945, sei der Wagen dann teilweise ausgebrannt gewesen – ob das Feuer durch Unachtsamkeit entstand oder mutwillig gelegt wurde, wisse man bis heute nicht. „Auf jeden Fall machten sich damals mehrere Leute aus Crawinkel auf den Weg und holten aus dem Eisenbahnwagen noch alles raus, was man einigermaßen gebrauchen konnte“, sagt Schambach.

Besonders gute Federung

Einige Zeit später habe dann eine Lok den durch das Feuer und die Plünderungen erheblich beschädigten Waggon nach Gotha gezogen. Am dortigen Hauptbahnhof war von den Amerikanern ein Sammelpunkt für Lokomotiven und Eisenbahnwagen eingerichtet worden, die die Deutschen aus den besetzten Gebieten geraubt hatten und die nun dorthin zurückgeschafft werden sollten. Der „Wagen von Compiègne“ jedoch wurde wegen seiner erheblichen Beschädigungen aussortiert – vermutlich wussten die Amerikaner nicht, dass es sich um den historischen und für ihre französischen Alliierten so bedeutsamen Waffenstillstandswaggon handelte.

„Weil aber das Fahrgestell des Wagens noch intakt war, benutzte es die DDR-Reichsbahn ab den Fünfzigerjahren als Unterbau für einen Werkswagen“, sagt Schambach. „Der war nach einigen Umbauten noch bis zum Jahre 1986 im Dienst. Dann brach wegen einer Überlastung der Längsträger, und der Wagen wurde endgültig verschrottet.“

Hat niemand gewusst, was für ein historisches Gefährt dort auf den DDR-Schienen unterwegs war? Schambach zuckt die Schultern. „Bei der Reichsbahn dürfte das schon einigen Leuten bekanntgewesen sein, zumal diejenigen, die mit dem Werkswagen unterwegs waren, stets die außergewöhnliche Qualität und Federung des Untergestells lobten“, sagt er. „Der Wagen wurde von den Eisenbahnern Kanapee genannt, weil er so ruhig fuhr und weil die Form des Untergestells eben auch an ein Sofa mit weicher Kuhle erinnerte. Aber in Frankreich wusste offenbar niemand etwas davon – sonst hätte sich Paris bestimmt stark dafür gemacht, die originalen Reste zu bekommen.“

„Wir wollen die Geschichte teilen“

In Crawinkel selbst war die Plünderung des Waggons jahrzehntelang ein Tabuthema. „Es wussten alle, aber es hat niemand darüber gesprochen“, erzählt Schambach. „In der DDR konnte man sich ja nie sicher sein, ob einem daraus nicht noch Nachteile erwachsen.“

Erst nach der politischen Wende und der Wiedervereinigung fingen die Leute an zu reden. Anlass war ein vom damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker ausgerufener Geschichtswettbewerb für die Schulen. Ein Ohrdrufer Lehrer ging mit seinen Schülern auf Spurensuche, sie sprachen mit Einwohnern und ließen sich die Geschichte des „Wagens von Compiègne“ erzählen. Sogar einige Originalteile konnten die Schüler einsammeln und an das Museum in Compiègne, wo heute ein Nachbau des Waggons steht, übergeben.

Klaus-Peter Schambach setzt bis heute diese Nachforschungen fort. Mit Erfolg: In den vergangenen Jahren hat er zusammen mit seinem Heimatverein weitere Originalteile, die noch in den Crawinkler Häusern lagen, an das Museum in Nordfrankreich übergeben können. Darunter sind etwa Handläufe aus Messing und weitere Buchstaben, die von der Außenwand des Wagens abmontiert worden waren.

„Wir wollen ja nicht alles für unser Museum behalten, sondern die Geschichte teilen“, sagt er. Und dann fügt er noch hinzu, wie froh er sei, dass es den originalen „Wagen von Compiègne“ nicht mehr gibt. „Er war ein Symbol des Hasses zwischen Frankreich und Deutschland. Es ist gut, dass er weg ist.“