Der unfertige Gedanke 19: Endgame

Der Krieg als bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln? „Krieg bleibt Politik, er endet wieder in Politik“, schreibt unser Essayist Florian Havemann.

Ukrainische Soldaten durchstreifen ein ausgetrocknetes Sonnenblumen-Feld.
Ukrainische Soldaten durchstreifen ein ausgetrocknetes Sonnenblumen-Feld.Imago

Man sagt zu Soldaten: Diese Brücke da, verteidigt sie, haltet sie, solange es geht, der Feind will mit seinen Truppen über diese Brücke kommen. Ihr müsst versuchen, das zu verhindern. Der Feind ist stark, wahrscheinlich wird es nicht möglich sein, diese Brücke auf Dauer zu verteidigen. Aber wir müssen Zeit gewinnen, damit wir anderswo unsere Truppen in die Schlacht führen können. Der Angreifer darf nicht gewinnen, und er muss verstehen lernen, dass er den Krieg nicht gewinnen kann.

Wir müssen standhalten, auch noch ein paar Schlachten gewinnen, damit der Feind bereit ist, mit uns Friedensverhandlungen aufzunehmen, wenigstens erst einmal Verhandlungen über einen Waffenstillstand. Wir können nicht aus der Schwäche heraus mit dem Feind verhandeln. Es kann passieren, dass ihr dabei draufgehen werdet, ob nun verwundet oder tot, aber der Dank des Vaterlandes ist euch gewiss. Wir sorgen für eure Witwen, eure Kinder, und eine Prothese gibt es auch, wenn es nötig ist. Eure Überlebenschance ist gering – auf in den Kampf!

Es wird vielleicht in jedem Krieg Soldaten geben, mit denen man so reden kann, aber es gibt ja nicht ohne Grund in einer Armee Befehl und Gehorsam und dann auch noch Strafen bei Befehlsverweigerung. Bei Wikipedia liest es sich so:

„Die Verweigerung des Gehorsams gegenüber einem legalen Befehl ist in allen Armeen der Welt ein strafbares Vergehen oder sogar ein Verbrechen, das mit schweren Strafen geahndet wird. Früher wurde es nicht selten mit Erschießung geahndet.“

Mit einer solchen Erschießung endet das eigene Denken, bis dahin aber ist es nicht zu verbieten. Den Soldaten und ihren Offizieren nicht, den Angehörigen dieser Menschen nicht, deren Leben in Gefahr ist, der Gemeinschaft nicht, zu denen sie gehören, der Gesellschaft nicht. Im Dritten Reich wurde die Äußerung solcher Gedanken als Wehrkraftzersetzung unter Strafe gestellt, mit der Todesstrafe bedroht.

Die Gleichschaltung der Medien wird von kriegführenden Staaten angestrebt, auch damit solche Gedanken nicht öffentlich geäußert werden können. Stattdessen Propaganda, und die Propaganda muss immer eines versuchen: die Beziehung zwischen Leben und Tod des Einzelnen und den staatlichen und militärischen Entscheidungen, die alle falsch sein können, zu verwischen, sie im Denken auszulöschen.

Florian Havemann ist Künstler, Autor und ehemaliger Verfassungsrichter.
Florian Havemann ist Künstler, Autor und ehemaliger Verfassungsrichter.Berliner Zeitung/Markus Wächter

Stattdessen dann: der besondere Opfermut, der Heldentod, die unschuldigen zivilen Opfer, die den Kampfeswillen anfachen sollen. Stattdessen: die Überhöhung zu einem Kampf zwischen Gut und Böse, der konkret doch der zwischen Soldaten auf dem Schlachtfeld ist. Stattdessen: der Endsieg, die Ausrichtung auf einen Sieg, der nur in der Vernichtung des Gegners bestehen kann, die totale Kapitulation des Feindes. Und eines Tages wird dann doch verhandelt. Womöglich auch über Gebietsabtretungen, über die Brücke, die es unbedingt zu halten galt. Bis zur letzten Patrone, bis zum letzten Mann.

„Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.“

So Clausewitz in seinem berühmten Buch „Vom Kriege“, und zu ergänzen wäre hier: Krieg bleibt Politik, er endet wieder in Politik. Und anzumerken wäre noch: Dass am Ende eines dritten, mit Nuklearwaffen ausgetragenen Krieges keine Politik mehr zu machen wäre.

„Der Krieg ist also ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen.“

So Clausewitz, und das mag gelingen oder nicht gelingen, und zu ergänzen wäre hier: Dass es auch dann, wenn alle Schlachten siegreich geschlagen sind, nicht immer möglich ist, dem Gegner den eigenen Willen aufzuzwingen. Anzumerken wäre: Dass man nicht nur den Krieg, sondern auch den Frieden gewinnen muss. Auf den Willen kommt es entscheidend an. Den jedes einzelnen Soldaten, den der militärischen und politischen Führung, auf den Willen zum Sieg, der in einer Bevölkerung mobilisiert werden kann. In einer Gesellschaft, in der das Leben eines Menschen soviel nicht zählt, ist leichter mit hohen Opferzahlen zurechtzukommen. Ein Glauben – der einer Religion, einer Ideologie. Der Nationalismus macht es einer Gemeinschaft und dann auch für den Einzelnen erträglicher, wenn viele Menschenleben, auch das eigene, zu opfern sind.

Der moderne Krieg mit seinen Massenheeren, der allgemeinen Wehrpflicht, den Attacken auf die Zivilbevölkerung, den Materialschlachten, die eine arbeitende Bevölkerung voraussetzen, die dieses Kriegsmaterial herstellt, tendiert dazu, zum Vernichtungskrieg zu werden – nur so sind alle Kräfte zu mobilisieren, nur mit der Aussicht auf einen Endsieg. Eine politische Führung, die einen anderen Ausgang des Krieges einkalkuliert, handelt verlogen, behauptet sie, den Sieg anzustreben, der einer Vernichtung des Gegners gleichkommt. Ihr Wille ist in sich geschwächt – da hilft dann nur die Propaganda starker Sprüche. Der Kampf gegen das Böse.

Gegen das absolut Böse – nur können wir bei denen, die unter diesem Motto zum Kampf antreten, nicht mehr annehmen, dass sie die westlichen Werte verteidigen. Im aufgeklärten Westen kann jede Privatperson für sich dies oder jenes als das Absolute setzen. Oder auch ohne dergleichen auskommen. Dem Staat sprechen wir den Absolutheitsanspruch ab. Und damit auch das Recht, er könne für seine Bürger entscheiden, was als absolut zu setzen sei. Es gehört, dies zu tun, nicht zu den Aufgaben des Staates. Im westlichen Rechtssystem gibt es das absolut Böse nicht. Noch nicht einmal das Böse.

Henry Kissinger, Sicherheitsberater von Richard Nixon, unter Gerald Ford dann Außenminister der Vereinigten Staaten von Amerika, sicher ein Zyniker der Macht, aber als Zyniker auch jemand, der sich nichts vormachen lässt, keinen ideologischen Moden folgen will – ein Realist, so würde er sich sicher nennen lassen. Nun ist er so alt, 99 Jahre schon, da muss er keine Illusionen mehr verbreiten, die manchmal auch für einen Realpolitiker unumgänglich sind, er spricht einfach aus, was er denkt.

„Es ist eine militärische Besonderheit des Ukrainekonflikts, dass dort zwei nukleare Kontrahenten einen konventionellen Krieg auf dem Territorium eines dritten Staates austragen, der natürlich viele Waffen von uns hat.“

Vielleicht ist dem ja so, aber ich lese es doch mit Staunen: Bisher ist uns doch immer gesagt worden, die Ukraine verteidige sich gegen einen russischen Angriff. Aber nun, so jedenfalls folgen wir der Einschätzung von Henry Kissinger, haben wir es wohl eher mit einer Art Stellvertreterkrieg zu tun, bei der ukrainische Soldaten ihr Leben für uns im Westen riskieren.

Für die Vereinigten Staaten, die – folgen wir dem Professor Mearsheimer, auch er ein Anhänger der realistischen, neorealistischen Schule – das Ziel verfolgen, Russland als Großmacht auszuschalten. Damit sie sich ihrem eigentlichen Gegner, China, zuwenden können. Nix da mit Moral, keine Rede von den Werten, die die Ukraine verteidigt, und die auch unsere Werte sein sollen. Keine Propaganda, kein Schmus, einfach so, Großmachtpolitik ganz nackt. Wenn's denn stimmt, und nicht nur die windige Interpretation eines Yale-Professors ist, der die neuen Realitäten in seine alte Theorie einordnen will, endlich auch mit seiner bisher nur minoritären Position die Aufmerksamkeit bekommt, die ihm bisher verwehrt geblieben ist, wenn es wirklich das Ziel der amerikanischen Regierung ist, Russland als eine Großmacht auszuschalten, dann käme dieses Ziel politisch wahrscheinlich der ukrainischen Regierung entgegen.

Ob es militärisch zu erreichen wäre, das ist dann noch eine andere Frage, auch die, ob es denn ein realistisches Ziel ist, ob die Opfer, die es von der Ukraine verlangt, nicht vielleicht doch irgendwann zu groß werden, und die realistischere Option dann doch darin besteht, mit dem verhassten Aggressor in Verhandlungen einzutreten. Russland so zu schwächen, dass es sein ukrainisches Abenteuer aufgibt, seinen westlichen Nachbarn in Frieden lässt, und das nicht nur für ein paar Jahre, und dann folgt der nächste Angriff – vielleicht ist es den Soldaten an der Front, denen, die irgendwo eine Brücke gegen den russischen Vormarsch verteidigen oder nun auch offensiv gegen den Feind vorgehen, auch zu vermitteln, und dann riskieren sie ihr Leben dafür, opfern sie sich für dieses Ziel.

Es bliebe jedoch die Frage nach dem Warum, nach dem Grund, warum die USA Russland als Großmacht ausschalten wollen, anstatt mit ihm zu kooperieren – wie Mearsheimer annimmt, um sich ihrem eigentlichen Gegner, also China zuwenden zu können, die Vormachtstellung der USA im pazifischen Raum zu sichern.

Der Pazifik ist von der Front in der Ukraine doch weit entfernt, und wie soll das noch dem ukrainischen Soldaten vermittelt werden: Du riskierst dein Leben, du opferst dich dafür, damit der Ami im fernen pazifischen Ozean den Chinesen in Schach halten kann. Der Chinese hat dir doch nichts getan, er bietet dir womöglich demnächst die Verlängerung seiner Seidenstraße bis auf ukrainisches Gebiet an, und dann könnt ihr gute Geschäfte miteinander machen. Weltpolitik, Geostrategie, und der kleine Befehlsempfänger hat nur ein Leben, sein Leben; und Überleben, das bloße Überleben, ist vielleicht doch eine bessere Option, als zwischen den Mühlsteinen von Großmacht-Interessen zermalmt zu werden. Der Soldat darf nicht wissen, was für ein Spiel gespielt wird. Er darf nicht zum Nachdenken kommen.

Die Befehlskette muss unbedingt intakt bleiben. Sie darf nicht unterbrochen werden. Sonst befehligt der Oberbefehlshaber bald nur eine Geisterarmee, die Truppenteile kämpfen auf eigene Faust, und was wird dann aus der Politik, verselbständigt sich der Krieg ganz und gar. Der Prinz von Homburg sah auf dem Schlachtfeld eine Chance sich vor ihm auftun, er rückte mit seinem Bataillon vor. Er hatte aber den Befehl, dort standzuhalten, wo er mit seinen Leuten hingestellt worden war. Er kam vors Kriegsgericht. Im Pulverdampf der Schlacht ist leicht der Überblick zu verlieren. Aber ein Napoleon musste stur auf seinem Feldherrenhügel bleiben. Die linke Flanke wankt – was nun? Wir schicken einen Ordonanz-Offizier zu dem Mann mit dem Dreispitz. Es ist nicht leicht, zu ihm durchkommen, Detonationen überall, die Leichen, die haufenweise herumliegen. Aber dann kann doch Meldung erstattet werden.

Henry Kissinger (rechts) trifft im September dieses Jahres den chinesischen Außenminister Wang Yi.
Henry Kissinger (rechts) trifft im September dieses Jahres den chinesischen Außenminister Wang Yi.Imago

Napoleon, das Kriegsgenie, überlegt kurz, er gibt kurzentschlossen seinen Befehl: Vormarsch, Rückzug, egal, Artillerie, Infanterie, die Reiterei, Kanonen, das Bajonett, der Kampf Mann gegen Mann – allein der Befehl zählt, dass ein Befehl gegeben wurde. Der Ordonanz-Offizier eilt zu seinem Truppenteil zurück, aber es gibt ihn gar nicht mehr, er ist inzwischen aufgerieben, auf der Flucht vor dem vorrückenden Feind. Die Befehlskette erweist sich als Illusion im Nebel des Krieges, aber sie muss, auch als Illusion, unbedingt intakt bleiben. Früher war es, in den Schlachten, in denen der Feldherr noch auf dem Schlachtfeld zugegen war.

Adolf Hitler liegt in seinem Bunker, umgeben von meterdicken Betonwänden, er kann keinen Schlaf finden, sein Krieg läuft gar nicht gut. Er geht in seinem Kopf die Frontabschnitte alle durch, er hat sich mit seinen Generälen – unfähige Leute, die nur dazu fähig sind, den Schlaf der Ungerechten zu schlafen, während sich der Führer Sorgen machen muss – vor ein paar Stunden über die Generalstabskarten gebeugt. Da, bei Smolensk in der Nähe, entdeckt sein nächtlich ruheloser Geist eine schwache Stelle.

Er erhebt sich von seinem Nachtlager, er lässt sich per Feldtelefon mit der Kompanie 24 verbinden. Ist bei euch alles ruhig? Rührt sich der Russe? Nein? Dann schickt ihm ein paar Granaten rüber, seine Nachtruhe zu stören. So ins Detail vernarrt kann man zwar einen Krieg führen, doch wahrscheinlich nicht gewinnen. Aber der Gröfaz, der Größte Feldherr aller Zeiten, war ja im Ersten Weltkrieg als Meldegänger in den Schützengräben unterwegs, und das erklärt vielleicht einiges.

Heute kann man einen Krieg vom Handy aus führen. Man kann vom Handy aus auch Propaganda machen, die Weltpresse auf dem aktuell Laufenden halten, Druck auf die Verbündeten ausüben. Alles in Echtzeit. Was wissen wir, wie sie untereinander, miteinander reden, die Großen der Welt, wenn es keine Schaufensterreden sein müssen fürs Volk, ob sie da Tacheles reden oder sich selbst dann diplomatischer Floskeln bedienen, und der Schwächere errate dann, was der Stärkere im Schilde führt, was ihn antreiben mag.

Als Macron, Scholz und Draghi bei Selenskyj in Kiew waren – was haben sie da zu ihm gesagt, hinter verschlossenen Türen? Dass bei diesem Scheißspiel keiner den Schwarzen Peter haben will, dass die Europäer aber bereit sind, den Schwarzen Peter als Trumpfkarte auszuspielen, für ihn, der alles tun muss, um zu gewinnen. Im Herbst droht bei uns im Westen der Aufstand, und dann verraten wir die Ukraine, und du kannst uns gerne des Verrats bezichtigen, und dann bleibt dir doch nichts anderes übrig, als mit den schrecklichen Russen zu verhandeln, wir sind schuld dran. Und unsere amerikanischen Freunde können fluchen und toben, aber wir können auch Weltpolitik. Ohne die Europäer läuft eben doch nichts. In die Nato könnt ihr nicht, zu Europa kann die Ukraine gehören. Und dagegen hat auch Putin nichts. Hat er jedenfalls so gesagt. Hauptsache, in diesem für dein Land so heiklen Moment bleibt die Befehlskette intakt, und du, Selenskyj, bist es, der die Anweisung gibt, mit den Russen in Verhandlungen über die Neutralität der Ukraine einzutreten. Schön wär's nicht, aber vielleicht doch die Lösung.

„Der Antikommunismus ist die größte Dummheit des 20. Jahrhunderts.“

Hat Thomas Mann so gesagt, ein deutscher Schriftsteller dieses 20. Jahrhunderts, der nun wirklich unverdächtig war, ein Kommunist zu sein. Und wir Kommunisten glaubten, der Westen hat was gegen den Osten, gegen die Sowjetunion, weil sie uns den guten Kommunismus versprach. Wir dachten, es geht den bösen Kapitalisten um die Freiheit, Geschäfte zu machen, dass sie unsere Fabriken, unsere Bodenschätze in Besitz nehmen wollen. Auch wir waren dumm, wir haben auf den Antikommunismus des Westens vertraut. Aber wir sind eines Besseren belehrt worden.

Der Kapitalismus hat in Russland nach dem Untergang der Sowjetunion gesiegt, wir haben doch gute Geschäfte mit den Russen gemacht, die russischen Oligarchen waren uns mit ihrem Geld willkommen, wir haben ihnen Jachten gebaut, ihnen Grundstücke und sogar Fußballklubs verkauft, es lief doch eine Weile gut, und nun, die große Sowjetunion gibt es nicht mehr, haben wir wieder Trouble mit dem immer noch großen Russland – wie doch eigentlich seit Jahrhunderten schon, und erst jetzt fällt es uns auf, nachdem die größte Dummheit des 20. Jahrhunderts ihre Grundlage verloren hat.

Warum immer Ärger mit den Russen? Weil sie sich in die europäischen Angelegenheiten einmischen. Die Grenze Europas verläuft im Osten am Ural – aber nur auf der Weltkarte. Und von Asien aus gesehen ist Europa nur dieser westlich kleinteilige Teil einer riesigen Landmasse mit großen Reichen. Die Russen waren anlässlich der Kriege gegen Napoleon in Deutschland, dann wieder für vierzig Jahre nach dem Sieg über Hitler-Deutschland. Polen wurde dreimal zwischen Deutschland, Österreich und Russland aufgeteilt, es erlangte erst 1918 im Frieden von Versailles seine staatliche Unabhängigkeit, und wurde dann 1939 im Hitler-Stalin-Pakt noch einmal, nun zwischen der Sowjetunion und dem Deutschen Reich, geteilt, und von beiden Staaten besetzt.

Aber es geht ja noch weiter, wenden wir uns dem Balkan zu, der südöstlichen Grenzregion zwischen Europa und Asien: Der Türke stand 1529 vor Wien, dann noch einmal 1683. Serbien hat schon 1389 gegen die Osmanen verloren, auf dem Amselfeld, das heute im islamischen Kosovo liegt. Griechenland war bis zum Jahr 1830 in osmanischer Hand – das Osmanische Reich war die andere Weltmacht, die zu Europa und Asien gehörte, und auch mit den Türken hatten wir Europäer immer Scherereien, und dieser Erdogan, er tanzt uns auch heute wieder auf der Nase herum, er versteht sich sogar, obwohl die Türkei der Nato angehört, mit diesem Putin, unserem Feind, recht gut. Zwei Gangster, die sich in unsere europäischen Angelegenheiten mischen wollen, beide Despoten, keine richtigen Demokraten. Beides Länder, in denen es unsere Aufklärung nicht gegeben hat, die Gewaltenteilung nicht wirklich durchgesetzt ist.

„Den großen Krieg mit dem Flug zum Mond beenden.“

Hat Welimir Chlebnikow geschrieben, in eines seiner Notizbücher, in denen er all seine Vorschläge, wie die Welt zu verbessern sei, festgehalten hat. Hat Chlebnikow geschrieben, der russische Dichter, der Futurist, während des großen Krieges, den wir heute den Ersten Weltkrieg nennen. Auch dieser Vorschlag des Dichters blieb, wie so viele andere auch, unbeachtet, und man kann da ja auch einwenden, die Raketentechnik war zu dieser Zeit, am Beginn des 20. Jahrhunderts, noch nicht so weit.

Als sie es dann war, in den 60er-Jahren dieses 20. Jahrhunderts, als Raketen auch bis zum Mond fliegen konnten, wurden die meisten von ihnen dafür gebaut, um Atomsprengköpfe in die jeweils gegnerischen Länder transportieren zu können. So sehr Futurologe war der Futurist dann also doch nicht, aber wir verstehen den Dichter, wir ahnen zumindest, was er uns hatte sagen wollen: Eine gemeinsame Anstrengung der Menschheit, ein technisches Abenteuer, beende den so technisierten Krieg.

Und auch heute würden wir wohl den verstehen, der uns sagt: Beenden wir diesen Krieg zwischen Russland und der Ukraine, in dem der Westen schon Kriegspartei geworden ist, wenn auch nicht erklärtermaßen, damit, dass wir uns einer größeren Aufgabe zuwenden, einer Menschheitsaufgabe, der, mit dem Klimawandel irgendwie klarzukommen, sodass daraus nicht die Klimakatastrophe werde, die uns alle bedroht, auch Russland, auch die Ukraine und den Westen, die ganze Welt. Durch eine weltweite Kooperation, die auch Russland einbezieht. Damit dieses Land eine Zukunft hat, in der es nicht darauf angewiesen ist, seine fossilen Rohstoffe zu verkaufen. Was dann hieße, diesem aggressiven Staat, dieser revanchistischen Macht, ein Angebot zu machen. Den Russen sozusagen den Schneid, von dem sie doch nicht soviel haben, abzukaufen. Manche Dinge lassen sich am besten mit Geld regeln. Einige nur mit Geld – oder eben mit Gewalt. Also: Wir geben euch Geld, wir investieren in den ökologischen Umbau eurer Energiewirtschaft, und dann könnt ihr uns und der ganzen Welt grüne Energie verkaufen. Ihr habt genug Platz in den Weiten Russlands, ihr habt warme Sommer, bei euch weht viel Wind. Lasst uns einen Vertrag machen, einen Deal abschließen, der für beide Seiten von Vorteil ist, und dafür lasst ihr von der Ukraine ab.

Naiv? Sicher, aber die Welt kann sich solch einen Krieg nicht mehr erlauben, wie er gerade geführt wird. Wir haben uns um anderes zu kümmern. Eine Illusion? Kann sein, aber damit nicht einfach abzutun. Russland braucht eine Zukunft, ohne sie bleibt es eine revisionistische Macht, auf eine Vergangenheit bezogen, die großartiger gewesen sein soll. Russland braucht eine Zukunft, die es dem Land ermöglicht, das Ende des Brennstoffzeitalters zu überstehen. Und vielleicht hängt ja beides miteinander zusammen.

„Wenn man die Welt nicht ändern kann, ändere man das Thema.“

So ein anderer Dichter, ein deutscher Dichter, Thomas Brasch, im Gespräch. Von ihm so oft wiederholt, dass er vielleicht irgendwann gar nicht mehr wusste, was er damit hat sagen wollen, aber wir können ihn nicht fragen, er ist am 3. November 2001 gestorben. Ein vielfach anwendbarer Spruch, und in den letzten Jahren vor seinem Tod wechselte er immer öfter auf diese Weise das Thema, er hatte wahrscheinlich die Zuversicht verloren, dass sich an der Welt noch etwas ändern ließe. Und kurz vor seinem Ende gingen ihm auch die Themen aus, zu denen noch zu wechseln war. Nun haben wir das Thema geändert, alle Welt redet nur noch vom Krieg, und vielleicht reden wir soviel von diesem Krieg, weil wir die Welt, die wir ändern müssten, nicht ändern können. Aber auch an diesem Krieg können wir, Sie und ich, nicht viel ändern.

Zeit, zum eigentlich viel wichtigeren Thema zurückzukehren: der drohenden Klimakatastrophe. Ich bin kein Prophet, aber das sage ich doch voraus: Dass sich an diesem Krieg für die Jüngeren und die ganz Jungen entscheidet, ob sie es noch den Staaten, auch den demokratisch gewählten Regierungen, zutrauen, sie und uns vor dieser soviel größeren Katastrophe zu bewahren – wenn sie noch nicht einmal diesen Krieg beenden können. Dann ist das, was an Vertrauen noch existiert, futsch, dann hat auch der Westen, der seine Werte in die Ukraine zu verteidigen glaubt, seine Legitimation verloren.

Anfrage an den Sender Jerewan: „Was mache ich, wenn in meinem Garten eine Atombombe einschlägt?“ Antwort: „Schauen Sie sich das ganz genau an, das sehen Sie in Ihrem Leben nur einmal.“

Sind wir wieder da angelangt, wo man diesen Witz aus meiner Jugendzeit im Kalten Krieg versteht?