ROCHE - Roche ist ein seltsames Dorf. Es gibt zwei Reihen mit Steinhäusern, dazwischen eine verwaiste Fläche, Sitzbänke, ein Sportplatz und ein Klettergerüst, alles überwachsen mit Gräsern. Auf den Straßen liegt Schutt von Renovierungsmaßnahmen, die nach kurzer Zeit schon notwendig geworden sind. Man sieht kaum Menschen, es ist trist im neuen Roche, das eigentlich ein Versprechen auf eine Zukunft sein sollte. „Hier lebe ich schlecht“ , sagt der Ismael Arregoces, 56, gutmütige Gesichtszüge, kurzes, graues Haar. Langsam geht er durch seinen Hof, es windet ein bisschen, trotzdem steht die Hitze. Die Erde ist trocken.

Roche – das sind 25 afrokolumbianische Familien, die früher in einem Dorf in den grünen Bergen einige Kilometer weiter östlich lebten, wo sie sich durch Landwirtschaft selbst versorgen konnten. Wegen des Steinkohletagebaus im Department La Guajira im Nordosten Kolumbiens wurden sie umgesiedelt. Eine vernachlässigte Region. Gezeichnet vom Krieg zwischen Staat, Paramilitärs und Guerilla und mit dem Ruf, dass die regionale Politik besonders korrupt sei. Im Zentrum des Landes ist es üblich, ein paar Pesos für „hungernde Kinder in La Guajira“ übrig zu haben.

Gebrochene Versprechen

Als im Jahr 1986 die Mine El Cerrejón den Betrieb aufnahm, war dies mit der Hoffnung auf Wohlstand für die Region verbunden. Heute gehört die Grube einem Joint Venture aus den Rohstoffriesen Glencore Xstrata, Anglo-American und BHP Biliton. Mit 69.000 Hektar ist die Grube einer der größten Steinkohletagebaue der Welt. 2013 betrug der Jahresumsatz rund 2,5 Milliarden US-Dollar, 100 Prozent der Kohle wird exportiert, Kolumbien generiert seine Energie zu großen Teilen aus Wasserkraft.

35 Prozent der Exporte gehen nach Europa, die meisten in die Niederlande und nach Deutschland. Unter anderem sind es RWE, ENBW und EON, die die Kohle aus El Cerrejón kaufen und in ihren Kraftwerken verfeuern. In dem Land, in dem 2018 das letzte Steinkohlebergwerk schließt.

Kaum etwas im neuen Roche erinnert an das alte Zuhause. „El Cerrejón hat uns Arbeit und Wasser versprochen, beides gibt es nicht.“ „Früher“, sagt Ismael, „war das Leben schmackhaft.“ Seine Frau Carmen nickt. „Wir fischten, jagten, pflanzten – Wasser gab es aus dem Fluss. Jetzt sollen wir Geld verdienen, um in der Stadt einzukaufen.“ In Roche gibt es keinen Laden.

Früher haben die Männer im Dorf Domino gespielt, man saß zusammen, jetzt ist es anders. Und es gibt kein Zurück.

Sie haben gekämpft, sie haben verloren

Ismael Arregoces führt er in sein Haus: eine moderne Küche, ein Fernseher und ein Waschbecken, aus dem am heutigen Tag kein Wasser kommt. Darum bringt die Firma Wasser in Lkws vorbei, das dann in Tonnen umgefüllt wird. Wenn es regnet, hält das Dach nicht dicht. Matratzen und Sofa werden nass.

Besonders die Alten des Dorfes haben den Umzug nicht verkraftet, mehrere sind in der ersten Zeit gestorben. Ismael sagt: „Hier stirbst du an Depression, nicht an Hunger.“ Da beginnt sein Papagei Federico etwas undeutlich zu plappern. Seine Flügel sind gestutzt. Wie eine Metapher auf ein Dorf, dem die Seele genommen wurde. Sie haben gekämpft, sie haben verloren.

Etwas nordöstlich fressen sich Bagger weiter in die Flöze. Von dort gelangt die Kohle über eine eigene Zugstrecke und einen Hafen in die Welt. Cerrejón weiß, wie wichtig das Image in den Abnehmerländern ist und gibt sich größte Mühe, dieses grün zu gestalten. „Verantwortungsvoller Bergbau“ ist der Slogan der Firma; Besucher der Internet-Seite schauen auf Fotos von Affen, die vor den Kohlebaggern gerettet und wieder ausgesetzt wurden. Eine Touristentour durch den Tagebau endet an einer großen Fläche, auf der wieder Bäume wachsen. Zwischen sechs und sieben Millionen US-Dollar koste die Renaturierung von einem Hektar, erzählt der Firmenvertreter stolz. Gleichzeitig braucht es riesige Mengen an Wasser, um die Straßen für die Grubenfahrzeuge feucht zu halten.

„Wir waren wie eine Hauptstadt“ 

Die aktuelle Abbaulizenz läuft bis 2034. Die Kohlevorräte reichen für einen Betrieb darüber hinaus. Nach kolumbianischem Recht bestimmt der Staat über Land, unter dem Rohstoffvorkommen liegen. Sieht dieser den Abbau im nationalen Interesse, müssen auch indigene und afrokolumbianische Gemeinden, die durch die Verfassung besonders geschützt sind, weichen. Das Unternehmen bezahlt jährlich eine Gewinnabgabe: Im Jahr 2013 258 Millionen US-Dollar, etwa ein Prozent des Jahresumsatzes. Vor Ort ist das Unternehmen mit über 6000 direkten Mitarbeitern omnipräsent.

In Roche wird es Nacht. Yoe Arregoces, der Gemeindevorsteher, kommt zurück. Der 39-Jährige ist freundlich und eloquent, auch er erzählt zunächst von den alten Zeiten. „Wir waren wie eine Hauptstadt unter den Gemeinden, bei uns gab es die Polizei, die weiterführende Schule, das Gesundheitszentrum.“ Heute ist Roche das kleinste Dorf. Yoe Arregoces zeichnet nach, wie ein stolzes Roche langsam zerlegt wurde. Einst bestand es aus 300 Familien, letztlich sind es nur 25, die umgesiedelt werden. „Das Ziel der Firma war, die Anzahl der offiziellen Bewohner so stark wie möglich zu reduzieren.“ Einzelnen Familien wurden Angebote unterbreitet, zu verkaufen und wegzuziehen. Schon bald machten die ersten Platz.

Teil der Unternehmensstrategie war es, „Sozialanalysten“ zu schicken. „Der kam in dein Haus, aß bei dir Mittag. Er gab dir Geld, um die Medikamente für dein Kind zu bezahlen, gewann dein Vertrauen. Und eines Tages kam er mit einem Vertragsangebot für die Umsiedlung. Vielleicht fandest du die Bedingungen nicht gut, aber du wolltest dem, der dir immer Gefallen getan hat, jetzt nicht deine Unterstützung verweigern“, erzählt Yoe.

Misstrauen gegen ihren Anführer

Auf einer Versammlung stimmt Yoe Arregoces den Vorschlägen der Firma als Einziger nicht zu. Zwei Tage später erhält er Morddrohungen und weiß nicht, wer der Anrufer war. Das Bergbauunternehmen, Zulieferer oder die lokale Politik – es gibt viele, die ein Interesse haben, den Widerstand zu brechen. Der Familienvater hält sich anderthalb Jahre raus, in dieser Zeit werden wichtige Entscheidungen getroffen. „Wenn du dich wehrst, sagen sie: Du bist ein Hindernis für den Fortschritt, du willst den Wohlstand nicht.“ Viele glauben der Firma und hegen Misstrauen gegen ihren Anführer. Das hinterlässt Spuren in der Gemeinschaft – und erklärt zu einem Teil, warum sich die Alten heute nicht mehr zum Domino treffen. Hinzu kommt die Perspektivlosigkeit. Selbst Yoe Arregoces nimmt Gelegenheitsjobs der Firma an. Sonst gibt es kaum Arbeit in der Region.

Letztlich bleiben acht Familien im alten Roche zurück, denen mit Enteignung gedroht wird. Es ist eine Aufstandsbekämpfungseinheit der Polizei, die mit Schlagstöcken die letzten beiden Familien vertreibt.

Dabei, erzählt Yoe Arregoces, gebe es eine Gemeinde, die andere Erfahrungen gemacht hat. Ein indigenes Dorf namens Tamaquito. Dort konnte die Firma nicht mit einzelnen Familien verhandeln, weil viele nur Wayuunaiki, die Sprache der Wayuu, sprechen. Als Tamaquito in die Verhandlungen trat, wusste es bereits um die schlechten Erfahrungen der anderen.

Nach Tamaquito quälen sich die Mototaxis über eine erdige Piste, auch Schafe sind auf dem Weg ins Dorf. Gleich im ersten Haus gibt es Essen für den Besucher. Die Köchin setzt sich und erzählt, dass ihr Sohn bei einem Motorradunfall auf der nahen Landstraße gestorben ist, das wäre früher nicht passiert. Dann kommen ihr die Tränen.

Ist die Erde hier auch so schlecht? „Keine Erde ist schlecht, so lange es Wasser gibt“ ruft der Mann der Gastgeberin und lacht. Man ahnt, dass auch in Tamaquito nicht alles gut ist. Und doch scheint es, als hätten die Menschen einen anderen Umgang mit den Problemen gefunden.

Das liegt an Jairo Fuentes, 35 Jahre alt, Vorsteher der Gemeinde, auch wenn er sich selbst nicht so bezeichnen würde. „Wenn ich eine Idee habe, muss ich sie mit allen absprechen“, sagt Jairo Fuentes, ein stämmiger Mann im rosa Poloshirt.

Die Gemeinde hat das Dorf Tamaquito mitgeplant. Die Schule ist mit den Symbolen der einzelnen Familienstämme bemalt, es gibt eine Piste für traditionelle Eselrennen und den Ringkampf, Jairo Fuentes war schon einmal Champion. Vielleicht hat ihn das geschult für den Kampf mit einem multinationalen Unternehmen. Als Jairo Fuentes geboren wurde, hatte der Konzern bereits Landtitel gekauft; den Wayuu ist das Konzept von Eigentum eigentlich fremd.

Ab 2007 verhandeln sie über eine gemeinsame Umsiedlung, arbeiten mit internationalen NGOs zusammen, erhalten Schulungen in Verhandlungsführung und stellen einen Forderungskatalog auf. El Cerrejón reagiert und entwickelt das Wayuu-Dorf zu seinem Imageprojekt. Von Konzernseite wird darauf hingewiesen, wie erfolgreich die Zusammenarbeit mit Tamaquito war. „Wir versuchten, nach den Vorstellungen der Gemeinde die Lebensqualität zu verbessern“, erklärt El Cerrejón. „Ich gebe mir alle Mühe, dieses Bild zu korrigieren“ , sagt Jairo Fuentes lachend, als er von dieser Auskunft hört.

Die Bewohner von Tamaquito ziehen im Jahr 2015 um und versuchen, den Status eines indigenen Reservates zu erreichen. Jeder Erfolg ist mühsam erkämpft. Anfangs hat das Wasser keine Trinkqualität. Die Menschen leiden unter Durchfall. „Cerrejón sagte, das käme von der Sonne.“ Also fuhr Jairo Fuentes wieder nach Europa, machte „Spektakel“, wie er das nennt. Er hat das Spiel gelernt. Er ist ein guter Spieler. Fortan muss der Konzern Strafe zahlen, wenn er eine Zusage nicht hält.

„Trotzdem“, meint Jairo Fuentes, „hat Cerrejón uns unsere Freiheit genommen, die frische Luft, medizinische Pflanzen, ein schwerer Verlust für unsere Spiritualität.“ Es gebe eine Ebene, die werde die Firma niemals verstehen, sagt er. „Unsere Alten träumen nicht mehr, können sich nicht mehr mit der Erde verbinden. Tief im Herzen spüren wir Wut.“ Jairo Fuentes wäre bereit, den Ort noch einmal zu wechseln. Bis dahin versuchen die Menschen, so zu leben wie einst. Einige haben neben den Steinhäusern wieder Lehmhäuser gebaut. Gekocht wird auf Holz statt auf dem Gasherd.

Die nächste Kolonialisierung

„Tamaquito entschied sich für kollektive Verhandlungen und einen Entwurf, der dem alten Dorf und den indigenen Traditionen ähnlich war“, erklärt eine Sprecherin von El Cerrejón. Roche hingegen habe sich„für individuelle Verhandlungen und Entwürfe, die sich an den Häusern der Karibikküste orientierten“ entschieden. Cerrejón habe beide Wege respektiert.

Noch fließt das Geld der Firma in Tamaquito. Für Jairo Fuentes aber hat der Kampf gerade erst begonnen; seine Mission ist die Verteidigung einer ganzen Lebensweise. Es ist der Konflikt zweier Ideen von einem guten Leben. Die eine setzt auf Industrialisierung und Wachstum. Die andere auf Nachhaltigkeit und Gemeinschaft.„Mich erinnert das an die Kolonialisierung. Sie versuchten, die Wayuu auszurotten, aber wir lernten, schneller zu reiten und besser zu schießen als die Spanier. Nun attackiert uns Europa mit seiner Umweltverschmutzung.“

Anders als in Roche arbeitet keiner in Tamaquito für Cerrejón. „Wir können nicht erlauben, dass die Kohle unsere Kultur tötet.“