Was war das erste, was Sie heute Morgen beim Aufwachen gedacht haben?
Gott sei dank!

Weil Sie Amerikanerin bleiben können? Sie haben ja neulich angekündigt, den Pass abzugeben, wenn Romney gewinnt?
Das war eigentlich eher so eine Bemerkung am Rand, aber es ist schon so. Wenn man 22 Jahre lang weg ist, also fast eine ganze Generation, fühlt man sich ein bisschen fremd, wenn man diese Romney-Leute sieht.

Frau von Dussmann, auch Romney-Wählerin, saß die ganze Nacht neben Ihnen im ARD-Wahlstudio. Haben Sie sich wenigstens ein bisschen gefetzt, wenn die Kameras aus waren?
Gefetzt nicht. Aber ich hatte das Gefühl, dass wir von einem anderen Planeten kommen. Ihr Kulturkaufhaus in der Friedrichstraße ist toll, und ich kann mit ihr über alles sprechen, nur nicht über Politik. Da sind wir meilenweit voneinander entfernt, und das ist ganz typisch für das ganze Land.

Sind Sie jetzt stolz auf Ihr Land, weil es sich noch einmal für Obama entschieden hat?
Ja, klar. Und wenn ich seine Rede höre und sehe, dass es nun die Homoehe in Maine gibt und in Colorado Marihuana legalisiert wird, dann denke ich, da gibt es schon change we can believe in.

Wären Sie an einem Tag wie Dienstag gerne zu Hause in den USA gewesen?
In Colorado, mit einem Joint in der Hand?

Oder in Massachusetts, wo ihre Familie lebt?
An so einem Tag vermisse ich vor allem meine Freunde, und die leben in New York, und über Facebook weiß ich, dass sie in Brooklyn eine große Celebration hatten, in einer Art Notunterkunft bei Freunden, denn ihre Wohnung in der 14. Straße, Ecke Hudson Avenue in Manhattan hat immer noch keinen Strom.

Was schreiben ihre Freunde so auf Facebook?
Viele Deutsche gratulieren mir. Und mein Stimmlehrer, auch ein Amerikaner, der lange in Deutschland lebt, hat geschrieben: „Hoffentlich konzentrieren sich die Leute, die Obama aus dem Amt werfen wollten, jetzt endlich auf Amerika. Und vielleicht werden die Leute in Tennessee, die keine Krankenversicherung haben und Schlange stehen müssen, um eine neue Brille oder eine Zahnfüllung zu bekommen, und die trotzdem Romney gewählt haben, nicht länger in Schlangen stehen müssen. Here comes a better America!“

Wird es denn kommen, das bessere Amerika?
Das werden wir sehen, aber im Moment freut es mich einfach, diesen amerikanischen Optimismus wieder zu spüren, den ich so lange vermisst habe. Es gibt wieder Hoffnung auf bessere Zeiten.

So viel Hoffnung wie vor vier Jahren?
Nein, alles ist ein bisschen nüchterner. Wir sind nicht mehr so beeindruckt davon, dass es ein Schwarzer geschafft hat, Präsident zu werden. Und im Moment ist es auch einfach schwer, Euphorie mit Amerika in Verbindung zu bringen, mit dieser Arbeitslosigkeit und den Leuten, die so viel verloren haben bei diesem Sturm. Es waren harte Wochen, alle sind erschöpft und nun auch erleichtert. Auch meine Schwester, sie ist Sozialarbeiterin in Massachusetts, ihr Programm wird von der Obama-Regierung bezahlt.

In Massachusetts war Mitt Romney Gouverneur, und gar kein schlechter, er hat ein Gesundheitsprogramm durchgesetzt, an dem sich später auch Obama ein Beispiel genommen hat.
Ja, aber damals hat Romney immer noch Ted Kennedy im Rücken gehabt. Er war der große Schatten hinter Romney, dem Republikaner, sein demokratischer Ausgleich. Das war etwas anderes.

Was war für Sie der bewegendste Moment in der Wahlnacht?
Als Obama sagte, dass er seine Frau mehr liebt denn je, jetzt, da das ganze Land sich in sie verliebt hat. Und dass seine Töchter mit auf die Bühne gekommen sind. Da habe ich gedacht, das kann nicht leicht sein, als pubertierendes Mädchen so von allen Seiten angestarrt zu werden. Und es gibt sicher auch Spannenderes für einen Teenager, als die nächsten vier Jahre im Weißen Haus zu verbringen.

Haben Sie die Obamas jemals persönlich getroffen?
Nein, noch nicht. Aber jetzt habe ich ja zum Glück noch vier Jahre Zeit. Ich werde so lange mein Michelle-Obama-Lied singen, bis ich es geschafft habe.

I want to be Michelle Obama, I want to have her Oberarme.
Morgen singe ich es wieder in Wolfsburg. Jetzt muss ich natürlich eine neue Strophe dazu schreiben.

Was wünschen Sie sich von Obama?
Für ihn wünsche ich mir, dass der Kongress und die Bevölkerung hinter ihm stehen, dass sein Leben sicher ist.

Und von ihm?
Dass er Guantanamo zumacht. Es ist Zeit, dass diese ganze schreckliche Bush-Legathy endlich vorbei ist.

Das Interview führte Anja Reich.