Entführung nach Vietnam: Angeklagter will aussagen

In einer Aktion wie aus einem Polit-Thriller werden in der deutschen Hauptstadt ein vietnamesischer Ex-Manager und seine Geliebte entführt. Nun steht ein zwe...

ARCHIV - Eine Figur der blinden Justitia.
ARCHIV - Eine Figur der blinden Justitia.Sonja Wurtscheid/dpa/Symbolbild

Berlin-Die Entführung eines vietnamesischen Ex-Managers mitten in Berlin hatte für Aufsehen gesorgt. Für die Operation soll der vietnamesische Geheimdienst verantwortlich gewesen sein. Mehr als fünf Jahre nach der Verschleppung hat am Mittwoch vor dem Kammergericht der Hauptstadt ein zweiter Prozess begonnen. Einem 32-jährigen vietnamesischen Staatsbürger wird geheimdienstliche Agententätigkeit und Beihilfe zur Freiheitsberaubung vorgeworfen. Seine Verteidiger kündigten eine Aussage für den zweiten Prozesstag am kommenden Montag an. Der Angeklagte sei an der „eigentlichen Entführung“ nicht beteiligt gewesen, sagte einer der Anwälte.

Der Geschäftsmann Trinh Xuan Thanh war am 23. Juli 2017 im Berliner Tiergarten mitsamt seiner Geliebten auf offener Straße entführt und auf geheimem Weg in die Heimat verschleppt worden. In Vietnam wurde er wegen Korruptionsvorwürfen zweimal zu lebenslanger Haft verurteilt. Der frühere Vorstandschef eines staatlichen Baukonzerns war 2016 nach Deutschland gekommen und hatte politisches Asyl beantragt. Wegen seiner Entführung hatte die Bundesregierung den offiziellen Vertreter des vietnamesischen Geheimdienstes in Deutschland und einen Diplomaten ausgewiesen.

Der 32-jährige Angeklagte sei an der Aktion beteiligt gewesen, so die Bundesanwaltschaft. Er sei während einer ersten Phase des Geschehens in Berlin im Vorfeld der Tat „an der Ausspähung und Observierung der beiden späteren Entführungsopfer eingebunden gewesen“, heißt es in der Anklage. So seien die späteren Opfer beobachtet worden, als sie in einem italienischen Restaurant ihr Abendessen einnahmen.

Die Bundesanwaltschaft geht zudem davon aus, dass der 32-Jährige unmittelbar in das Entführungsgeschehen eingebunden gewesen sei - entweder als einer der Insassen eines Tatfahrzeugs oder zumindest als „Teil der Absicherungs- und Observationseinheit bei der gewaltsamen Bemächtigung der beiden Opfer“. Nur zwei Stunden nach dem Überfall und Verbringung der Entführten in die vietnamesische Botschaft in Berlin sei der 32-Jährige mit einem weiteren Fahrzeug, das der Botschaft gehört habe, zurück nach Prag gefahren, „wo er sich für spätere logistische Aufgaben bereithielt“, so die Anklage.

Der 32-Jährige war im April 2022 in der tschechischen Hauptstadt Prag festgenommen worden. Er wurde Anfang Juni nach Deutschland überstellt und befindet sich seitdem in Untersuchungshaft. Eine Verständigung der Prozessbeteiligten auf eine Strafe von maximal fünf Jahren Haft im Fall eines umfassenden Geständnisses kam am ersten Verhandlungstag nicht zustande.

In einem ersten Prozess um die Entführung war 2018 ein ebenfalls aus Vietnam stammender Angeklagter wegen geheimdienstlicher Agententätigkeit und Beihilfe zur Freiheitsberaubung zu einer Haftstrafe von drei Jahren und zehn Monaten verurteilt worden. Damals kamen die Richter zu dem Schluss, dass der Fall an einen „Krimi aus der Zeit des Kalten Krieges“ erinnere. Von einem „staatlich organisierten Kidnapping“ sprachen die Bundesanwälte. Das erste Urteil in dem Fall ist rechtskräftig. Für den jetzigen Prozess sind sechs weitere Tage bis zum 30. November vorgesehen.