Seit elf Jahren ein Paar: Dawid Mycek (l) und Jakub Kwiecinski aus Warschau.
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WarschauNur für wenige Sekunden sind Dawid und Jakub in dem Werbespot zu sehen. Im Gegenlicht zeigt die Kamera die beiden, wie sie sich streicheln und verliebt ansehen. Gemeinsam mit heterosexuellen Paaren machen sie Reklame für einen bekannten Kondomhersteller. „Wir hatten uns so gefreut. Es war Polens erster Werbespot mit einem schwulen Pärchen“, erzählt Jakub.

Doch Polens öffentlich-rechtlicher Fernsehsender TVP lehnt den Spot ab. Zur Erklärung heißt es, die Reklameabteilung habe Vorbehalte gegen eine Sendung des Spots gehabt - zu viele Zuschauer würden sich über intime Inhalte in der Werbung beschweren. Private Fernsehsender zeigen den Spot weiterhin. Doch im Internet gibt es jetzt eine Seite mit dem Titel: „Sag nein zu Homoreklame“. Ein Kind hält sich erschrocken die Hände vors Gesicht, die User werden aufgefordert, Protestmails an den Nationalen Rundfunkrat zu schicken.

Dawid Mycek (35) und Jakub Kwiecinski (38) sind seit elf Jahren ein Paar. Vor drei Jahren haben der Marketingexperte und der Film-Trailer-Macher aus Warschau geheiratet – in Portugal. Polnische Behörden erkennen ihre Ehe nicht an, im katholisch geprägten Polen gibt es weder die Ehe für alle noch eingetragene Partnerschaften. „In Corona-Zeiten ist uns klar geworden, wie benachteiligt wir sind: Wenn einer von uns ins Krankenhaus müsste, bekäme der andere keine Auskunft“, sagt Dawid.

Was den beiden Sorge macht: Die Stimmungsmache gegen Lesben, Schwule, Bisexuelle und Trans-Menschen nimmt zu. Im Wahlkampf hetzt Präsident Andrzej Duda offen gegen sexuelle Minderheiten und wurde dafür auch im Ausland heftig kritisiert. Gut in Erinnerung sind seine Äußerungen, die Generation seiner Eltern habe 40 Jahre lang gegen die kommunistische Ideologie gekämpft und „sie haben nicht dafür gekämpft, damit eine neue Ideologie auftaucht, die noch destruktiver ist“. LGBT sei eine Form des „Neo-Bolschewismus“, die Kinder sexualisieren solle. Dabei scheute der Politiker auch nicht vor entmenschlichender Rhetorik zurück: „Man versucht uns zu überzeugen, dass das Menschen sind, aber es ist einfach nur eine Ideologie.“

Am Wahlabend unternahm Duda zwar einen ungelenken Versuch, den Schaden wieder gutzumachen: In seiner Nachbarschaft habe mal ein schwules Paar gelebt. „Sehr nette, normale Männer“ seien das gewesen. Trotzdem erwartet Magdalena Swider von der „Kampagne gegen Homophobie“ in Warschau nichts Gutes: „Andrzej Duda hat klar gemacht, dass er für LGBT-Menschen die Hölle vorbereitet“, sagt sie. Beispielsweise plane Duda eine Verfassungsänderung, die gleichgeschlechtlichen Paaren die Adoption von Kindern verbieten solle. „Die ganze Familienpolitik schließt solche Familie aus, die nicht aus Mutter, Vater und Kindern bestehen.“

Es wird nach der gewonnenen Wahl Dudas nicht besser werden. In der Provinz ist die Situation besonders angespannt. Cezary Nieradko stellte sich bei einer Ratsversammlung in seinem Heimatort als Schwuler vor. Kurz darauf ging er mit einem Rezept für ein Herzmedikament in die Apotheke: „Die Apothekerin sagte nur: ,Ihnen gebe ich die Arznei nicht‘ und ging nach hinten.“ Der gelernte Krankenpfleger lebt in Krasnik, einer Kleinstadt gut 200 Kilometer südöstlich von Warschau. Krasnik gehört zu den rund hundert Gemeinden im tief katholisch geprägten Süden und Osten des Landes, die sich zur „LGBT-Ideologie-freien“-Zone erklärt haben. Rechtlich haben solche Resolutionen keine Auswirkungen für die Betroffenen. Sie sind aber ein Signal der Intoleranz.

Wahlsieger Andrzej Duda über LGBT: „Man versucht uns zu überzeugen, dass das Menschen sind, aber es ist einfach Ideologie.“
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Initiator der Erklärung in Krasnik ist der konservative Stadtrat Jan Albiniak. „Wir halten die LGBT-Ideologie für äußerst schädlich“, sagt der 68-Jährige. Und wiederholt ausführlich, was der Präsident im ganzen Land verbreitet: LGTB stehe für die frühe Sexualisierung sehr kleiner Kinder, die Adoption durch gleichgeschlechtliche Paare, das Fördern von Pornografie, das Eintreten für Abtreibung ohne Beschränkung. Das alles wolle man in Krasnik nicht haben, so Albiniak. Aber müssen sich Vertreter sexueller Minderheiten durch so eine Erklärung nicht ausgeschlossen fühlen? „Ich sehe keinen Grund für Unwohlsein. Noch zeigen wir hier auf niemanden mit dem Finger deshalb, obwohl wir natürlich wissen, wenn jemand so einer ist.“ Man lebe normal zusammen, in der Familie und bei der Arbeit.

Schon hat Krasniks französische Partnerstadt Nugent-sur-Oise mit dem Ende der Freundschaft gedroht. Krasniks Bürgermeister will sich zu der homophoben Resolution nicht äußern, ein Stadtsprecher sagt: „Die Erklärung des Stadtrats hat weltanschaulichen Charakter. Sie ist kein städtisches Gesetz.“ Im nordrhein-westfälischen Schwerte ist man da etwas weiter: Seit 1984 unterhält die Stadt eine Partnerschaft mit Nowy Sacz in Polen – seitdem man sich dort zur „LGBT-freien Zone“ erklärte, ruht die städtepartnerschaftliche Verbindung. Schwertes Bürgermeister Dimitrios Axourgos verurteilte das homophobe Ressentiment, es widerspreche „unserem europäischen Gedanken der Vielfalt und damit auch dem Gebot der Völkerverständigung“.

In Berlin bietet sich eine besondere Situation. Hier stehen zur Zeit acht Bezirke in Partnerschaften mit polnischen Gemeinden; der Bezirk Mitte baut aktuell eine weitere Partnerschaft auf. Seitdem sich das polnische Poniatowa als „LGBT-freie Zone“ bezeichnet, ergibt sich nicht nur für den Berliner Partnerbezirk Steglitz-Zehlendorf ein Problem. In einer gemeinsamen Erklärung betonten kürzlich neun Berliner Bezirke, der Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg (LSVD) sowie der Berliner Entwicklungspolitische Ratschlag (BER), dass die aktuellen Entwicklungen in Polen eine Gefahr für die bestehenden Partnerschaften und das zukünftige Zusammen­arbeiten darstellen.

Die Zeit drängt. In Polen schlagen Verbände längst Alarm. Von einer „beispiellosen Hetzjagd“ spricht Marcin Dierzanowski, Vorsitzender der Stiftung „Glaube und Regenbogen“. Sowohl Kirchenvertreter, die Regierung als auch der Präsident betrieben eine Strategie der Entmenschlichung von Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Trans-Menschen, sagt Magdalena Swider. Viele Betroffene hätten mittlerweile psychische Probleme.

Selbst Dawid und Jakub, das selbstbewusste und erfolgreiche Paar aus Warschau, sind manchmal am Verzweifeln. „Heute hören wir, dass wir nicht in einem Werbespot auftreten dürfen, dass es LGBT-freie Zonen gibt, und morgen sagen sie, sie wollen uns überhaupt nicht mehr im Land haben“, sagt Jakub. Wenn es noch schlimmer wird, dann sehen die beiden nur einen Weg: auswandern. Wahrscheinlich nach Portugal. (mit schl.)