Der angeklagte Stephan Balliet (6.v.l.) steht zu Beginn des achten Prozesstages neben seinen Verteidigern Hans-Dieter Weber (l) und Thomas Rutkowski im Landgericht.
Foto: dpa/Hendrik Schmidt

MagdeburgEs gehört zu den absoluten Ausnahmen, dass Zuhörer während eines Strafprozesses applaudieren und dies vom Gericht auch noch goutiert wird. Am Dienstag aber, am achten Verhandlungstag gegen den Attentäter auf die Hallesche Synagoge, ist diese Ausnahme gleich mehrfach zu erleben. Geladen waren vier Zeugen, die den Anschlag im Inneren des jüdischen Gotteshauses miterleben mussten. Sie treten vor Gericht aber nicht als Opfer auf, sondern als aufrechte und würdevolle Menschen, die sich dem Hass des Angeklagten nicht beugen wollen.

So wie der aus den USA stammende Rabbi Jeremy Appelbaum B., der mit seiner jungen Frau und dem 15 Monate alten Baby zu Jom Kippur in der Synagoge war. „Ich glaube fest an das jüdische Leben in Deutschland“, sagt er. „Wir haben keine Angst, wir verstecken uns nicht. Wir sind laut und werden gehört.“ Dafür bekommt er ebenso Applaus aus dem Publikum wie seine Landsfrau Mollie S. für ihre Worte, die sie an den Angeklagten richtet: „Ich sage ihm: Er hat sich mit der Falschen angelegt, mit der falschen Familie, den falschen Menschen“, sagt sie am Ende ihrer Aussage. „Mit dem heutigen Tag wird er mir keine Plagen mehr verursachen. Es endet hier und heute.“

Die 32-Jährige Mollie S., die seit anderthalb Jahren in Deutschland lebt, war am 8. Oktober vergangenen Jahres mit Rabbi B. und anderen Juden aus Berlin nach Halle gereist, um am darauffolgenden Tag in der dortigen Synagoge den Festtag Jom Kippur zu feiern. Kurz bevor der Angeklagte Stephan B. am 9. Oktober gegen 12 Uhr vergeblich versuchte, in die Synagoge an der Humboldtstraße einzudringen, um – wie er es vor Gericht noch einmal wiederholt hatte – so viele Juden wie möglich zu töten, hatte sie das Gotteshaus verlassen. Zu einem Spaziergang, wie sie vor Gericht sagt, um ein wenig für sich zu sein. „Ich denke noch heute daran, dass ich, hätte ich die Synagoge nur wenige Minuten später verlassen, dem Täter in die Arme gelaufen wäre und er mich vermutlich getötet hätte“, sagt sie.

Wie sie die Wochen und Monate nach dem Attentat erlebt habe, will die Richterin noch wissen. Es sei ihr schwer gefallen, grundlegende Dinge zu erledigen, sie habe sich schwach und traumatisiert gefühlt, antwortet sie. Sie habe sich deshalb auch in psychologische Behandlung begeben. „Heute fühle ich mich wieder stark, ich habe das Gefühl, ich bin wieder ich.“

Und dann kommt Mollie S. auf ihren Großvater zu sprechen, zu dem sie eine enge Beziehung unterhält. Er habe sie als erster nach ihrer Geburt in den Armen gehalten, „er wollte mich immer beschützen vor allem Bösen“, sagt sie. Der Großvater habe seine ganze Familie, mehr als 100 Verwandte, im Holocaust verloren. Durch die Geschehnisse in Halle spüre sie nun eine besondere Verbindung zu ihrer Familie. „Ich fühle mich jetzt auch wie eine Überlebende“, sagt sie. Und dann holt sie einen Zettel aus der Tasche, darauf steht ein Gebet, mit dem ihr Großvater sie stets am Vorabend von Jom Kippur mit Tränen in den Augen gesegnet habe, wie sie erzählt. Sie liest es auf hebräisch und englisch vor: „Möge Gott dich segnen und beschützen/Möge Gott dir Gunst zeigen und dir gnädig sein/Möge Gott dir Güte zeigen und dir Frieden gewähren.“ In dem Moment, als Mollie S. das Gebet vorträgt, ist es völlig still im Gerichtssaal. Es ist so, als würden plötzlich all die Toten aus ihrer Familie mit im Raum sitzen.

Ähnlich betroffen reagieren die Zuschauer auch bei der nächsten Zeugin. Die 30-jährige Ijona Christina B. gehörte auch zu der Gruppe Berliner Juden, die zu Jom Kippur nach Halle gekommen war. Eine toughe junge Frau, die ihren Master im Fach Internationale Sicherheit abgelegt hat und zunächst recht sachlich die Geschehnisse in der Synagoge während des versuchten Anschlags schildert. Sie habe auf der Frauenempore beim Mittagsgebet gesessen, als plötzlich mehrere Explosionsgeräusche von draußen zu hören gewesen seien, erinnert sie sich vor Gericht. Dann habe der Kantor laut gerufen: „Lauft, lauft“, und sie sei zusammen mit den anderen Frauen von der Empore hinunter und in den rückwärtigen Teil des Gebäudes gerannt, während einige Männer im Gebetsraum die Eingangstür verbarrikadiert hätten. „Einer sagte uns dann, da würde jemand auf die Synagoge schießen und dass wir vom Fenster weg bleiben sollten“, sagt sie vor Gericht. Sie habe es kaum fassen können. Der Gedanke, dass so etwas in einer Stadt wie Halle passiert, sei ihr völlig abstrus vorgekommen.

Berührend wird es, als Ijona B. auf Jana Lange zu sprechen kommt, die junge Frau, die von dem Angeklagten vor der Synagoge erschossen wurde. Ein Zufallsopfer, das gerade vorbeikam, als Stephan B. verzweifelt versuchte, die Tür aufzusprengen. Die Zeugin erzählt, dass sie in den Wochen nach dem Anschlag Kontakt hatte mit der Mutter, sie wollte erfahren, wer diese junge Frau war. „Ich komme einfach nicht darüber hinweg, dass sie und ein anderer Mensch tot sind und ich lebe“, sagt sie stockend. Sie habe auch mit dem Bruder von Jana Lange gesprochen und mit Bekannten von ihr. „Ich wollte sie als Mensch sehen und nicht als Opfer. Das hat es mir aber noch schwerer gemacht zu akzeptieren, dass sie an meiner Stelle sterben musste.“ Und dann sagt sie: „Es wäre mir lieber gewesen, der Angeklagte hätte auf mich geschossen.“

Auch der 32-jährige Roman R., Kantor der Jüdischen Gemeinde in Halle, hat den Anschlag im Inneren der Synagoge miterlebt. 1999 kam er mit seiner Familie als sogenannter Kontingentflüchtling aus Russland nach Deutschland. „Ich habe das Land sehr schnell lieben gelernt“, sagt er. „Man hat uns hier geholfen, ein neues Leben aufzubauen.“ Auf Reisen in die USA habe er sich immer wieder rechtfertigen müssen, wie könne er hier leben, da gebe es doch nur Nazis. „Ich habe das immer verteidigt“, sagt er. Doch dann sei dieser Angriff gekommen. „Meine Welt war erschüttert“, sagt R. „Ich bezahle meine Steuern, ich fahre nie schwarz. Aber ich bin Jude und zeige das auch, trage meine Kippa. Und das ist der Preis: Du willst Jude sein, dann musst du aber auch damit rechnen, irgendwann erschossen zu werden.“

Damals habe er kurzzeitig mit dem Gedanken gespielt, Deutschland zu verlassen, nach Israel zu gehen. Aber dann seien eine Woche nach dem Anschlag Tausende Menschen vor die Synagoge gekommen, alt und jung, Menschen aus Halle und anderen Städten. „Das waren keine Juden. Sie haben gesungen und uns gesagt, sie werden uns beschützen“, sagt der Kantor. Und dann wendet er sich direkt an den Angeklagten: „Wir haben Liebe und Solidarität erfahren. Was du getan hast, hat nichts gebracht.“ Und wieder klatscht der Saal.

Weitere aktuelle Themen