Köln - Roy Karadag ist türkischstämmiger Politik- und Islamwissenschaftler am Institut für interkulturelle und internationale Studien der Universität Bremen.

Herr Karadag, war die Absage der Auftritte türkischer Politiker in Gaggenau und Köln aus Ihrer Sicht sinnvoll?

Eigentlich konnte man in dieser Situation nichts richtig machen: Durch die Absagen verfestigt man bei den Deutschtürken die Wahrnehmung, dass die deutsche Regierung gegen die Türkei ist. Der Effekt ist, dass man auf Seiten der Deutschtürken die Reihen schließen wird. Das heißt im Resultat: Mehr Stimmen für Erdogan und die AKP. Umgekehrt erreicht man bei einer Zulassung solcher Veranstaltungen das Gleiche: Die Türken erleben, dass ihr Land plötzlich das wichtigste der Region ist. Egal ob Flüchtlingsfrage oder Syrien-Krieg: Nichts geht ohne die Türkei. Das macht stolz. Und jetzt kommt noch das Gefühl hinzu, dass man den Deutschen und den Europäern alles zumuten und den Deutschen endlich mal ihre Grenzen aufzeigen kann. Auch das stärkt Erdogan.

Wie sollten deutsche Politiker mit diesem Dilemma umgehen?

Eine Mehrheit der Deutschen ist zunehmend empört über die schwache deutsche Haltung der Türkei gegenüber. Daher muss die deutsche Politik reagieren und durch ein Verbot signalisieren „Wir lassen uns nicht alles bieten“. Andererseits ist die Türkei unverzichtbar, um die weltpolitischen Konflikte zu lösen. Man sollte daher eine Kompromisslinie wählen: Ein paar Minister dürfen hier reden – Erdogan selber allerdings nicht. Man sollte einerseits einen schärferen Ton anschlagen und andererseits die Kooperation aufrechterhalten.

Woran liegt es, dass so viele Türken in Deutschland hinter Erdogan stehen?

Das hat bei vielen mit der eigenen Migrationsgeschichte zu tun und mit der Erfahrung von Ablehnung durch die deutsche Mehrheitsgesellschaft. Viele hatten nie das Gefühl, hier wirklich dazuzugehören. Die, die sich immer schwach fühlten, sind jetzt plötzlich stark. Das weckt ein neues Ehrgefühl und hat auch bei den Deutschtürken den Stolz auf einen starken, respektierten Führer geweckt. Der zweite Punkt ist der Diaspora-Kontext: Wenn man sich nicht angenommen fühlt, verleiht der Nationalismus ein Gefühl von Sinn und Zusammengehörigkeit.

Man hat das Gefühl, dass der Riss in der Bewertung Erdogans quer durch die Familien geht.

Das ist das Verheerende, dass es Familien zerreißt. Bislang konnte man als Deutschtürke unpolitisch sein und sein Leben einfach leben. Das hat das Gros der Deutschtürken auch getan. Das geht jetzt nicht mehr. Die Situation zwingt zur Entscheidung: Entweder ist man Vaterlandsverräter oder Verräter der Freiheit. Da kommt es innerhalb von Familien zu Brüchen. Erdogan hat es geschafft, die Community so zu polarisieren, dass es nicht mehr ausreicht, einfach Deutschtürke zu sein.

Hinzu kommt das Feindbild „Islam“, das die Menschen Erdogan in die Hände treibt....

Ja, das stimmt auf jeden Fall. Aber das Problem ist, dass selbst die gut ausgebildeten Deutschtürken in einem Dilemma sind. Bislang galt: Je gebildeter man war, desto eher positionierte man sich gegen Erdogan. Da man nun die gesamte deutsche Gesellschaft gegen sich hat, entsteht eine Art Trotzreaktion, die auch gut Gebildete aufgrund ihres Zugehörigkeitsgefühls in eine Pro-AKP-Haltung treibt.

Für viele Deutsche ist schwer zu verstehen ist, warum Menschen, die Freiheit und Bürgerrechte schätzen gelernt haben, so wenig davon beeindruckt sind, wenn sie in ihrer Heimat beschnitten werden?

Das ist in der Tat ein großer Widerspruch. Am Ende ist es wohl eine Gefühlssache, weil Einheit und Stärke des Staates in den Köpfen vor der Freiheit rangieren. Erdogan gilt als Verteidiger der Nation, deren Einheit bedroht ist.