Blick auf die Hagia Sophia. 
Foto: dpa/Jason Dean

BerlinWie wenig Verständnis für das ästhetische Gewicht der Hagia Sophia der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan aufbringt, zeigt seine Auswahl des Teppichs für den Tag des ersten öffentlichen muslimischen Gebets in dem historischen Istanbuler Sakralbau seit 85 Jahren: ein Augengift in Türkis, dem man die Plastikfasern anzusehen meint. In gewisser Weise passend zu der Posse, die Erdogan aufführt, seit er jüngst das oberste Verwaltungsgericht der Türkei beschließen ließ, die einstige christliche Kathedrale, die später Moschee und seit 1934 Museum war, wieder in ein muslimisches Gotteshaus umzuwandeln. Die Einweihungsgebete werden live übertragen werden. Diese Fernsehshow ist die eigentliche Botschaft Erdogans, der damit von ökonomischen Härten im Land ablenken will.

Doch auch in der zu 99,9 Prozent muslimischen Türkei wird Symbolpolitik keine Mägen füllen. Vor einem Jahr noch war Erdogan weiser. Damals erklärte er, nur Ignoranten könnten die Hagia Sophia wieder in eine Moschee umwandeln wollen. „Füllt erst mal die Süleymaniye (Moschee, Anm. d. Red.)!“ Sie füllen auch die gegenüberliegende Blaue Moschee nicht, denn all diese Bauwerke liegen im historischen Zentrum Istanbuls, heute ein Museumsviertel, in das sich die fromme Kernklientel Erdogans nur selten verirrt. Deshalb wird der Präsident bald erkennen müssen, dass ihm das Spektakel keinen politischen Mehrwert bringt. Was vor 50 Jahren noch Anlass eines internationalen Kulturkampfs gewesen wäre, verpufft jetzt in der echten Welt – auch in der Türkei.

So enthüllten Drohnenfilme, dass am Tag der Umwandlungsentscheidung statt wie erwartet Zehntausende Gläubige gerade 200 Jubeltürken den Weg zur Hagia Sophia fanden. Meinungsforscher ermittelten, dass mehr als 40 Prozent der türkischen Bevölkerung glauben, Erdogan wolle damit nur die Wirtschaftskrise übertünchen. Von der jungen Generation Z interessieren sich nur noch zehn Prozent überhaupt für Religion. „Weil er keine Menschen islamisieren kann, islamisiert er jetzt Gebäude“, spottete der französische Islamismus-Experte Olivier Roy.

Erdogan scheitert an der profanen Wahrheit, dass die säkulare Moderne auch an der Türkei nicht spurlos vorbeigeht. In Wahrheit hat der prowestliche Republikgründer Atatürk, der die Hagia Sophia zum Museum und wichtigsten Symbol seiner säkularen Politik machte, längst gesiegt. Erdogans Rache ist historisch nur im Marx’schen Sinne, dass Geschichte sich höchstens als Farce wiederholt. Das Echo in der islamischen Welt blieb überaus mau. Nicht einmal die orthodoxen Schutzmächte Griechenland und Russland lieferten den erhofften radikalen Protest, sie verharren eher in ohnmächtiger Trauer. Die Folgen des Affronts gegen Moskau aber wird Erdogan noch zu spüren bekommen.

So wird die Umwandlung der Hagia Sophia statt zum Triumph zum Symbol von Erdogans Schwäche. Sie erinnert an seinen gescheiterten Versuch, die EU im Frühjahr mit einer künstlichen Flüchtlingswelle zu erpressen. Beide Debakel erhellen den Druck, unter dem der Autokrat wegen sinkender Zustimmungswerte und wachsender Brüche in seinem Machtapparat steht, ebenso wie seine militärischen Manöver im Ausland, um den türkischen Nationalismus zu mobilisieren. Doch je verzweifelter er versucht, seine Wählerbasis zusammenzuhalten, desto erpressbarer wird er aus der eigenen islamistischen Gefolgschaft.

Erdogan betont in diesen Tagen, wie souverän die Türkei mit ihren Bauwerken umgehen könne. Klar kann sie das. Aber schon fordern Fundamentalisten die Zerstörung der christlichen Mosaike in der Hagia Sophia. Das staatliche Religionsamt Diyanet, der neue Hausherr, hat in Präzedenzfällen wenig Respekt vor antiken Kunstschätzen gezeigt. Es steht zu befürchten, dass Erdogan das Weltkulturerbe mit der heutigen TV-Show dem Vandalismus islamistischer Bilderstürmer preisgibt – und dass er ähnlich radikale Willkürschritte folgen lassen könnte, außenpolitisch etwa die Annektion Nordzyperns. Erdogan, der früher als Pragmatiker galt, agiert derzeit wie ein in die Enge getriebener Tiger: unberechenbar und gefährlich. Darauf muss sich die EU einstellen. Sie muss ihm klare Grenzen setzen. Die Moschee-Umwandlung der Hagia Sophia ist ein Alarmsignal, das sie nicht überhören darf.