Der Berliner SPD-Abgeordnete Erol Özkaraca flog am Freitagabend mit seiner Familie nach Istanbul. Er ist häufig in der Stadt und wollte sich ein paar Tage entspannen. Was eine Urlaubsreise werden sollte, entwickelte sich zu einem Albtraum. „Ich traue mich nicht aus dem Haus“, sagt Özkaraca am Sonntag. „Was hier passiert, ist unglaublich.“ Er ist schockiert über ein Video, auf dem zu sehen ist, wie Soldaten auf der Bosporusbrücke von einem Mob gedemütigt, ausgepeitscht, gelyncht werden, wie  ihnen der Kopf abgeschnitten wird. „Und die Polizei sieht zu“, sagt der Rechtsanwalt. „Noch vor drei Tagen hätte ich so etwas nicht für möglich gehalten.“ Er sagt, er erkennt die Stadt nicht mehr wieder.

Bange Stunden

Als ihn unsere Zeitung zuvor am Samstagmittag telefonisch in seiner Wohnung in Istanbul erreichte, lag eine Odyssee hinter ihm. Bange Stunden voller Ungewissheit, ohne Schlaf. Schon der Flug mit Turkish Airlines deutete darauf hin, dass etwas nicht stimmt. „Wir mussten eine Stunde im Flugzeug warten, angeblich wegen Überlastung des Luftraums“, sagt Özkaraca. „Die wussten schon, dass ein Putschversuch des Militärs im Gang war.“

Nach der Landung in Sabiha Gökcen gegen 23 Uhr Ortszeit, dem kleineren Airport im asiatischen Teil Istanbuls, seien kaum Abfertigungsschalter besetzt gewesen. „Als wir die Eingangshalle verließen, lief nichts mehr. Alles war abgesperrt. Lkws und Panzer bildeten Barrikaden. Es gab keine Taxis, keine Busse“, sagt Özkaraca. Über das Flughafengelände seien Militärhelikopter und Kampfjets geflogen, immer wieder seien Maschinengewehrsalven zu hören gewesen.

"Allahu Akbar"-Rufe

Die Menschen seien in Panik geraten. Von weitem habe er laute „Allahu Akbar“-Rufe gehört. „Allah ist groß.“ „Die Frauen im Flughafen bekamen Angst und verhüllten ihre Körper.“

Nach sechs Stunden, am frühen Morgen, konnten sich der Rechtsanwalt und seine Familie zu einem nahe gelegenen Hotel durchschlagen. Auf dem Autobahnzubringer sahen sie Panzer, in denen Polizisten saßen. Sie riefen Freunde an, damit sie sie mit dem Auto abholen. Doch auch der Zugang zum Hotel war abgesperrt. Die Familie musste sieben Kilometer laufen, bis sie aufgelesen wurde. „Während der Fahrt sahen wir nur geschlossene Geschäfte.“ Das gibt es in Istanbul um diese Tageszeit sonst nie.

"Alles sehr merkwürdig"

Zu den Gerüchten, wonach der türkische Präsident Erdogan den inzwischen niedergeschlagenen Putsch inszeniert habe, kann Özkaraca nichts sagen. „Aber das ist alles sehr merkwürdig. Aus der Historie betrachtet, wäre das Militär nicht so dilettantisch vorgegangen.“ Diese von einer relativ kleinen Gruppe angezettelte Aktion habe keine Aussicht auf Erfolg gehabt. Auch habe der Geheimdienst von nichts gewusst. Für den 52-jährigen Politiker ist klar: „Für Erdogan ist die Wirkung positiv. Das war gewissermaßen sein Reichstagsbrand, der seine Macht stärkt.“ Dem Ziel eines Präsidialsystems sei er näher gekommen.

Özkaraca ist tief erschüttert über die Ereignisse. „Ich bin sehr traurig über die Opfer und für das Land“, sagt er. Die Türkei sei vor 15 Jahren auf einem so guten Weg gewesen. „Jetzt hat sie sich von Demokratie und Rechtsstaat weit entfernt. Die Türkei strebt nicht mehr in den Westen.“ Er fürchtet, dass die gegenwärtige Situation einen Krieg auslösen könnte. Die Stimmung in der Stadt sei gespenstisch. Viele Menschen blieben zu Hause. „Die Armee ist gleichgeschaltet. Das muss bei einem Nato-Partner Konsequenzen haben.“

Politischer Islam unterschätzt

Dies muss auch für das Zusammenleben mit Muslimen in Berlin gelten, fordert der SPD-Politiker, der seinen Wahlkreis in Neukölln hat. „In Berlin wird die Macht des politischen Islam unterschätzt“, sagt er. „Der gemäßigte Islam zeigt sich bei den Muslimen, die sich am wenigsten in Vereinen organisieren.“ Statt mit solchen Vereinen Staatsverträge abzuschließen, wie die SPD plant, müssten Gesetze erlassen werden. Er übt scharfe Kritik an Bekir Yilmaz, dem Vorsitzenden der Türkischen Gemeinde in Berlin. Er hatte am Samstag vor der türkischen Botschaft zu einer Versammlung aufgerufen, um gegen den Militärputsch zu demonstrieren. „Yilmaz hat sich mit dem Mob solidarisiert.“

Eigentlich wollte Özkaraca zehn Tage in seiner zweiten Heimat Istanbul bleiben. Jetzt überlegt er, früher nach Berlin zurückzukehren.