Am Himmel kreisten Hubschrauber, und plötzlich erinnerten sich die Reporter daran, wie sie am Mittag leicht genervt in den Pariser Südwesten zum Hotel der Mannschaft geeilt waren, weil es eine telefonische Bombendrohung gegeben hatte. An Spieltagen arbeiten Reporter spät und unter großem Druck. Der Vormittag ist der Ruhe vorbehalten. Da setzt man sich nur ungern spontan in die Metro und stellt sich vor ein Luxushotel, dessen Personal vollzählig auf der Straße steht und Witze macht, weil sich am Ende doch nur wieder einen Scherz erlaubt hat. Man wolle andererseits schon dabei sein, wenn an einem Freitag, den 13., das Quartier der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in die Luft fliegt, fanden die Reporter – ebenfalls in der Überzeugung, dass schon nichts sei. Und als dann die Bombenspürhunde das Hotel verlassen hatte und die DFB-Auswahl aus ihrem kurzzeitigen Exil im Tennis-Park Roland Garros zurück war, gingen alle wieder ihrer Wege und begaben sich zur Mittagsruhe.

Der Vorfall mit der Bombendrohung war bis zum Anpfiff im Stadion beinahe in Vergessenheit geraten. Aus professioneller Sicht gab es auch keinen Grund, die Angelegenheit weiter zu verfolgen: Denn nach dem Spiel zwischen Deutschland und Frankreich mit all seinen Erkenntnissen und Vorfällen würde sich niemand mehr für einen armen Irren interessieren, der im Hotel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft für einen turbulenten Vormittag gesorgt hatte. Ein paar Stunden später sollte niemand mehr über Bombendrohungen scherzen.

Auch die zweite Halbzeit wurde angepfiffen, was sollten die französischen Behörden auch tun? 78.000 Menschen wollte man lieber auf ihren Sitzplätzen haben als auf der Flucht. Auf der Ehrentribüne hatten sich die Reihen da bereits gelichtet: Francois Hollande, Frankreichs Staatspräsident, war von seinem Stab aus der Arena gebracht worden, mit ihm diverse weitere Würdenträger.

Jedes laute Geräusch sorgte für Angst

Die Franzosen feierten auch ihr zweites Tor frenetisch. Doch immer mehr Gerüchte machten die Runde, und die Stimmung wurde seltsam. Als nach dem Schlusspfiff die Menschen aus dem Stadion strömten, war das Bild ein disparates: Manche gingen beschwingt, hatten einander untergehakt und freuten sich über das bemerkenswert interessante Spiel, das ihnen da geboten worden war. Anderen dagegen war die Beunruhigung anzusehen. Jedes laute Geräusch sorgte für Angst, und plötzlich brach Panik aus, worauf Hunderte zurück in Richtung Stadion rannten oder Schutz suchten hinter Betonpfeilern. Väter mit ihren Kindern auf dem Arm glaubten, um ihr Leben zu rennen. Gerüchte von einem Schützen kursierten, von Schüssen und weiteren Bomben, von Attentätern überall.

Mehrere Tausend Menschen warteten schließlich auf dem Rasen des Stadions auf Entwarnung. Viele standen unter Schock, lagen am Boden, wurden erstversorgt und in Rettungsdecken gehüllt. Es waren Szenen wie aus einem Katastrophenfilm. Gegen 23.30 Uhr wurden die Menschen über die Stadionlautsprecher aufgefordert, den Innenraum ruhig zu verlassen und nach Hause zu gehen. Das Stadion wurde sanft geräumt, offenbar hielt die Polizei die Lage für sicher. Allerdings nicht sicher genug, um auch die deutsche Nationalmannschaft in die Nacht zu entlassen.

Die Reporter verließen erst weit nach Mitternacht das Stadion und den mittlerweile beinahe menschenleeren Stadtteil. Auf dem Weg zurück in die Innenstadt der dunkle Eiffelturm und die Silhouette von Notre Dame – die Pariser Stadtverwaltung hatte die Beleuchtung ihrer Wahrzeichen spontan ausgeschaltet. In der Dunkelheit der Boulevards standen überall Polizisten mit automatischen Waffen, bis in den Morgen hallten Sirenen durch die Häuserschluchten. Am Samstagmorgen erwachte Paris als eine veränderte, tief erschütterte Stadt.