Kultusministerien in Deutschland arbeiten äußerst effizient. Wenn sie irgendwo ein Problem wittern, zaubern sie schnell ein Akronym aus dem Hut. Und schreiben dazu einen Leitfaden. Und schon erscheint das Problem weniger problematisch.

Als beispielsweise in Baden-Württemberg plötzlich viele junge Menschen auftauchten, die weder das Land noch seine Sprache kannten, wurde der Vabo-Leitfaden erstellt. „Vabo“ steht für „Vorbereitungsjahr Arbeit und Beruf ohne Deutschkenntnisse an berufsbildenden Schulen“. In dem Kurs müssen geflüchtete Jugendliche Deutsch lernen, bevor sie in eine reguläre Klasse wechseln dürfen.

Lehrerin in einer Flüchtlingsklasse

Und da es nicht genug Lehrer gab für die vielen Vabo-Klassen, wurden Lehrer aus anderen Fächern verpflichtet, und weil das immer noch nicht reichte, Akademiker aus anderen Berufen eingestellt. Auch ich – Journalistin, keine pädagogische Erfahrung – bewarb mich. Was genau ich wem vermitteln sollte, wusste ich nicht, es gab weder ein Lehrbuch für den Unterricht noch einen Einführungskurs – nur den Vabo-Leitfaden, in dem stand, dass das Vabo eine interpersonale und atmosphärische Infrastruktur für das Ankommen in Deutschland bereitstellen solle.

Also gab ich mir viel Mühe mit der Unterrichtsplanung. Keine Paukerei, Spaß am Sprachenlernen sollten meine Stunden vermitteln, ich wollte Spiele, Videos, Wanderungen mit einbeziehen.

Die 17 Schüler, die dann in der Berufsschule einer Kleinstadt südlich von Freiburg vor mir saßen, hatten schon ein paar Monate Unterricht hinter sich. Drei weibliche und 14 männliche Vabos im Alter zwischen 15 und 20, aus Syrien, dem Irak, Afghanistan, Nigeria. Die meisten waren ohne Eltern nach Deutschland gekommen, genauer gesagt: in diese Schwarzwalddörfer, in denen sie nun in ehemaligen Urlaubspensionen und in Pflegefamilien lebten.

Der Unterricht ist eine Herausforderung

Ich sah die jungen Männer mit ihren Undercuts, ihren Ramones-T-Shirts und Nike-Turnschuhen und dachte: wie exotisch und fremd müssen diese Schwarzwalddörfer für sie sein. Als Berlinerin fremdelte ich ja selbst oft noch.

Ich sah sie als Gruppe, die eine prägende Erfahrung verband: die Flucht. Doch ansonsten hatten sie wenig gemeinsam. Die Fluchtgeschichten waren ebenso unterschiedlich wie der jeweilige familiäre Hintergrund. Von einem älteren Jungen hieß es, er habe im Irak in einer Villa mit Dienern gewohnt, von einem anderen, er stamme aus einem Subsistenzfarmer-Dorf in Nigeria. Ob diese Geschichten stimmten, wusste niemand, die wenigsten hatten Papiere mitgebracht, und einige Geschichten waren voller Widersprüche. Geprüft hatte man in der Schule, wer sogenannter Erstschriftlerner war, Analphabet. Und nun sollten Erstschriftlerner mit ehemaligen Gymnasiasten zusammen unterrichtet werden.

All das wusste ich nicht, denn ich hatte den Job mitten im Schuljahr übernommen, die alte Lehrerin hatte die Schule gewechselt.

Erster Tag als Lehrerin in einer Flüchtlingsklasse

Am ersten Tag war ich damit beschäftigt, die Namen herauszufinden, weil sich die meisten männlichen Schüler mit „Ronaldo“ vorstellten. Ich fragte freundlich nach und hatte das ungute Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. Weil ich eine Frau war? Weil ich neu war? Sollte ich vielleicht strenger sein?

Ich war unsicher, und darum herrschte an diesem Tag vor allem eins: Chaos. Während ich meine Kopien mit den Verb-Konjugationen verteilte, brüllte jemand etwas auf Arabisch in die Klasse, was minutenlang Unruhe verursachte. Als ich ein Video des Goethe-Instituts zeigen wollte, zückten zwei junge Männer ihr Handy und schalteten als Gegenprogramm ein arabisches Musikvideo auf laut. Als ich Rechtschreibung üben wollte, verabschiedeten sich zwei Mann auf die Toilette und kehrten nicht mehr zurück.

Es dauerte, bis ich begriff, das man Handys gleich am Morgen einsammeln musste. Dass Erziehungsmaßnahmen wie ein Eintrag ins Klassenbuch und die Androhung von Unterrichtsausschluss auf niemanden Eindruck machten, der von den Taliban entführt worden oder auf einem lecken Schlauchboot im Mittelmeer getrieben war. Und dass man Bildbeschreibungen nicht anhand von Menschen mit traurigen Gesichtern oder gar Fotos von deutschen Ostflüchtlingen anno 1945 üben sollte.

Ich schämte mich, dass ich als Lehrerneuling selten eine Stunde so halten konnte, wie ich sie zu Hause geplant hatte; dass ich trotz meiner Ideen für waldpädagogische Wanderungen, Picknick-Ausflüge oder Zeitungsprojekte offenbar unfähig war, eine Unterrichtsform zu finden, mit der ich Schüler zum Deutschlernen motivieren konnte oder wenigstens zum regelmäßigen Unterrichtsbesuch.

Deutsch lernen ist eine Herausforderung

Dann hörte ich von einer Kollegin mit Lehramtsausbildung, dass sie manchmal heulend nach Hause fahre. Eine andere sagte auf dem Flur: „Ich wünschte, ich wäre ein Mann! Dann wäre es einfacher mit dem Respekt.“

Es waren kurze Gespräche, außerhalb der Schule, ein Sich-Luftmachen, das in Verlegenheit endete. Mir war, als würden alle um Worte ringen, unsicher, in welcher Form und ob überhaupt man über seine Gefühle sprechen könne. Durfte man sagen: Ich fühle mich gekränkt?

Und dann kam die A 2-Prüfung, ein vom Kultusministerium erstellter Sprachtest, den Vabo-Schüler bestehen müssen, um in eine reguläre Schulklasse wechseln und einen deutschen Schulabschluss machen zu können. Ich schlug die Prüfungstexte auf und las:

„Im Luisenhaus tanzen die Menschen, sie lachen und singen. Es gibt ein ‚Cafe Nachbarschaft‘ und zwei Stockwerke für Menschen, die Hilfe brauchen. Junge Menschen lesen mit alten Menschen Geschichten, man singt im Internationalen Chor. Und alle helfen sich gegenseitig.“ Ich sah meine Kollegin an und sagte: „Klingt wie die sowjetischen Texte, mit denen ich auf meine Russisch-Sprachprüfung vorbereitet wurde!“

Die Kollegin sagte: „Nein, so klingt es, wenn man sich in einem Stuttgarter Ministeriumsbüro über den Alltag von Geflüchteten Gedanken macht.“

Ein Job, der stolz macht

Diese Gedanken umfassten auch den Bereich Wortschatz und die Grammatik. Ich hatte, ganz konservativ, ein paar Grammatikaufgaben erwartet: Den Unterschied zwischen „haben“ und „sein“ bei der Perfektbildung etwa, die Konjugation unregelmäßiger Verben, ein paar Adjektiv-Gegensatzpaare. Oder wenigstens ein paar schöne Wald-Vokabeln, schließlich war der Wald hier im Schwarzwald doch der wichtigste Arbeitgeber. Leider lautete die schriftliche Prüfungsaufgabe: Bloggen und Chatten mit Susi99. Unkonjugiert.

Nach dem Verteilen der Bögen meldete sich ein Prüfling aus Eritrea: Er wisse nicht, was er tun solle. Da rief ein anderer aus Afghanistan: „Der Schoko hat kein Smartphone.“

Das alles mag klingen, als wäre Vabo-Lehrer ein durch und durch frustrierender Job. Aber als ich die wichtigste Lehrer-Regel begriffen hatte – nichts persönlich nehmen! – begann dieser Job, mich stolz zu machen. Es war ein Stolz, der wenig mit Leistung zu tun hatte.

"Meine Klasse"

Ich war stolz, als nach einem Gang mit dem Förster durch den Wald ein Junge, der aus einer waldreichen Gegend in Syrien stammte, aber jede Nachfrage nach seinem früheren Leben abgewehrt hatte, plötzlich fragte, ob er nicht ein Praktikum im Wald machen könne. Ich war auch stolz, als Freiburger Filmemacher im Physiksaal ihren Film „Weit“ vorführten, der von ihrer Reise per Anhalter um die Welt handelte, und einer der vorlautesten Schüler plötzlich die anderen ermahnte: „Seid ruhig! Das sind Bilder aus Afghanistan!“ Dann übersetzte er für die anderen die Farsi-Sprecher auf der Leinwand. Und dann sah ich ihn im Dunkeln weinen.

Der schönste Moment war der, als die Klasse einen ganzen Tag lang lustlos an einem Text geschrieben hatte, in dem es darum gehen sollte, was den jungen Leuten in ihrem Leben in Deutschland gefällt. In dem Text eines der Mädchen stand: die Schule. In Afghanistan habe sie die nicht mehr besuchen dürfen. Geschämt habe sie sich, dass sie nicht richtig schreiben könne. Nun stand da: „Mein Traum ist es, einmal ein Buch zu schreiben.“

Nach ein paar Wochen sagte ich nicht mehr: die Vabos. Ich sagte: meine Klasse. Wie gerne hätte ich miterlebt, wie es weitergeht mit ihrem Leben im ländlichen Deutschland. Doch Lehrer ohne Lehramtsstudium bekommen nur einen Zeitvertrag. Und der läuft zum Schuljahresende aus.